Bozen – „Grow and do epic shit“ – wachse und mach krassen Scheiß. Fünf Worte, in Orange, leuchten von der Wand in Philip Pirchers Unternehmen. Fünf Worte, die eigentlich alles sagen, über das Unternehmen und den Mann, der dahintersteckt.
Philip Pircher, weißes Hemd, Panto-Brille, Dreitagebart, empfängt in den Räumen seines Web- und Marketingunternehmens Web and Grow in Bozen. „Ich muss nur noch schnell ein Meeting beenden“, sagt er.
Was treibt jemanden an, der objektiv schon viel erreicht hat, immer mehr zu wollen?
In der Ecke steht eine etwa ein Meter große, rote Fünf. Vor zwei Jahren feierte die Firma ihren fünften Geburtstag – da war Philip 23. Mit 18 hatte er sie gegründet, zusammen mit einem gleichaltrigen Geschäftspartner. Kurz darauf kam die erste Mitarbeiterin. Heute sind es insgesamt 15, davon vier Freelancer:innen. Das Büro in Bozen Süd, 400 Quadratmeter, viele Schreibtische noch leer, schreit Wachstum. Philip ist auch Podcaster: „The Better Version“ beschreibt sich als einen Podcast für Leute, die mehr wollen. Philip Pircher selbst zählt dazu. Sein Lebensziel: die beste Version seiner selbst zu werden. Nicht irgendwann, sondern ständig.
Wer Philip Pircher trifft, trifft auf jemanden, für den Stillstand keine Option ist. Er lebt nach strikten Gewohnheiten, verfolgt klare Ziele, will sich permanent weiterentwickeln. Er ist 25, und längst noch nicht fertig. Was treibt jemanden an, der objektiv schon viel erreicht hat, immer mehr zu wollen?
Mit 14 fing es an
Um zu erklären, woher seine Begeisterung für Persönlichkeitsentwicklung kommt, spult Philip Pircher mehr als zehn Jahre zurück, zu seinem 14-jährigen Ich. In einem Alter, in dem andere Jugendliche PC- und Videospiele im Kopf haben, beginnen er und sein damaliger Nachbar, Freund und späterer Mitgründer, Maximilian Ceolan, Youtube-Videos zu Persönlichkeitsentwicklung zu schauen. Darin erklären Influencer:innen, wie man Ziele erreicht, wie man erfolgreich wird, wie man reich wird. Die zwei lesen Bücher wie „Rich Dad Poor Dad“ oder „Think and Grow Rich“ – zwei Klassiker, wenn es um Geld und Vermögensaufbau geht. „Wir verstanden bei Weitem nicht alles, was wir lasen“, sagt Philip Pircher. Dennoch lassen ihm die Themen keine Ruhe.
Nach einem Jahr Technologische Fachoberschule wechselt er in die Wirtschaftsfachoberschule. Die Eltern hätten keine Freude damit gehabt, meint der gebürtige Leiferer. Mit einem Abschluss der Gewerbeoberschule wäre ihm ein Job doch sicher, so ihr Credo. „Ich wollte näher an der Wirtschaft sein“, sagt Philip. Sein damaliger Berufswunsch: Manager.
Bald schon feilt Philipp mit Maximilian an ersten Businessideen. Eine davon ist ein Onlineshop für Fans von Nischenthemen. Die Idee dahinter: Es gibt bei jedem Thema eingefleischte Fans, die sich Fanartikel wünschen. Als Beispiel nennt der 25-Jährige das Eisfischen. Wieso also nicht Pölster, Tassen oder Mousepads mit entsprechenden Motiven bedrucken? Aus der Idee wurde nichts – doch die Neugier fürs Marketing, fürs Web war geweckt.
Vormittags Schulbank, nachmittags Kundentermin
Die zündende Businessidee reift dann im Sommer zwischen der vierten auf fünften Klasse der Oberschule. Philip und Maximilian klicken sich durch die Websites vieler Unternehmen und stellen fest: Da ist noch Luft nach oben. Bald schon betreuen sie erste Kunden, wobei, wie Philip eingesteht, „manche uns die Aufträge wohl deshalb gegeben haben, weil sie es toll fanden, dass zwei so junge Buben etwas auf die Beine stellen wollen“.
„Bei Kundenterminen am Nachmittag haben wir unterwegs irgendwo die Schultasche versteckt.“
Sie betreuen den Social-Media-Auftritt von einzelnen Firmen, bauen die Website für den Betrieb eines Bekannten. „Bei Kundenterminen am Nachmittag haben wir unterwegs irgendwo die Schultasche versteckt“, erinnert sich Philip. Wollte sich ein Kunde vormittags treffen, hieß es, da sei man besetzt. Im Laufe des letzten Schuljahres folgt dann der nächste Schritt: die Gründung des Unternehmens Web and Grow.
Als die zwei die Matura in der Tasche haben, haben sie, so erzählt es Philip, bereits fünf zahlende Kunden – und das Gefühl: „Die Nachfrage ist da.“ Kurz spielt er mit dem Gedanken, ein Studium zu beginnen. „Aber ich wollte keine Zeit verlieren“, sagt er.
Die anderen kochen auch nur mit Wasser
Heute, sieben Jahre später, erinnert ein Bild an der Fotowand im Büro von Web and Grow an die ersten Tage des Unternehmens: Zwei junge Buben grinsen in die Kamera. Philip nimmt das Bild von der Wand und schaut es an. „Da waren wir noch ganz am Anfang“, sagt er. Auf anderen Fotos ist das jetzige Team zu sehen, bei einer Workation, beim Pizzaessen, bei einer Konferenz.
