Bozen – Erste Elektroautos wurden bereits im 19. Jahrhundert entwickelt, doch der Siegeszug der billigeren Otto- und Dieselmotoren drängte sie in den Hintergrund. Heute – fast 140 Jahre später – sind E-Autos wieder im Kommen, weil der Mensch auf der Suche nach alternativen Antriebsarten ist. Denn zum einen sind die Rohstoffe, die für den Antrieb herkömmlicher Motoren notwendig sind, endlich und zum anderen sollen die Umweltverschmutzung und die Treibhausgasproduktion durch herkömmliche Antriebssysteme eingeschränkt werden.
„Die Leute werden in einigen Jahren auf Benzinmotoren zurückblicken so wie wir heute auf Dampfmaschinen und sagen: Es war eine gute Zeit, aber sie ist vorbei.“ Davon ist Elon Musk überzeugt. Der US-amerikanische Internetmilliardär macht Furore als Vorstandsvorsitzender von Tesla Motors, das in den USA mehr von seinen luxuriösen Öko-Sportwagen verkauft als BMW und Mercedes-Benz von ihren Spitzenmodellen.
Die USA – und dort vor allem Kalifornien – gelten in Sachen Elektromobilität als eines der führenden Länder weltweit. Auch in Japan, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich werden relativ viele Elektroautos verkauft. An der Spitze jedoch steht Norwegen, wo im Verhältnis zur Zahl der Autos am meisten E-Autos zugelassen sind: Seit März 2014 ist Norwegen das erste Land, in dem mehr als eines von 100 Autos elektrisch ist. Norwegen ist außerdem das erste Land, in dem Elektroautos die monatlichen Verkaufsrankings anführen: Vom September 2013 bis März 2014 war dreimal das Tesla Model S, zweimal der Nissan Leaf das bestverkaufte Modell.
In den genannten Ländern ist die Elektromobilität nicht allein wegen der altruistischen Haltung der Autofahrer oder deren besonderem Augenmerk auf die Umwelt auf dem Vormarsch: Es gibt diverse Steuererleichterungen, Förderungen und andere Vergünstigungen, wie zum Beispiel in Norwegen kostenloses Parken, kostenlose Lademöglichkeiten und die Benutzung von Busspuren.
In Südtirol hat die Landesregierung vergangene Woche angekündigt, dass das Land „Modellregion nachhaltiger Mobilität” werden soll. „Auf drei Achsen – der Radmobilität, der Elektromobilität und der sogenannten intermodalen Mobilität – wollen wir Südtirol zu einem Bezugspunkt in der Green Mobility machen. Konkret wollen wir bis 2018 mindestens 30 Schnellladestationen für Elektrofahrzeuge errichten und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass bis 2020 mindestens 1.000 Elektroautos in Südtirol zirkulieren“, sagte Landeshauptmann Arno Kompatscher in seiner Haushaltsrede.
Koordiniert wird das Projekt „Green Mobility“ von BLS-Mitarbeiter Harald Reiterer. „Nachhaltige Mobilität ist eine der tragenden Säulen eines modernen, attraktiven Standorts“, betont er. Das Projekt umfasse „alle Formen der nachhaltigen Mobilität, vernetzt sie miteinander, bereitet den Boden für Innovationen und lanciert neue Initiativen“.
Noch ist die Elektromobilität in Südtirol nicht weit verbreitet. Es finden zwar immer wieder Veranstaltungen dazu statt, wie etwa im heurigen Herbst die 5. EcoDolomites, eine Rundfahrt mit reinen Elektrofahrzeugen über Dolomitenpässe, an der knapp 50 Fahrzeuge (die Besitzer kamen zum größten Teil aus Deutschland, Österreich und der Schweiz) teilgenommen haben. Doch die von Kompatscher ausgelobten Ziele liegen in weiter Ferne: In den Jahren 2007 bis 2013 wurden in Südtirol 253 Fahrzeuge mit Elektroantrieb zugelassen – davon sind lediglich 128 Autos, daneben u.a. 57 Motorräder und 40 Spezialfahrzeuge. Außerdem wurden von den 253 zugelassenen E-Fahrzeugen 136 von Mietwagen- und Leasingfirmen angemeldet, die wegen der günstigen Autosteuern in Südtirol ihren Rechtssitz haben – die Fahrzeuge verkehren also mit großer Wahrscheinlichkeit nicht im Land. Und auch wenn man diese Zahlen mit denen dieses Jahres ergänzt, wird die Bilanz nicht rosiger: Bis 10. Dezember 2014 wurden 83 Elektrofahrzeuge zugelassen, davon ungefähr drei Viertel von Mietwagen- und Leasingunternehmen.
