Bozen – Die Bilanz ist mager: Über das Interreg-Projekt x-change, das vom Landesamt für Lehrlingswesen und Meisterausbildung unterstützt wird, sind seit 2001 nur 28 Südtiroler Lehrlinge ins Ausland gegangen. 70 Lehrlinge kamen hingegen vom Ausland nach Südtirol – auch nicht viel, aber immerhin etwas mehr. Dank x-change könnten Südtiroler Betriebe ihre Lehrlinge für einige Wochen in Partnerbetriebe nach Deutschland, Liechtenstein, Österreich, in die Schweiz, in das Elsass oder nach Restitalien schicken, ohne im Gegenzug zwingend auch selber „fremde“ Lehrlinge für einige Wochen aufnehmen zu müssen. Das Angebot wird aber kaum genutzt: Zum einen wollen die Lehrlinge nicht, zum anderen wollen aber auch die Betriebe nicht.
Während es für Abgänger von allgemeinbildenden Oberschulen zu einer weit verbreiteten Selbstverständlichkeit geworden ist, für Studien- und auch Arbeitszwecke von zu Hause wegzugehen und Erfahrungen zu sammeln (gar einige kommen gar nicht mehr zurück), ist das in den praktischen Berufen eine absolute Seltenheit. Dabei war einst gerade in den praktischen Berufen die Wanderschaft ein Muss: Ab dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung begaben sich Gesellen oft mehrere Jahre lang „auf die Walz“ und durften in dieser Zeit nicht nach Hause zurück – es war die Voraussetzung für die Zulassung zur Meisterprüfung.
Vergangen und vergessen sind solche Lehrjahre. Und obwohl Auslandserfahrungen – selbst wenn sie nur wenige Wochen dauern – wertvoll und lehrreich wären, werden sie den Lehrlingen kaum ans Herz gelegt, ganz im Gegensatz zu den Abgängern der allgemeinbildenden Oberschulen. Die duale Ausbildung, die Südtirol gerne voller Stolz als Waffe gegen die Jugendarbeitslosigkeit anpreist, glaubt, ohne jene Horizonterweiterung auszukommen, die bei Maturanten und Akademikern als Pluspunkt im Curriculum betrachtet wird.
Die Möglichkeit, für ein paar Wochen ins Ausland zu gehen, hätten Südtirols Lehrlinge durchaus, unter anderem (aber nicht nur) dank dem erwähnten Interreg-Projekt x-change (www.xchange-info.net). Einer, der das Projekt genutzt hat, ist Benjamin Profanter von der Natur-Backstube Profanter in Brixen. 2003 verbrachte Profanter einige Zeit in der Nähe von Würzburg und schwärmt bis heute von einer „tollen Erfahrung“. Er habe viel Neues gelernt, was ihm der eigene Lehrbetrieb und die Schule nicht hätten vermitteln können. Profanter hat daher seinerseits bereits mehrere Lehrlinge zu einem Auslandsaufenthalt überredet. „Wir zwingen niemanden, wir raten es aber“, so Profanter. Wenn die Lehrlinge zurückkämen, sei regelmäßig eine Weiterentwicklung festzustellen. Profanter bedauert, dass im Handwerk das Bewusstsein für die Bedeutung von Auslandserfahrungen nicht vorhanden sei. Und er bedauert, dass die meisten Lehrlinge lieber den bequemen Weg wählen und zu Hause bei Mama bleiben. „Die Südtiroler blicken nur ungern über den Tellerrand hinaus“, sagt Profanter kritisch.
Ähnliche Erfahrungen macht Karl Forer vom Elektrotechnikunternehmen Elpo in Bruneck. Wenn er Lehrlingen einen Auslandsaufenthalt anbiete, ernte er in der Regel eine höfliche Ablehnung. Nichtsdestotrotz habe Elpo bereits mehrere Lehrlinge ins Ausland geschickt: „Wenn jemand will, unterstützen wir das hundertprozentig, denn die Zeit im Ausland ist eine sinnvolle Investition.“ Derselben Meinung ist Philipp Spögler vom technischen Handelsunternehmen Tecnomag in Bozen. Auf Anraten seines Arbeitgebers hat Spögler 2010 zwei Wochen im Ausland verbracht. „Es hat mir super gefallen und ich habe in den zwei Wochen viel gelernt – zum Beispiel auch die unterschiedlichen Funktionsweisen von Italien und Deutschland“, erzählt Spögler. Mit dieser Erfahrung im Gepäck würde er jedem Lehrling raten, die Chance zu nutzen.
Erst vor Kurzem hat das Spenglerunternehmen Trenkwalder & Partner in Wiesen/Pfitsch erste Erfahrungen mit x-change gemacht. Zwei Lehrlinge aus Deutschland schnupperten in den Wipptaler Betrieb hinein, demnächst werden zwei Lehrlinge von Trenkwalder den umgekehrten Weg gehen. „Wir haben ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Wir werden das wieder machen“, freut sich Hubert Trenkwalder, der übrigens im fernen Jahr 1959 auch selbst in Deutschland lernen durfte und daher den Wert einer solchen Auslandserfahrung für einen Lehrling kennt. Trenkwalder schmunzelt, wenn er von den beiden deutschen „Flachland-Indianern“ erzählt. Für sie sei es ein unvergessliches Erlebnis gewesen, das Dach einer Schutzhütte hoch oben in den Bergen zu decken (und mit dem Hubschrauber an den Arbeitsplatz zu fliegen). Und als Trenkwalder mit ihnen auf einen Berg gewandert ist, um ihnen dort den Sonnenuntergang zu zeigen, „waren die beiden den Tränen nahe“, erzählt Trenkwalder. Trenkwalder gibt Jugendlichen gerne solche Chancen, Neues zu lernen.
Freilich müssen die Jugendlichen das auch zulassen. Und während in Deutschland vermehrt die Walz wiederentdeckt wird, tun sich die jungen Südtiroler Lehrlinge schwer mit dem Gedanken, ihr Paradies auf Erden zu verlassen – und sei es nur für ein paar Wochen.















