Bozen – In letzter Zeit ist es Ander Amonn gesundheitlich nicht mehr gut gegangen. Der knapp 81-Jährige hat sich nach und nach zurückgezogen, gezeichnet von einem allmählichen Verfall der Kräfte nach einem arbeitsreichen Leben, das am 18. Dezember 1977 einen tiefen Einschnitt erfahren hat, als eine Verbrecherbande ihn unweit seines Hauses in Bozen entführte und zwei Monate in Mailand gefangen hielt. Doch der Reihe nach.
Ander Amon entstammte einer angesehenen Bozner Bürger- und Kaufmannsfamilie. Sein Vater Erich Amonn war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch Gründungsmitglied und erster Obmann der Südtiroler Volkspartei sowie Abgeordneter zum Landtag. Der junge Ander studierte Wirtschaft in Köln und München, zumal er ausersehen war, einmal die Aufgaben seines Onkels Walter in der Firma zu übernehmen, während seinem älteren Bruder Christoph die Bereiche Pflanzenschutz und Farben zugedacht waren. Seinen ersten Job in der Zentralkasse des Unternehmens erfüllte er gegen Ende der 1950er-Jahre nicht zur allgemeinen Zufriedenheit. Erich Amonn betraute ihn deshalb mit der Liquidierung der von ihm ungeliebten Lebensmittelsparte. Aber in diesem Sektor war Ander Amonn in seinem Element. Er hatte im Ausland beobachtet, wie sich der Lebensmittelhandel entwickelte, er sah, wie dort Selbstbedienungskonzepte Fuß fassten und welche Bedeutung eine einheitliche Warenpräsentation und ein Logo hatten. So überzeugte er den Vater, diese Sparte nicht aufzugeben, sondern umzugestalten und zu beleben. Nach ersten Erfolgen trat die Firma Amonn 1961 der noch jungen Spar-Kette in Italien bei, und das war die Geburtsstunde des Aufstiegs von Amonn und seiner Sell KG als Lieferant der angeschlossenen Despar-Händler sowie als Betreiber eigener Lebensmittelmärkte, wobei die Tätigkeit bald über Südtirol hinaus ins Trentino und in die Provinzen Belluno und Verona ausgeweitet wurde. Amonn war viele Jahre lang Mitglied des Verwaltungsrates der Despar Italien und wurde 1977 zum Präsidenten gewählt. 1971 hatte Ander Amonn auch die Firma Satib gegründet, die in Lizenz in einem Abfüllbetrieb in Auer Coca Cola produzierte. Mitte der 1970er-Jahre beschäftigte die gesamte Gruppe Amonn an die 700 Mitarbeiter und zählte damit zu den bedeutendsten Südtiroler Unternehmen.
Dies scheint auch Verbrecherorganisationen nicht verborgen geblieben zu sein. Am 18. Dezember 1977 kehrte Ander Amonn gegen 1.30 Uhr früh von einer Feier des HC Bozen, dessen Präsident er war, nach Hause zurück, als er am Eingang des Gscheibten-Turm-Weges von zwei Fahrzeugen blockiert wurde. Vermummte zerrten ihn aus dem Auto und brachten ihn – wie sich später herausstellte – nach Mailand, wo er in einem Zelt, das in einer Wohnung aufgestellt worden war, angekettet wurde. Fast genau zwei Monate blieb er in der Gewalt der Verbrecher, die Lösegeld von seiner Familie verlangten. Solche Entführungen waren damals in Italien beinahe an der Tagesordnung, aber Südtirol war bis dahin verschont geblieben. Amonn durfte das Zelt nur verlassen, um aufs Klo zu gehen (wobei seine Augen immer verbunden waren), er durfte sich nicht waschen oder rasieren. Seine Entführer bedrohten ihn öfters mit dem Tode für den Fall, dass seine Familie nicht zahlen würde, oder dass er einen der Entführer sehen und damit später identifizieren könnte. Dies veranlasste ihn, immer darauf zu achten, dass seine Augenbinde gut saß, wenn er das Zelt verließ. Am 17. Februar 1978 wurde er in aller Herrgottsfrühe neben einer Telefonzelle in der Peripherie von Mailand freigelassen – mit Bargeld und Telefonmünzen in der Tasche und dem Auftrag, ein Taxi zu rufen und sich zuerst nach Bergamo und dann nach Brescia bringen zu lassen, von wo er nach Bozen zurückkehrte. Für Ander Amonn soll ein Lösegeld von damals 1,7 Milliarden Lire gezahlt worden sein, was heute in etwa einer Summe von über sieben Millionen Euro entspricht.
Die Entführung war ein einschneidendes Erlebnis im Leben Amonns, und deren Folgen hat er nie vollkommen überwunden. Zwar begann er nach einer längeren Auszeit und Behandlung durch Fachleute wieder durchaus erfolgreich zu arbeiten und fand Freude am Leben (ein Höhepunkt in der Ära nach der Entführung war der Bau eines neuen Verteilungszentrums in Bozen Süd). Enge Freude Amonns sagen jedoch, dass er nie mehr derselbe war und nicht mehr mit demselben Elan und derselben Energie ans Werk ging wie früher. Auch er selbst hat festgestellt, dass ihn diese zwei Monate geprägt haben und er manche Dinge mit anderen Augen sah und anders gewichtete.
Ander Amonn war ein Pionier insbesondere im Lebensmittelhandel, und sein Erfolg steht stellvertretend für den allmählichen Aufstieg Südtirols von einer Schwellenregion zu einem wohlhabenden Land. Aber er war auch Realist. So, wie er 1959 die Chancen erkannte, die damals im Lebensmittelsektor lagen, so wurde ihm später klar, dass seine Amonn-Despar zu klein war, um sich langfristig behaupten zu können. Schweren Herzens veräußerte er deshalb zu Beginn der 1990er Jahre diesen Firmenzweig einschließlich des neuen Zentrallagers in Bozen (aber ohne die weiteren Immobilien) an die österreichische ASPIAG, welche kurz darauf auch die konkurrierende A&O von der Familie Podini übernahm. Später zog er sich dann vom operativen Geschäft in den anderen Unternehmen der Gruppe Ammon (Farben, Papier, Hotelbedarf, Immobilien u.a.) zurück. Von 1998 bis zum Erreichen der Altersgrenze im Jahr 2004 war Ander Amonn dann Präsident der Südtiroler Sparkasse AG, deren Verwaltungsrat er schon zuvor lange Zeit angehört hatte. In seiner Ära begann die Bank mit der Eröffnung einer Niederlassung in Trient ihre Expansion in andere Provinzen, und diese Strategie wurde unter seinem Nachfolger Norbert Plattner fortgesetzt und verstärkt. In diese Zeit (2002) fällt auch der 200. Geburtstag der Firma Amonn.
Nach seinem Ausscheiden aus der Sparkasse genoss Ander Amonn den Ruhestand, wenn er auch noch einige Zeit Funktionen in der Amonn Holding wahrnahm. Zuletzt nahmen seine gesundheitlichen Probleme zu, und am Samstag letzter Woche schloss er für immer seine Augen. Um ihn trauern seine Frau Margherita (Greti) Welponer, seine Töchter Bettina und Sylvia, sein Sohn Arno sowie zahlreiche Verwandte und Freunde. Südtirol hat mit ihm eine Führungspersönlichkeit verloren, die symbolisch für den Aufstieg des Landes steht – und für zunehmende Schwierigkeiten in der Phase der Sättigung.