Das Unternehmen, Web and Grow, beschreibt sich auf seiner Website als eine „Full Service Agentur“ mit Fokus auf Webdesign und Social-Media-Marketing. Seit zweieinhalb Jahren gehört eine zweite Marke zur Firma: emploi, im Employer Branding angesiedelt.
Philip Pircher ist der Geschäftsführer von Web and Grow. Das Know-how rund um Webdesign, Marketing, Social Media und Unternehmensführung haben er und sein Mitgründer, den Philip stets als „Geschäftspartner“ bezeichnet, sich selbst angeeignet. Mit Kursen, Podcasts, Webrecherchen. In der Firma sei Weiterbildung fest verankert, sagt Philip. Jedes Jahr gebe das Unternehmen eine hohe fünfstellige Summe für Weiterbildung fürs gesamte Team aus.
Neben klassischen Weiterbildungsformaten nimmt der 25-Jährige regelmäßig an sogenannten Mastermind-Treffen statt. Dabei handelt es sich um Netzwerke von Unternehmerinnen und Unternehmern, die auf Austausch und Zusammenarbeit ausgerichtet sind. Bei einem solchen Treffen erlebte er vor einigen Jahren einen Schlüsselmoment. Er traf mit Anfang 20 auf gestandene Unternehmer:innen, gar einige Millionärinnen und Millionäre seien dabei gewesen. „In den Gesprächen habe ich festgestellt: Die anderen sind auch nur so wie ich. Es muss also möglich sein“, sagt der 25-Jährige. Ab da war es keine Frage des Ob mehr, sondern des Wie.
Die bessere Version
Seit vergangenem Sommer hat Philips Unternehmen ein neues Büro in Bozen Süd. Die Einrichtung ist modern: auf einer Seite offene Würfel mit Tischen, in denen sich das Team zu Meetings treffen kann, eine „Chill-out-Area“ mit Diwan, Sitzsäcken, Brettspielen und einer Minigolf-Bahn. Philips Büro wirkt im Gegenzug fast schon leer: weiße Wände, Stehschreibtisch, PC, Kamera, Mikro. Keine Bilder oder sonstiger Krimskrams. Nichts, das ablenken würde. Von der Arbeit – aber auch von seiner Lebensphilosophie, wie er sie bezeichnet: „Ich möchte eine Version von mir selbst kreieren, die in der Lage ist, all ihre Ziele zu erreichen.“
Der 25-Jährige hat sein Leben in fünf Bereiche gegliedert: Karriere, Gesundheit und Sport, Beziehung, Finanzen sowie innere Ruhe und Spiritualität. Für jeden Bereich hat er verschiedene Ziele.
In seinem Podcast „The Better Version“ nimmt er Hörer:innen seit mehreren Jahren mit auf diese Reise. Darin spricht er mit verschiedenen Gästen: Einmal ist eine Coachin zu Gast, einmal ein Sportler, einmal ein Immobilienmakler. Es geht um Führung, um Erfolg, um sportliche Höchstleistungen. Mehr als 130 Folgen sind bereits erschienen, zurzeit veröffentlicht er sie nur noch sporadisch. „Andere Prioritäten“, meint er schulterzuckend.
Trotzdem arbeitet er weiterhin an seiner „Better Version“, daran, stets besser zu sein als tags zuvor. Wenn Philip von seiner Vision spricht, kommt er in einen Redefluss. Er klingt, als sei er zu 100 Prozent überzeugt von seiner Philosophie.
Ein Ziel: Zehn Millionen Privatvermögen
Der 25-Jährige hat sein Leben in fünf Bereiche gegliedert: Karriere, Gesundheit und Sport, Beziehung, Finanzen sowie innere Ruhe und Spiritualität. Für jeden Bereich hat er verschiedene Ziele. Eines davon: zehn Millionen Euro Privatvermögen, Unternehmensbewertung ausgeschlossen. „Die zählt nicht“, sagt er. Ein zweites ist, bis Jahresende fünf Kilogramm mehr zu wiegen. Mit weniger gebe er sich nicht zufrieden. Wenn nötig, drehe er ein paar Extrarunden.
Sein Leben richtet er nach seinen Zielen aus: Er arbeitet etwa 60 Stunden pro Woche, trainiert regelmäßig im Fitnessstudio, geht abends früh ins Bett. So richtig gehen lasse er sich selten. „Manchmal passiert es mir, dass ich abends ein paar Stunden auf Youtube verschwende. Danach nervt’s mich aber“, sagt er. Er ist überzeugt: „Alles, was ich erreiche oder nicht, liegt zu 100 Prozent in meiner Verantwortung.“
Die Frage nach dem Warum
Aber warum das alles? „Das ist der beste Weg für mich, langfristig glücklich zu sein“, sagt er. Glücklich sei er jetzt schon. Aber um seinen Zielen näher zu kommen, müsse er eben noch an sich arbeiten. Dann sagt er einen Satz, der seine ganze Philosophie in sich trägt: „Die Herausforderung ist, Ziele zu haben, aber nicht das eigene Glück daran zu koppeln.“ Glück sei der Zustand, nicht die Belohnung. Wachsen nicht der Mittel zum Zweck, sondern die Lebensweise.
Eine Zeit lang stand er stets um fünf Uhr auf, um möglichst viel vom Tag zu haben. Mittlerweile hat er diesen „Ehrgeiz abgelegt“, wie er sagt. Ganz unabhängig entscheidet er aber doch nicht, wann er aufsteht: Abends, vor dem Schlafengehen, prüft er die Daten des Fitnesstrackers an seinem Handgelenk. Schaut, wie viel Schlaf er laut diesem braucht. Stellt den Wecker. Morgen geht es weiter.
DIE SERIE In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe können hier oder über die SWZapp nachgelesen werden.


