Bei den Schnellladestationen bietet sich gleichfalls ein trübes Bild: Derzeit gibt es einige wenige, in Bozen zum Beispiel jene der Messe Bozen oder jene der SEL in der Industriezone. Letztere ist vor knapp einem Monat in Betrieb gegangen, weitere sollen an den Hauptverkehrsachsen in ganz Südtirol entstehen. Derzeit ist das Aufladen kostenlos und funktioniert mittels einer Smartcard, die SEL-Kunden, die im Besitz eines Elektrofahrzeugs sind, zur Verfügung gestellt wird.
Ein etwas anderes Konzept verfolgen die Etschwerke (AEW), deren erste von 16 zwischen Bozen, Meran und Naturns geplanten Schnellladestationen seit Kurzem in der Bozner Perathonerstraße in Betrieb ist: Dort können E-Fahrzeuge mittels einer sogenannten RFID-Karte aufgeladen werden, mit der die Stationen dank Verträgen mit anderen oberitalienischen Stromanbietern auch für Nicht-AEW-Kunden zugänglich sind.
Schnellladestationen sind für die E-Mobilität deshalb wichtig, weil die Fahrzeuge an ihnen innerhalb kurzer Zeit ihre Batterien zu 80 Prozent aufladen können. „Ein Renault Zoe – der in der Größe mit dem Renault Clio vergleichbar ist – zum Beispiel ist in 45 Minuten so weit ‚aufgetankt‘, dass er wieder 100 Kilometer Reichweite hat; bei einer herkömmlichen Haushaltssteckdose würde das ca. sieben Stunden dauern“, erklärt Harald Reiterer.
Dieses Fehlen von Schnellladestationen ist einer der Faktoren, die die Entwicklung der Elektromobilität hemmen – denn ohne „Tankstellen“ sind die E-Autos mit ihrer relativ geringen Reichweite von 150 bis 200 Kilometern wenig interessant. Andererseits: Fachleute haben berechnet, dass der Großteil der Autofahrer täglich nicht mehr als 50 Kilometer zurücklegt.
Zur Thematik Schnellladestationen kommt außerdem hinzu, dass die Autohersteller auf drei verschiedene Standards setzen: das Gleichstrom-Ladesystem CHAdeMO (v.a. asiatische Hersteller), ein Wechselstrom-Standard ab 22 Kilowatt Ladeleistung (v.a. französische Hersteller) und den Gleichstrom-Standard CCS (ab 43 kW; v.a. deutsche Hersteller). Es kann vorkommen, dass das Auto eines Produzenten, der auf einen Standard setzt, an einer Ladestation, die einen anderen Standard zur Grundlage hat, nicht schnellladen kann; es gibt aber auch Stationen, die für alle drei Standards funktionieren – deren Errichtung ist in der Regel jedoch deutlich teurer. In Südtirol soll der Ausbau des Schnellladestationen-Netzes demnächst durch Staats- und EU-Fördermittel vorangetrieben werden.
Ein möglichst dichtes Netz ist nötig, weil Elektrofahrzeuge ein großes Manko haben. „Die größte Herausforderung ist die geringere Energiedichte der Batterien im Vergleich zu Benzin und Diesel. Die Batterien machen die Autos schwer, und das Gewicht wirkt sich auf die Reichweite aus“, weiß Harald Reiterer. „Aber die Branche investiert derzeit massiv in die Entwicklung neuer Batterien, und es heißt, dass die derzeitige Reichweite von 150 bis 200 Kilometern schon 2017 auf 300 Kilometer gesteigert werden kann.“ Zudem bieten einige Hersteller Käufern von E-Autos an, für eine bestimmte Zeit im Jahr ein „herkömmliches“ Auto zur Verfügung zu stellen, etwa für den Urlaub, wenn ein Fahrzeug mit großer Reichweite nötig ist.
