Brixen – „Mir ist einmal gesagt worden: Die meisten schwimmen so …“ Nadine Thomaseth zeichnet mit der Hand eine gerade Linie durch die Luft. „… Und bei mir wird es eben mal so gehen und mal so …“ Die Hand schnellt steil nach oben, dann steil nach unten. „Aber irgendwo werde ich hinkommen.“ Mit ihren 18 Jahren ist Thomaseth schon weit gekommen. Seit Anfang des Jahres ist sie Vorsitzende im deutschen Landesbeirat der Schülerinnen und Schüler. Dabei war sie mit der Schule einst auf Kriegsfuß. Bis zum Weckruf ihres Geschichtelehrers. Seither arbeitet die Oberschülerin überzeugt daran, etwas zu verändern. Und das will sie nicht nur jetzt in der Bildungswelt. Sondern auch in Zukunft.
Zwischen Sitzung und Chemieprüfung
Ein Treffen mit Nadine Thomaseth zu vereinbaren, ist gar nicht so einfach. „Leider ist nächste Woche ganz schlecht“, antwortet sie entschuldigend auf die SWZ-Anfrage. Zwischen Unterricht, Sitzungen, Auswärtsterminen findet die 18-Jährige kaum Zeit. Seit drei Jahren engagiert sie sich im Landesbeirat der Schülerinnen und Schüler (LBS), für heuer ist sie zur Vorsitzenden des 72-köpfigen Gremiums gewählt worden. Sie sitzt zudem im Landesschulrat und im ladinischen Landesjugendbeirat. Regelmäßig – „sicher einmal in der Woche“ – fehlt sie in der Schule wegen institutioneller Verpflichtungen. Wenn sie zu Zusammenkünften von Italiens Landesbeiratsvorsitzenden nach Rom muss, auch mal mehrere Tage am Stück. „Die Rollen nehmen mehr Zeit ein, als ich gedacht hatte“, gesteht Thomaseth, „und daneben muss ich noch schauen, den Unterrichtsstoff nachzuholen und den Anschluss nicht zu verlieren.“
„Ich war einmal überhaupt kein Fan von Schule.“
Gestresst wirkt die junge Frau mit den dunkelblonden Haaren und den leuchtend braunen Augen aber kein bisschen, als das Treffen an einem Nachmittag Ende März schließlich klappt. Am Vormittag hat Nadine Thomaseth eine Chemieprüfung hinter sich gebracht. „Naturwissenschaftliche Fächer liegen mir nicht so“, gesteht sie. Aber sie habe ein recht gutes Gefühl. Der Schwerpunkt ihrer Schule liegt woanders: Thomaseth geht in die vierte Klasse des Sprachengymnasiums „Fallmerayer“ in Brixen. „Ich war einmal überhaupt kein Fan von Schule“, sagt sie frei heraus. Lehrpersonen, die mit ihrer direkten Art nicht klar gekommen seien, die schwierige Corona-Zeit und das Gefühl, Dinge zu lernen, die sie im späteren Leben nicht brauchen würde, hätten ihre negative Einstellung verursacht, sagt sie.
