Bozen – Ein Bombenalarm in Südtirol, das klingt zunächst nach einem Szenario aus einem Thriller. Und tatsächlich: Die Wahrscheinlichkeit gilt als gering. „Die Hypothese eines Bombenalarms in Südtirol ist glücklicherweise eher gering einzuschätzen“, schreibt die Zuständige für Zivilschutz beim Regierungskommissariat, Amanda Rosato, auf SWZ-Anfrage. Dennoch gehöre das Thema angesichts der internationalen Lage zu den Prioritäten und stehe „unter der vollen, täglichen Aufmerksamkeit der Institutionen – sowohl auf zentraler als auch auf territorialer Ebene“.
Das Thema steht „unter der vollen, täglichen Aufmerksamkeit der Institutionen – sowohl auf zentraler als auch auf territorialer Ebene“. Amanda Rosato
Mit anderen Worten: Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Natürlich ist Südtirol nicht im selben Maß gefährdet wie große Metropolen. Gleichzeitig ist die Brennerroute eine sensible Handelsachse. Würde sie beschädigt oder unterbrochen, könnte das den Warenfluss und die Lieferung von Bauteilen innerhalb Europas durchaus beeinträchtigen.
Was würde in Südtirol passieren, wenn tatsächlich ein Bombenalarm ausgelöst würde? Gibt es Pläne, wer koordiniert das Vorgehen? Wohin soll die Bevölkerung? Und gibt es Schutzräume?
Die Antwort fällt überraschend klar – und zugleich vage – aus: Es gibt Pläne. Aber sie sind nicht öffentlich zugänglich.
Ein Plan, der existiert – aber geheim ist
Laut Regierungskommissariat verfügt jede Provinz Italiens über Notfallpläne für unterschiedliche Bedrohungsszenarien. Grundlage sind nationale Sicherheitskonzepte des Innenministeriums, die wiederum auf Bewertungen des Komitees für strategische Antiterroranalyse (Casa) und der Nachrichtendienste beruhen.
Für Südtirol gilt ein provinzieller Antiterrorplan, der vor Kurzem aktualisiert wurde – auch mit Blick auf die Olympischen Winterspiele Mailand–Cortina 2026.
„Jede territoriale Planung enthält konkrete Handlungsprotokolle“, erklärt Amanda Rosato. Darin sei festgelegt, welche Behörden welche Aufgaben übernehmen, welche Maßnahmen je nach Szenario vorgesehen sind und welche Hinweise der Bevölkerung gegeben werden.
„Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister setzen in ihrem Gebiet die von den Sicherheitsbehörden vorgegebenen Maßnahmen um.“ Amanda Rosato
Umgesetzt werde dies in einem mehrstufigen System. „Neben Polizei und Militär sind auch die territorialen Körperschaften beteiligt“, so Rosato. Dazu gehörten unter anderem die Autonome Provinz mit der Agentur für Bevölkerungsschutz, das Berufsfeuerwehrkorps sowie die freiwilligen Feuerwehren. Auch die Gemeinden würden eingebunden. Rosato: „Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister setzen in ihrem Gebiet die von den Sicherheitsbehörden vorgegebenen Maßnahmen um.“
Soweit die Theorie.
Zuständigkeiten und offene Fragen
Nur: Wie diese Einbindung im Detail aussieht, bleibt unklar. „Ehrlich gesagt kann ich auch nicht sagen, wie detailliert konkrete Pläne vorhanden sind“, sagt Klaus Unterweger, der Direktor der Agentur für Bevölkerungsschutz.
Der Grund liegt nach seinen Angaben in der Zuständigkeitsverteilung. Szenarien wie militärische Bedrohungen oder ein Bombenalarm fallen demnach in den Aufgabenbereich des Staates. „Das fällt in die Zuständigkeit des Militärs und – bei uns in Südtirol – des Regierungskommissariats“, so Unterweger.
„Das konkrete Vorhalten von Luftschutzkellern oder speziell adaptierten Räumlichkeiten gehört nicht in unseren Zuständigkeitsbereich.“ Klaus Unterweger
Der Zivilschutz selbst konzentriert sich auf Naturereignisse und technische Krisen – etwa Hochwasser, Lawinen, Blackouts oder größere Infrastrukturstörungen. Auch zu möglichen Schutzräumen kann Unterweger keine Angaben machen: „Das konkrete Vorhalten von Luftschutzkellern oder speziell adaptierten Räumlichkeiten gehört nicht in unseren Zuständigkeitsbereich.“
Auf weitere Nachfragen – etwa zu Schutzräumen, konkreten Verhaltensanweisungen oder Informationsabläufen für die Bevölkerung – bleibt das Regierungskommissariat vage. Zivilschutz-Verantwortliche Amanda Rosato verweist auf die Geheimhaltung: „Der Inhalt des Plans ist klassifiziert und daher nicht öffentlich zugänglich.“
„Der Inhalt des Plans ist klassifiziert und daher nicht öffentlich zugänglich.“ Amanda Rosato
Wohin im Ernstfall?