Außerdem wird Elektroautos nachgesagt, dass die Batterien empfindlich auf Kälte reagieren und die Reichweite dadurch eingeschränkt wird. „Aus meiner Erfahrung kann ich das nicht bestätigen“, sagt Alexander Perathoner, seit Juni 2013 Besitzer eines Renault Zoe, mit dem er fast täglich die Strecke Wolkenstein – Bozen (ca. 80 Kilometer) fährt. „Allerdings“, fügt er an, „ist im Winter der Energiebedarf wegen der Winterreifen und der Heizung um bis zu 20 Prozent höher.“ So wie es auch bei herkömmlichen Fahrzeugen ist. Insgesamt, sagt Perathoner, sei er positiv überrascht davon, wie gut sich die Batterien halten. „Ich bin mittlerweile 40.000 Kilometer mit dem Zoe gefahren und habe noch immer eine 100-prozentige Leistungsfähigkeit.“
Weil Elektrofahrzeuge – noch – einige Schwächen haben, eignet sich ihr Einsatz vor allem in Flotten. Autotest, Zulieferer der Automobilbranche mit Hauptsitz in Lana, beispielsweise verfügt über insgesamt 16 E-Autos vom Typ Think City, es ist dies nach Firmenangaben die größte Flotte an Elektrofahrzeugen in Südtirol. Und AEW wird die Anzahl der E-Fahrzeuge im Fuhrpark sukzessive ausbauen.
Ein großer Vorteil der Elektromotoren neben den geringeren Schadstoffemissionen ist ihre Energieeffizienz. Diese ist sehr viel höher als jene moderner Verbrennungsmotoren. „Mehr als 90 Prozent sind es bei einem Elektromotor, im besten Falle rund 40 Prozent bei einem Verbrenner“, weiß Reiterer. Und: „Die Beschleunigung von E-Motoren wie jenem im Tesla ist beeindruckend – da schaut jeder Verbrennungsmotor hinterher.“ Das bestätigt Alexander Perathoner: „Wenn man die Kraft braucht, ist sie da.“ Ihn beeindruckt zudem, dass E-Autos leise sind und, dass aus dem Bremsen Energie gewonnen wird. „Deshalb eignen sich Elektroautos auch gut, im Gebirge zu fahren.“
Die Anfangsinvestition in ein E-Auto ist höher als jene in ein „normales“ Auto, doch in der Folge ist ersteres kostensparender: Die Energie- und die Wartungskosten sind geringer, in Südtirol sind sie zudem für fünf Jahre von der Steuer befreit, danach ist der Steuersatz um 75 Prozent reduziert. Weiters gibt es eine staatliche Förderung von einigen Tausend Euro für den Ankauf; doch diese Förderung ist nicht fix, sondern ist an eine Reihe von Kriterien gekoppelt und zudem gedeckelt, d.h., pro Jahr steht nur eine bestimmte Gesamtsumme zur Verfügung. Dazu kommt, dass Elektroautos in einigen italienischen Gemeinden auf öffentlichen Parkplätzen kostenlos abgestellt werden dürfen, in Neumarkt ist das zum Beispiel der Fall.
Den Renault Zoe einmal „vollzutanken“, kostet ca. vier Euro, damit hat er eine Reichweite von 150 Kilometer. „Wenn man günstigen Strom lädt, dann ist ein E-Auto ab 10.000 bis 15.000 Kilometer im Jahr bereits billiger als ein ‚herkömmliches‘ Auto“, sagt Alexander Perathoner.
Er und Harald Reiterer sind fest überzeugt davon, dass der E-Mobilität die Zukunft gehört. Welche Form der Elektromobilität den Durchbruch schaffen wird, ist jedoch eine andere Frage. Denn die batteriebetriebenen Elektroautos haben Konkurrenz: Ein anderes potenzielles alternatives Antriebsmittel von E-Fahrzeugen ist Wasserstoff (Hier kommt der Strom nicht aus der Batterie, sondern wird aus Wasserstoff gewonnen). Der japanische Autohersteller Toyota zum Beispiel brachte kürzlich das weltweit erste Serienauto mit Wasserstoffantrieb auf den Markt, den „Mirai“ – zu Deutsch „Zukunft“.











