Und, was verpassen Sie gerade? Tun Sie nicht so – Sie wissen genau, wovon ich rede. Da ist doch irgendwo dieser kleine nagende Schmerz, dieses lästige Gefühl, „eigentlich“ etwas Besseres zu tun zu haben als das, was Sie jetzt grade tun (konkret: diesen Artikel lesen)? Aber offenbar haben Sie grade nichts Besseres zu tun. Mein Beileid (oder mein Kompliment!).
Und ich gebe es zu: Auch ich kenne dieses dumpf drückende Gefühl zur Genüge. Es dürfte sich hierbei um eine originär menschliche Errungenschaft handeln – jawohl, Errungenschaft. Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand führt zum Wunsch, etwas zu ändern, und durch diesen Wunsch erst kann Änderung bewirkt werden. Wären die Wellensittiche unzufrieden mit ihrem Gefieder, sie hätten begonnen, Mäntel zu weben und Handel damit zu treiben. Stattdessen hocken sie vergnügt in ihren australischen Büschen und denken nicht daran, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Unzufriedenheit ist also, was den Menschen unter anderem erst zu dem macht, was er ist. Unzufriedenheit macht kreativ und befeuert den Fortschritt.
Und so weit ist das ja auch gut. Aber die Art von medial genährter und geradezu euphorisch zelebrierter Unzufriedenheit, mit der uns vor allem die sozialen Netzwerke überziehen, scheint mir nicht darauf aus, in irgendeiner Weise Fortschritt oder Verbesserungen zu zeitigen, sondern nur noch mehr Unzufriedenheit. Verpackt ist diese Unzufriedenheit, die nichts als immer nur sich selbst gebiert, in hübsche, geradezu anmutige Videos, gekleidet in Worte, die sich manchmal reimen und manchmal einfach nur den versierten Liebhaber gediegenen Kitsches erfreuen. Manchmal kommt sie geradezu philosophisch angestiefelt daher, dann wieder melancholisch mit Klaviermusik unterlegt – aber immer, und da können Sie Gift drauf nehmen, ist sie von Kommentaren begleitet, in denen sich Vokale häufen oder exzessiv Smileys verwendet werden. Da steht dann: „Das ist soooooo wahr!“ oder „Totaaaale Gänsehaut *_*“
Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist ein Video der Schauspielerin und Poetry Slammerin Julia Engelmann. Diese macht ihrem Nachnamen nicht nur optisch alle Ehre (langes blondes Haar, schüchtern-kindlicher Augenaufschlag), sondern kann auch mit Engelszungen darüber reden, dass man die Zeit nutzen soll, solange man noch jung ist. Ihr Text hat in kurzer Zeit mehrere Millionen Klicks abgestaubt, wurde wie wild auf Facebook herumgeschubst und liegt nun in Buchform auf. Es sei, lässt uns Engelmann wissen, wichtig, seine Jugend zu nutzen, um im Alter Geschichten erzählen zu können und nicht nur darauf hinzuweisen, dass man alles nur „fast“, aber nichts wirklich erlebt hat. Diese Aussage kennen wir als „carpe diem“ – nutze den Tag – schon vom römischen Dichter Horaz. Allerdings entlockt so ein oller Klassiker niemandem ein schmachtendes „Schöööööön“. Nicht einmal eins mit nur einem ö.
Ganz anders bei Frau Engelmann und Konsorten. So mancher, der derartige Videos mit Tränen der Rührung im blauen Auge geteilt hat, kann sich mit der Botschaft identifizieren: Lebe jetzt! Verpasse nichts! Lass die kurze Zeit, die dir gegeben ist, nicht ungenutzt verstreichen! Schön und gut – aber etwas zu verpassen, gehört nun einmal dazu. Wer etwas verpasst, hat Entscheidungen getroffen. Hat das gute Buch gelesen statt den guten Film gesehen. Hat für die Prüfung gelernt, statt mit den Freunden im Park herumzuhängen. Ist in Ulten geblieben, statt nach New York zu ziehen. Mein Gott! So viele verpasste Chancen! Wie soll man das nur aushalten! Wo man die Zeit doch nicht zurückspulen kann! Am Ende hat man nur ein banales Leben gelebt, das der Nachwelt keine Bewunderung, sondern Mitleid abverlangt. „Die arme Oma. Nicht mal mit dem Space-Shuttle zum Mond ist sie gekommen. Immer nur mit dem Hund spazieren gegangen.“
Addiert man zur Enttäuschung über die ständig verpassten erzählenswerten Geschichten noch den Größenwahn, mit dem sich viele als potenzielle Nobelpreisträger begreifen, deren Zeit nur noch nicht gekommen ist, erklärt sich, woraus die allerorten anzutreffende Unzufriedenheit sich nährt: Wer kann sich schon mit einem spießbürgerlichen Dasein begnügen, wenn „irgendwo da draußen“ das Abenteuer ruft? Kein Wunder, dass viele, um nichts zu verpassen, in die großen Metropolen drängen, die doch so viel mehr zu bieten haben. Wien, Berlin, Paris, Los Angeles – da spielt die Musik. Singt doch schon Udo Jürgens, der bald ebenso vergessen sein wird wie Horaz, innig-sinnig seine Elegie „Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii, ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans“. In den berühmten Metropolen ist alles toller, größer, schöner, intensiver. Na klar. Deswegen halten wir Menschen, die in diesen Metropolen leben, gleich für sehr viel glücklicher, erfolgreicher, privilegierter.
Doch was ist mit uns? Mit uns „Normalos“, die keine aufregenden Karrieren hinlegen, die nicht am Puls der Zeit hängen, die nicht die Nacht zum Tag machen, die nicht mit Promis per Du sind und schon gar keine Aussicht haben, jemals selbst prominent zu sein? Wäre es nicht angebracht, alles hinzuschmeißen, um endlich „nicht mehr unser Leben zu träumen, sondern unseren Traum zu leben“ (auch wieder so ein Spruch, an dem sich hartnäckig Räucherstäbchenduft hält)?
Am Ende machen die meisten einfach weiter wie vorher. Teilen vielleicht seufzend gänsehautträchtige Videos über das Leben, das sie haben könnten, wenn sie nicht so wären, wie sie nun einmal sind – und setzen sich vor den Fernseher. Ein Pragmatismus, der bei so viel hochfliegenden Träumen erstaunen mag. Aber andererseits: Irgendwer muss die Katze füttern. Und mit dem maroden Knie kommt man sowieso nicht weit. Außerdem läuft im Hauptabendprogramm der „Tatort“. Und den darf man auf keinen Fall verpassen.















