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Obacht auf die andere Vereinbarkeit

DEMOGRAFIE – Wenn von Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Rede ist, geht es fast ausschließlich um Kinderbetreuung. Dabei wächst eine andere Herausforderung rasant: Immer mehr Berufstätige pflegen Angehörige. Damit wird die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zur Aufgabe, die auch Arbeitgeber angeht.

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
31. Juli 2026
in Südtirol
Lesezeit: 5 mins read

In Südtirol gibt es etwa 16.000 pflegebedürftige Menschen, 60 Prozent davon werden zu Hause versorgt. (Foto: Shutterstock / Nomad_Soul)

Bozen – Südtirol altert. Mit der Zahl der Pflegebedürftigen wächst auch der Druck – nicht nur auf das Gesundheits- und Sozialsystem, sondern zunehmend auch auf die Wirtschaft. In Südtirol gibt es etwa 16.000 pflegebedürftige Menschen, 60 Prozent davon werden zu Hause versorgt. Damit wird Pflege zunehmend auch zu einem Thema für Arbeitgeber, denn immer mehr Beschäftigte müssen Beruf und die Betreuung von Angehörigen miteinander vereinbaren.

Ulrich Seitz

Dramatisch wird die Situation, wenn die pflegende Person selbst ausfällt. Ulrich Seitz, Präsident von Alzheimer Südtirol Alto Adige (ASAA), betreut die Grüne Nummer der Vereinigung und beobachtet derzeit einen deutlichen Anstieg solcher Fälle. „Diese Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um 30 bis 40 Prozent gestiegen“, sagt Seitz. Viele Frauen, die eine:n Angehörige:n zu Hause pflegen, erkranken selbst. Nach einer Operation oder schweren Erkrankung sind sie oft nicht mehr in der Lage, die Betreuung allein zu bewältigen. Dann ist rasche Unterstützung gefragt. Spätestens in diesem Moment – oft aber schon früher – geraten die Familien unter enormen Druck und suchen händeringend nach einer sogenannten „Badante“, einer Pflegekraft aus dem Ausland.

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„Badanti“ als unverzichtbare Säule

Schätzungen zufolge sind in Südtirol rund 5.000 Badanti tätig – überwiegend Frauen aus Ost- und Südosteuropa, vermehrt jetzt auch aus Afrika und Südamerika – längst eine unverzichtbare Säule der häuslichen Pflege. Sie sind als Hausangestellte mit Zusatzfunktion „Betreuung von nicht selbstständigen Personen“ eingestuft, eingelernt werden sie im Idealfall von den Angehörigen – ausgerichtet auf die Bedürfnisse der zu pflegenden Person. Schwarzarbeit wird vermutet, lässt sich aber nicht belegen.

Ursula Thaler (Foto: www.gpichler.com)

Vermittelt werden sie von eigenen Agenturen, eine davon ist die Sozialgenossenschaft Humanitas24. 2014 gegründet, zählt sie zu den ersten professionellen Organisationen in Südtirol, die Familien bei der Vermittlung und Begleitung von Badanti sowie bei den damit verbundenen organisatorischen und bürokratischen Aufgaben unterstützen. Geschäftsführerin Ursula Thaler berichtet von zwei bis drei Anfragen pro Tag; jährlich werden etwa 400 Familien betreut.

„Für Familien wäre es sinnvoll, wenn die öffentlichen Dienste wie Hauspflegedienst oder Hauskrankenpflegedienst die privaten Hausangestellten begleiten würden“, sagt Thaler. „Das wäre eine professionelle wertvolle Unterstützung für die Betreuerinnen und für die Familien.“ Und vonseiten der öffentlichen Hand wäre mehr Initiative gefragt, sagt Thaler, selbst als Vizebürgermeisterin der Gemeinde Deutschnofen politisch aktiv. „Es wäre sinnvoll, wenn sich die öffentliche Hand stärker damit ausei­nandersetzt, woher die Betreuungskräfte kommen, die unsere älteren Menschen pflegen, statt dies allein dem Zufall der Migration zu überlassen.“

Pflegelotsen als Ansprechpartner:innen

Zurück zu den Angehörigen. Auch mit Badante, mehr noch ohne, bleibt die Organisation der Betreuung für viele Familien eine enorme Herausforderung, für Berufstätige eine Doppelbelastung. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit, verzichten auf Karrierechancen oder verlassen den Arbeitsmarkt vorübergehend ganz. Für Unternehmen entstehen dadurch Fehlzeiten, Produktivitätsverluste und zusätzlicher Druck in einer Zeit, in der Fachkräfte ohnehin knapp sind.