Eine Lücke und eine Wende
Als die Covid-Pandemie ausbricht, besucht Nadine Thomaseth die zweite Klasse Mittelschule. Onlineunterricht, keine sozialen Kontakte, keine Ausflüge; zurück in der Schule dann ständiges Maskentragen und Testen – all das habe „schon etwas mit einem gemacht“, sagt sie rückblickend. „In meiner Mittelschulzeit klafft eine Lücke, in der ich nicht richtig weiß, was passiert ist und was ich gemacht habe.“ Das erste Jahr nach Covid ist ihr erstes an der Oberschule. „Ein schwieriges“, erinnert sie sich. Sie muss die Klasse wiederholen. Dann kommt der Wendepunkt. Ihr Geschichtelehrer habe zu ihr gesagt „Wenn dir nie was passt, musst du eben selbst mal versuchen, was zu ändern“ und sie dazu gebracht, ihre Einstellung zu überdenken. „Ich habe mir gesagt, ich schaue jetzt, das Beste aus meiner Schulzeit zu machen – und vielleicht kann ich auch meinen Teil dazu beitragen, dass manche Dinge etwas besser funktionieren.“
Sie wird zur Klassensprecherin gewählt, dann zur Schülervertreterin, dann kandidiert sie für den Landesbeirat der Schülerinnen und Schüler. „Meist lassen sich Schüler:innen der vierten und fünften Klasse aufstellen. Ich war in der zweiten.“ Es klappt, ab dem Schuljahr 2023/2024 gehört sie zum Schülerduo, das das „Fallmerayer“ im LBS vertreten. Im Herbst 2024 wird sie zur Vizevorsitzenden des vierköpfigen Vorstands gewählt. Ein Jahr später schließlich zur Vorsitzenden. Als solche gibt sie Schülerinnen und Schülern Gesicht und Stimme, vertritt ihre bildungspolitischen Perspektiven und Anliegen – nicht zuletzt im Zuge der Lehrerproteste, wegen denen im laufenden Schuljahr keine außerschulischen Aktivitäten, Ausflüge und Reisen stattfinden. Für Thomaseth und ihre Klasse fällt die geplante Sprachreise nach Riga ins Wasser – genauso wie der mehrtägige Meeraufenthalt in Caorle in der zweiten Mittelschule, damals wegen Corona. „Da bin ich wohl ein Unglückspilz“, meint sie schulterzuckend.
Die Sorge vor der zweiten Welle
Eine Pressekonferenz des LBS-Vorstands generiert im Jänner ungewohnt viel Aufmerksamkeit. „Bei anderen Themen ist das Interesse gering“, bestätigt Nadine Thomaseth. Vor den versammelten Medienleuten und in Einzelinterviews tritt sie souverän auf, rhetorisch versiert, findet klare Worte. „Wir haben vollstes Verständnis für die Lehrpersonen. Aber seit unserer Pressekonferenz ist nichts vorangegangen“, sagt sie knapp drei Monate später. Sie befürchtet eine zweite Protestwelle, und dass die Schüler:innen auch im kommenden Schuljahr auf Ausflüge, Betriebsbesuche, Kulturveranstaltungen verzichten müssen. Ihr Appell geht an beide Seiten – Gewerkschaften und Initiativgruppen hier, Landesregierung dort: „Von unserer Seite gibt es keine Schuldzuweisungen, sondern die eindringliche Bitte, dass wieder etwas Normalität zurückkehrt.“
Auf einen Termin mit Bildungslandesrat Philipp Achammer, Personallandesrätin Magdalena Amhof und den Initiativgruppen wartet die LBS-Vorsitzende immer noch. Amhof habe ausrichten lassen, als Personallandesrätin sei sie nur verpflichtet, mit den Gewerkschaften zu sprechen. Auf die Frage, ob sie das Gefühl hat, dass die Schüler:innen von der Landespolitik gehört und ernst genommen werden, antwortet die 18-Jährige nüchtern: „Dass unsere Meinung gefragt ist, das Gefühl habe ich schon. Aber effektiv umgesetzt könnte mehr werden.“ In sechs Arbeitsgruppen – von Digitalisierung bis Projekt Schulsystem – diskutieren die 72 Mitglieder im LBS Probleme und entwerfen Lösungen für Themen, die Schüler:innen unter den Nägeln brennen. Die übergeben sie gesammelt in einem Forderungspapier jedes Jahr dem Bildungslandesrat und dem Landeshauptmann. „Das wird hoffentlich entsprechend wahrgenommen“, sagt Thomaseth.