Die vielleicht wichtigste Frage bleibt damit offen: Wohin soll die Bevölkerung bei einem Bombenalarm? Tunnel? Tiefgaragen? Keller? Bunker?
Das Problem: Ein kriegsbedingter Bombenalarm wird in der Regel nicht Wochen im Voraus angekündigt. Zwischen Warnung und möglichem Einschlag können im Ernstfall nur wenige Minuten liegen. Das Zeitfenster, um Behörden zu informieren, Einsatzkräfte zu koordinieren und der Bevölkerung zu erklären, wohin sie sich begeben soll, wäre entsprechend klein. Die geheimen Notfallpläne erst in diesem Moment zu kommunizieren, könnte dieses Zeitfenster also durchaus sprengen.
Bleibt am Ende die pragmatische Lösung, die viele Länder ohnehin anwenden: allgemeine Schutzanweisungen. Gebäude aufsuchen, Fenster schließen, Lüftungen ausschalten und auf weitere Informationen warten.
Zur Alarmierung stehen in Italien mehrere Systeme zur Verfügung. Neben Sirenen gibt es das nationale Warnsystem IT-alert, das Meldungen direkt auf Mobiltelefone sendet. Ergänzt werden kann dies durch Radio- und Fernsehdurchsagen sowie Lautsprecherdurchsagen der Einsatzkräfte.
Mit anderen Worten: Wenn es ernst wird, gelten vermutlich erst einmal dieselben Regeln wie bei vielen anderen Alarmen auch.
Blick über die Grenzen
In anderen Ländern ist das zum Teil anders geregelt. Europa geht mit dem Thema Schutzräume sehr unterschiedlich um.
In der Schweiz führen Gemeinden Register darüber, welcher Haushalt welchem Schutzraum zugeordnet ist.
Die Schweiz gilt als Musterbeispiel. Dort ist der Bau von Schutzräumen gesetzlich vorgeschrieben: Bei größeren Neubauten müssen Schutzräume für die Bewohner:innen eingeplant oder eine Ersatzabgabe entrichtet werden. Heute verfügt das Land über rund 360.000 Schutzräume mit etwa neun Millionen Schutzplätzen – genug für die gesamte Bevölkerung. Gemeinden führen Register darüber, welcher Haushalt welchem Schutzraum zugeordnet ist.
Auch Finnland setzt seit Jahrzehnten auf massive unterirdische Anlagen. In Helsinki befinden sich riesige Schutzräume tief unter der Stadt – manche dienen im Alltag als Parkhäuser, Sporthallen oder Schwimmbäder und können im Ernstfall innerhalb weniger Stunden aktiviert werden.
Ähnlich ist die Situation in Schweden, wo rund 65.000 Schutzräume existieren. Viele davon sind in Wohnhäusern oder öffentlichen Gebäuden integriert.
Ganz anders sieht es in vielen anderen europäischen Ländern aus. In Deutschland, Österreich oder Frankreich wurden die meisten Bunkersysteme nach dem Ende des Kalten Krieges aufgegeben. Heute setzen diese Länder stärker auf Warnsysteme, Evakuierungspläne und Katastrophenschutz. Deutschland arbeitet derzeit an einem neuen Schutzraumkonzept.
Zwischen Geheimhaltung und Realität
Bleibt also die Frage: Wie gut ist Südtirol auf einen Bombenalarm wirklich vorbereitet?
„Die Entwicklungen der internationalen Lage werden regelmäßig im Provinzausschuss für öffentliche Ordnung und Sicherheit besprochen, um eine schnelle und koordinierte Reaktion zu gewährleisten.“ Amanda Rosato
Amanda Rosato: „Die Entwicklungen der internationalen Lage werden regelmäßig im Provinzausschuss für öffentliche Ordnung und Sicherheit besprochen, um eine schnelle und koordinierte Reaktion zu gewährleisten. Diese finden in diesem Amt in der Regel wöchentlich, bei Bedarf auch häufiger, statt, um eine rasche und koordinierte Reaktion aller beteiligten Akteure im Provinzgebiet sicherzustellen.“
Was genau dann passiert, ist allerdings streng geheim. Und so bleibt am Ende eine Erkenntnis: Es gibt einen Plan, er wird ständig aktualisiert. Nur weiß die Bevölkerung nicht, wie er aussieht.
Info Lesen Sie auch das Interview mit Hans-Lothar Domröse, einem ehemaligen Nato-General auf Seite 13.
Der Artikel erschien in der gedruckten SWZ unter dem Titel: Streng geheim


