Während viele Betriebe Modelle und Strukturen – etwa Betriebskitas – entwickelt haben, um Eltern kleiner Kinder zu unterstützen, gibt es keine vergleichbaren Angebote für pflegende Angehörige. Dabei wird der Bedarf in den kommenden Jahren deutlich steigen.

ASAA-Präsident Ulrich Seitz ist nun auf ein Modell aufmerksam geworden, das in einigen deutschen Bundesländern erfolgreich umgesetzt wird – das Modell des Pflegelotsen. Dabei handelt es sich um Beschäftigte im Unternehmen mit einer Qualifizierung zum Thema Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Sie wissen, an wen sich Kolleginnen und Kollegen im Pflegefall wenden können, kennen gesetzliche Freistellungsmöglichkeiten und vermitteln den Kontakt zu Beratungsstellen und Pflegediensten.

Hessen, Vorreiter bei Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Kathrin Kempf

Das deutsche Bundesland Hessen gilt in Sachen Vereinbarkeit von Pflege und Beruf als Vorreiter. Hier hat man die Zeichen der Zeit früh erkannt: Die Hessische Initiative „Beruf und Pflege vereinbaren“ wurde 2013 vom Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege ins Leben gerufen. „Intention war und ist es, in hessischen Unternehmen und Organisationen für eine pflegesensible Personal- und Unternehmenskultur zu werben, die gleichermaßen die Interessen der pflegenden Beschäftigten als auch der Unternehmen berücksichtigt“, erklärt Kathrin Kempf, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e. V.

Von Anfang an waren mit berufundfamilie Service GmbH, der Krankenkasse AOK Hessen und dem genannten Bildungswerk starke Partner mit dabei. Mittlerweile sind 350 Arbeitgeber mit insgesamt über 350.000 Mitarbeitenden Mitglieder der hessischen Ini­tiative. Die Rückmeldungen der Unternehmen seien durchwegs positiv, sagt Kempf. „Wer Mitarbeitende dabei unterstützt, Beruf und Pflege besser zu vereinbaren, trägt dazu bei, Überlastungen vorzubeugen, Ausfallzeiten zu reduzieren und Fachkräfte langfristig im Unternehmen zu halten. Deshalb ist das Thema heute ein wichtiger Bestandteil einer zeitgemäßen Personalpolitik in Unternehmen.“

Was bieten Unternehmen ihren Mitarbeitenden an? Da sind einmal Freistellungsoptionen nach dem Familien- und Pflegezeitgesetz, betriebliche Vereinbarkeitslösungen wie etwa Teilzeit- und flexible Arbeitszeitregelungen, Einführung von Arbeitszeitkonten, externe Employee-Assistance-Programme (EAP) mit konkreten Beratungs- und Unterstützungsangeboten für pflegende Beschäftigte sowie in Einzelfällen Einbindung von Beratungsstellen und Betreuungsvereinen und nicht zuletzt die Qualifizierung und Implementierung von betrieblichen Pflege-Guides oder Pflegelotsen. „Mit einer festen Ansprechperson erhält das Thema mehr Aufmerksamkeit in den Unternehmen. Beschäftigte erleben, dass ihre Situation wahrgenommen wird und sie Unterstützung erhalten“, so Kempf.