„Ich denke gut über die Sachen nach – wieso sollte ich sie dann nicht auch sagen?“
Eines der heißen Themen: gesellschaftliche und politische Bildung. „Da passiert in den Schulen leider sehr wenig“, sagt sie. Ihre Schule hat Akzente gesetzt: Die ersten beiden Nachmittagsstunden am Montag können Erst- bis Viertklässler:innen über aktuelle politische Themen diskutieren, auf Italienisch. Auch andere Kurse werden angeboten – „nicht als eigenes Fach, sondern anderen Fächern werden Stunden abgezogen. Natürlich muss man da zurückstecken, aber ich denke, das wäre auch an anderen Schulen gut machbar“, meint Thomaseth. Sie wirkt reflektiert, überzeugt von dem, was sie von sich gibt: „Ich denke gut über die Sachen nach – wieso sollte ich sie dann nicht auch sagen?“
Eine Welt aus Sprachen
Sprachen begleiten die 18-Jährige nicht erst seit der Oberschule. Die ersten drei Lebensjahre hat sie in Welschnofen verbracht. Ihr Vater, Agrartechniker, stammt von dort. Die Mutter arbeitet als Kindergartenköchin und hat Grödner Wurzeln. Bevor die Tochter in den Kindergarten kommt, zieht die Familie nach St. Ulrich. „Wegen des ladinischen Bildungssystems“, sagt Thomaseth. Von drei Jahren ladinischem Kindergarten und acht in der ladinischen Schule habe sie „nur Positives mitgenommen“, am allermeisten aber: Italienischkenntnisse. „Und ich spreche trotzdem gut Deutsch“, betont Thomaseth. Wenn sie redet, klingt nicht der leiseste ladinische Akzent durch. „Aber ich spreche auch gut Ladinisch und Italienisch.“ Von der Ablehnung der mehrsprachigen Schule halte sie „nicht viel“.
Im „Fallmerayer“ hat sich Thomaseth neben Englisch und Latein als vierte Sprache Russisch ausgesucht. Zwar sei die Sprache sehr schwer – „die kyrillische Schrift ist noch das Einfachste daran“ –, aber Französisch sei ihr nicht gelegen und Russland habe sie auch als Land interessiert: „Meine Abschlusspräsentation in der Mittelschule war über Alexei Navalny.“
„Die Arbeit von Herrn Achammer würde mich auch interessieren.“
Sonne und Wolken wechseln sich an diesem Frühlingsnachmittag in Brixen ab. Die Bar, die Nadine Thomaseth für das Treffen ausgesucht hat, liegt unweit der Acquarena. Dort arbeitet sie im Sommer. Während der Schulzeit ist sie im Wohnheim untergebracht, die Eltern sieht sie nur samstags und sonntags. Dafür ihre Schwester nun umso öfter. Die hat sich, wie die große Schwester, für eine Oberschule in Brixen und gegen das Pendeln von und nach Gröden entschieden. „Ich wollte weniger abgeschottet sein – und auch mal weg von daheim“, erklärt Thomaseth ihre Entscheidung für das Heim. Von ihren Eltern habe sie „immer einhundertprozentige Unterstützung“ gekriegt, bei allem, was sie macht. „Sie wussten immer schon, dass ich eine Persönlichkeit bin, dass ich gerne auf Konfrontation gehe und die Sachen anspreche, die mich beschäftigen oder stören – das haben sie früh zu hören gekriegt, sind aber stets hinter mir gestanden.“
Präsidentin oder Landesrätin?
Sie würde gerne für einen Tag Präsidentin der USA sein, hat Nadine Thomaseth unlängst im ff-Fragebogen verraten. Warum das? „Ich möchte später Politik oder Recht studieren und mich aktiv in die Gesellschaft einbringen“, erklärt sie. „Und die einflussreichste Position wäre natürlich als Präsidentin der USA.“ Ob das Amt der Landeshauptfrau von Südtirol etwas für sie wäre? „Ja, schon“, sagt sie und schiebt ohne zu zögern nach: „Die Arbeit von Herrn Achammer würde mich auch interessieren.“ Im Landesschulrat und im Landesbeirat der Schülerinnen und Schüler habe sie tiefe Einblicke in die Bildungswelt erhalten, vieles mitgekriegt und auch Lust, sich weiter einzubringen. „Aber“, sagt sie bestimmt, „ich werde eher nach Wien gehen, um internationales Recht zu studieren, weil ich mich auf Frauenrechte spezialisieren möchte.“ Eine Arbeit bei den Vereinten Nationen kann sich die 18-Jährige gut vorstellen. Hier zögert Nadine Thomaseth zum ersten und einzigen Mal: „Das ist natürlich ganz weit gedacht …“ Dabei ist weit denken vielleicht die wichtigste Voraussetzung, um weit zu kommen. Noch weiter.
DIE SERIE In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe können hier oder über die SWZapp nachgelesen werden.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Weit denken, laut sagen





















