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Ökologischer?Ablass in Euro

Mein Ökologischer Fußabdruck entspricht dem Durchschnitt. Ich wäre besser, wenn mich der Bereich Mobilität nicht so zurückwerfen würde. Ich habe schon an Buße gedacht, aber jetzt zögere ich.

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
17. Februar 2012
in Allgemein
Lesezeit: 3 mins read

Mein Beruf verpflichtet mich zu Objektivität, und ich versuche, dieser Pflicht gerecht zu werden. Also verteidige ich nicht grundsätzlich alles, was mir in den Kram passt, und verurteile nicht vorschnell, was nicht meiner Sicht der Welt entspricht. Ich bemühe mich, immer ein wenig hinter die Kulissen zu schauen und mir eine Meinung zu bilden, die auf stichhaltigen Argumenten beruht. Und weil Umweltschutz, Klimaerwärmung und CO2-Ausstoß halt einmal ein wichtiges Thema sind, verfolge ich die diesbezügliche Diskussion und habe im Laufe der Jahre so etwas wie ein ökologisches Gewissen entwickelt. Wir Mitteleuropäer sind ja vielfach recht sensibel geworden und fühlen uns der Umwelt verpflichtet, vielfach mit Worten und guten Absichten, seltener mit Taten und Verzicht.

Wo stehe ich als Mensch, der Ressourcen verbraucht und mit seinem Tun und Lassen die Umwelt beeinflusst? Bin ich rücksichtsvoller als der Durchschnitt der Bevölkerung – oder bin ich eine Wildsau im Garten Eden? Wie nachhaltig ist meine Lebensweise? Eine Antwort auf diese Fragen gibt – das habe ich schon vor längerer Zeit gelesen – der so genannte Ökologische Fußabdruck. Dessen Bemessung erfolgt unter Berücksichtigung unseres Lebensstils und Lebensstandards (CO2-Ausstoß) und somit unter Einbeziehung aller Ressourcen, die wir im Alltag verbrauchen. Er zeigt auf, wie viel Fläche benötigt wird, um alle Rohstoffe und Energie, die wir beanspruchen, zur Verfügung zu stellen. Wenn zum Beispiel alle Menschen so leben würden wie die Mitteleuropäer, bräuchten wir mehr als 2,5 Erden, um so wie bisher weitermachen zu können, denn der Fußabdruck in unseren Breiten beträgt rund fünf global Hektar (gha). Der dieser Erde gerechte Ökologische Fußabdruck liegt jedoch bei lediglich 1,9 gha.

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Ich habe meinen Ökologischen Fußabdruck über das Internetportal www.mein-fussabdruck.at berechnet, weil ich von der Annahme ausgehe, dass die Gesamtlage in Südtirol am ehesten jener in Österreich entspricht. Mit meinem Gesamtwert von 4,8 gha liege ich gar nicht gut, nämlich nur unwesentlich unter dem Österreich-Schnitt von 4,9 und klar über dem Zielwert von 1,9. Da ich in einem Klimahaus A mit neuen, energiesparenden Geräten lebe, sind meine Werte im Bereich „Wohnen“ hervorragend. Meine einigermaßen bewusste Ernährung und mein keinesfalls ausgeprägter Konsum haben zur Folge, dass meine diesbezüglichen Werte ein klein wenig unter dem Schnitt der Österreicher liegen. Aber dann kommt es dick: Die Mobilität reißt Löcher, denn in diesem Bereich bin ich eine wahre Umweltbombe. Ich lege mit meinem Auto der oberen Mittelklasse beruflich und privat an die 25.000 Kilometer im Jahr zurück, und da ich leidenschaftlich gern reise, kommt auch so mancher Kurzstrecken- und Interkontinentalflug dazu. Meine Mobilitätswerte liegen deshalb um 100 Prozent über dem Schnitt!

Nun: Das Autofahren kann ich teilweise nicht einschränken, teilweise will ich es nicht – und aufs Fliegen verzichten ist schwer, wenn man die Welt sehen will. Was tun also? Als ich jüngst eine Urlaubsreise nach Costa Rica unternahm, ließ ich die Klimawirkung des Flugs von München über New York nach San Jose und zurück über www.atomsfair.at errechnen. Die Emissionen betragen insgesamt 5.700 kg CO2 eröffnete mir der Rechner und teilte mir mit, dass die Jahresemissionen eines durchschnittlichen Inders 900 kg betragen, ein Jahr Autofahren mit einem Mittelklassewagen (12.000 km) 2.000 kg CO2 erzeugt und das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen 3.000 kg sind. Da habe ich doch glatt mit einem einzigen Flug mein Gesamtpensum um fast 100 Prozent überschritten! Aber es gibt Abhilfe: „Diese Menge CO2, kann atmosfair für Sie in einem Klimaschutzprojekt für 132 Euro einsparen“, verrät das Internet. Mit anderen Worten: Ich kann mich loskaufen, ich kann gewissermaßen einen ökologischen Ablass erwerben. „Mit dem Geld werden Wälder in Südamerika aufgefors- tet oder Solaranlagen in Indien finanziert“, eröffnet mir mein Bekannter Paul Tschigg vom Reisebüro Mundus.

Ich stand schon kurz davor, mein ökologisches Gewissen mit 132 Euro reinzuwaschen, da las ich im „Spiegel“ ein Interview mit dem Umweltexperten Fritz Vahrenholdt, der in seinem Buch „Die kalte Sonne“ darauf hinweist, dass die Prognosen des Weltklimarates auf einer dünnen Faktenlage erfolgen und sich die Erde wohl nicht so stark wie vorhergesagt erwärmen wird, da die höheren CO2-Werte seit einigen Jahren teilweise durch eine geringere Sonnenaktivität neutralisiert werden. Seit 2005 seien die globalen Temperaturen nicht mehr angestiegen. Volltreffer: Ich kann mit ruhigerem Gewissen weiterfliegen und muss nicht zahlen! Aber meine blöde Objektivität wird mir zum Verhängnis: In der „Zeit“ wurde Vahrenholdt inzwischen ziemlich zerrupft, und jetzt bin ich da, wo ich schon einmal stand: mit der Geldtasche in der Hand, aber noch unentschlossen. Hat jemand ein gutes Argument dafür, das dazu beitragen kann, 132 Euro zu sparen?

Schlagwörter: 07-12freenomedia

Ausgabe 07-12, Seite 7

Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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