Teilstücke daraus wären auch für Südtirol interessant, sagt ASAA-Präsident Seitz. Er hat auch schon bei einzelnen Unternehmen vorgefühlt – und ist dort durchaus auf Interesse gestoßen. „In Zeiten von Ressourcenmangel ist das ein großes Thema“, sagt Seitz. „Pflege ist keine karitative Freundlichkeit, sondern entwickelt sich zusehends zur Kernverantwortung engagierter Unternehmer.“ In Zeiten des Fachkräftemangels „ist es uns ein Anliegen, Vorgesetzte zu motivieren, für betroffene Mitarbeiter im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten flexible und individuelle Lösungen zu finden. Das ist ein Mehrwert für alle.“

Die Ausbildung der Bezugspersonen in der Firma – der Pflegelotsen – würde ASAA übernehmen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass ASAA einen Schalterdienst in der Firma anbietet, etwa einmal im Monat – und Betroffene mit Informationen versorgt.

Andenken könnte man auch eine Seniorenbetreuung nach dem Vorbild der Kitas, eventuell in Zusammenarbeit mit Seniorenheimen. „Damit man eine ältere Person gut aufgehoben weiß, während man arbeitet“, sagt Seitz.

Unternehmerverband reagiert zurückhaltend

Beim Unternehmerverband Südtirol (UVS) reagiert man zurückhaltend auf den Vorschlag. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für unsere Unternehmen ein zentrales Zukunftsthema – und dazu zählt neben der Kinderbetreuung zunehmend auch die Pflege von Angehörigen“, erklärt Präsident Alexander Rieper auf Anfrage. „In Zeiten des Arbeitskräftemangels ist es entscheidend, möglichst viele Menschen im Erwerbsleben zu halten – insbesondere Frauen, die immer noch den Großteil der Care-Arbeit übernehmen.“

Alexander Rieper (Foto: Manuela Tesaro

Initiativen, die hier Orientierung bieten, wie etwa das Modell des Pflegelotsen, könnten ein interessanter Ansatz sein, sagt Rieper. „Gleichzeitig gilt – in der Pflege ebenso wie bei der Wohnungsbeschaffung, der Kinderbetreuung oder der Integration neuer Mitbürgerinnen und Mitbürger –, dass Unternehmen nicht alle Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen können.“ Betriebliche Initiativen könnten unterstützen und Orientierung geben, sie könnten jedoch keine fehlenden öffentlichen Strukturen ersetzen. Gerade im Pflegebereich brauche es verlässliche Angebote und ausreichend Fachpersonal – „das ist in erster Linie eine Aufgabe der öffentlichen Hand“, meint Rieper. „Umso wichtiger ist ein Zusammenspiel von Betrieben, öffentlichen Institutionen und Fachorganisationen. Als Unternehmerverband sind wir bereit, diesen Dialog zu führen und gemeinsam neue, praktikable Modelle für Südtirol zu entwickeln.“

In Bayern gibt es „andere Sorgen“

Bleibt zu sagen, dass auch in Deutschland nicht alles Angedachte umgesetzt werden kann. In Bayern etwa wurden Modellprojekte in Sachen betriebliche Pflegelotsen angeboten. „Die haben wir aber wieder fallen gelassen, weil sie von den Unternehmen nicht angenommen wurden“, erklärt Christian Müller vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention in München. „Wir haben andere Sorgen, wurde uns signalisiert, etwa den Fachkräftemangel.“ Aber gerade der sei ein Argument, ein Auge auf die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu haben, sagt Müller. Jetzt verstärkt man in Bayern die Unterstützung der häuslichen Pflege.

Allerdings steigt die Nachfrage nach entsprechender Ausbildung in Bayern langsam an: Beim Familienpakt Bayern – einer Anlaufstelle für Arbeitgeber, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern – hat man festgestellt, dass die Zahl der Institutionen, die eine Ausbildung für Pflegelotsen anbieten, vom Vorjahr auf heuer von zwei auf fünf gestiegen ist. „Das Modell ist bei uns erst im Kommen“, heißt es dort. Fazit: Neue Wege brauchen eben Zeit.

Ulrike Stubenruß

DIE AUTORIN ist freiberufliche Journalistin.

INFO Interessierte Südtiroler Unternehmen können sich für das Pilot­projekt zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bei Alzheimer Südtirol Alto Adige (ASAA) melden: info@asaa.it oder über die Grüne Nummer 800660561.

Schlagwörter: 30-26free

Ausgabe 30-26, Seite 3

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