Bozen – Seit bald neun Monaten ist Claudio Corrarati Bürgermeister der Landeshauptstadt Bozen. Er ist der erste Unternehmer auf diesem Posten, nachdem 40 Jahre lang ausnahmslos öffentliche Angestellte Bürgermeister gewesen waren (mit Ausnahme des 20-tägigen Intermezzos von Giovanni Benussi, der 2005 keine Mehrheit zustande bekam). Und er ist in der 80-jährigen Nachkriegsära der erste Bozner Bürgermeister aus dem Mitte-rechts-Lager. Mitte Mai 2025 gewann er die Stichwahl gegen Juri Andriollo äußerst knapp mit 708 Stimmen Vorsprung (17.486 zu 16.778).
Zum SWZ-Interview erscheint er mit fünf Minuten Verspätung, aber gut gelaunt.
SWZ: Herr Bürgermeister, zufrieden mit den Ergebnissen der Arbeit in den ersten neun Monaten?
Claudio Corrarati: Ich bin zufrieden mit unserer Arbeit und unserem Einsatz. Was die Ergebnisse betrifft, können wir nicht alles von heute auf morgen ändern, aber schön langsam werden einige Ergebnisse sichtbar. Eine öffentliche Verwaltung funktioniert anders als ein Unternehmen, das ist zu respektieren. Aber wir arbeiten daran, Arbeitsabläufe zu vereinfachen. Wir haben in der Stadtregierung eine ausgezeichnete Mannschaft, und die Wellenlänge mit Vizebürgermeister Stephan Konder stimmt.
Sie haben im Wahlkampf gesagt, ich zitiere: „Sollte ich zum Bürgermeister gewählt werden, werde ich mich in den ersten 100 Tagen auf die Entbürokratisierung konzentrieren und Prozeduren vereinfachen.“ Das mit den 100 Tagen war wohl nichts.
Wir haben ein eigenes Amt eingerichtet, wir haben bereits Änderungen an einigen Vordrucken vorgenommen, wir haben Kontakt mit IT-Unternehmen, um mit einer neuen Software interne Abläufe zu verschlanken und zu beschleunigen. Aber natürlich brauchen wir Zeit.
Musste der Bürgermeister Corrarati einsehen, dass es nicht so schnell geht, wie vom Unternehmer Corrarati erwartet?
Der Unternehmer-Bürgermeister hat vor allem die Erfahrung gemacht, dass es für die Entbürokratisierung nicht nur Änderungen an den Dokumenten braucht, sondern auch Änderungen in den Köpfen. Vieles wird in einer gewissen Art gemacht, weil es immer so gemacht wurde. Aber wenn die Bediensteten sehen, dass es auch anders geht, dann vielleicht sogar besser, sind alle zufrieden. Dafür braucht es Zeit und auch Respekt vor den Bediensteten. Ich bin mir bewusst, dass die Stadtregierung mit ihrem Enthusiasmus den Bediensteten ein hohes Tempo abverlangt.
Ich bin mir bewusst, dass die Stadtregierung mit ihrem Enthusiasmus den Bediensteten ein hohes Tempo abverlangt.
Ist die Arbeit des Bürgermeisters so, wie Sie sie sich erwartet haben?
Für meine Stadt zu arbeiten, ist herausfordernd und zugleich faszinierend, wie ich es mir vorgestellt habe. Freilich muss ich eingestehen, dass wir als Bürger und Unternehmer meinen, man könne alles mit einem Fingerschnipsen ändern, während es in der Realität dann wohl eher drei oder vier Schnipser braucht.
Die Politik ist kein Unternehmen. Ist es für Sie schwer verdaulich, dass die Wege länger und mühsamer sind?
Ich finde die Arbeit als Bürgermeister stimulierend, weil es viel Spielraum für die Einführung unternehmerischer Elemente gibt. Ich glaube daran, dass Veränderung möglich ist. Wir fordern ständig von den Bürgern und von den Unternehmen, offen für Innovation zu sein – also müssen wir das auch in der Politik und in der öffentlichen Verwaltung sein.
Der Wecker geht um 4.30 Uhr. Zwischen 7 und 7.15 Uhr bin ich normalerweise im Rathaus.
Wie schaut ein typischer Tag von Bürgermeister Corrarati aus?
Der Wecker geht um 4.30 Uhr, dann werden die Zeitungen gelesen, was als Politiker nicht so angenehm ist wie als Unternehmer bzw. einfacher Bürger. Zwischen 7 und 7.15 Uhr bin ich normalerweise im Rathaus, und dann gibt es den ganzen Tag Treffen, Sitzungen und Außentermine. Zu Mittag gehe ich nur selten zum Essen – die Politik tut der Linie gut. Zwischen 19 und 19.30 Uhr gehe ich in der Regel nach Hause, außer es gibt Gemeinderatssitzungen oder irgendwelche Veranstaltungen.
Zeit für Ihre unternehmerische Tätigkeit haben Sie da wohl keine mehr. Wie haben Sie ihre zwei Unternehmen organisiert, damit sie auf Sie verzichten können?
Wir waren schon zuvor gut organisiert, weil ich vor der Wahl zum Bürgermeister sehr viel Zeit für die CNA-Präsidentschaft aufgewandt habe. Von daher hat sich mein Arbeitsrhythmus kaum geändert. Natürlich fehle ich jetzt im Unternehmen noch ein bisschen mehr und bin nur noch einen halben Tag pro Woche dort.
Sie arbeiten nach wie vor dort?
Einen halben Tag in der Woche, ja. Normalerweise bin ich am Freitag um 6 Uhr im Unternehmen und bleibe bis gegen Mittag. Ich möchte den Bezug zur wirtschaftlichen Realität behalten, um als Politiker hier drinnen im Rathaus nicht Entscheidungen zu treffen, die mit draußen nichts zu tun haben. Vereinzelt habe ich auch noch Arbeitssicherheitskurse gehalten.
Ich möchte den Bezug zur wirtschaftlichen Realität behalten, um als Politiker hier drinnen im Rathaus nicht Entscheidungen zu treffen, die mit draußen nichts zu tun haben.
Man hört, Bürgermeister Corrarati arbeite viel, er wolle aber alles selber machen. Sind Sie ein Diktator?
Nein, ganz sicher nicht. Ich bin ergebnisorientiert, und wenn es mir zu langsam geht, dann versuche ich die Angelegenheit zu beschleunigen. Zudem habe ich in der Stadtregierung bei der Verteilung der Zuständigkeiten Bereiche behalten, bei denen ich glaube, dass ich die notwendigen Kompetenzen mitbringe: Das gilt für die Wirtschaft, den Haushalt und die Kultur, weil ich glaube, dass für eine Gesellschaft Wirtschaft und Kultur gleichermaßen wichtig sind. Zudem wollte ich die Zuständigkeit für das Personal, da ich überzeugt bin, mit meiner unternehmerischen Erfahrung Akzente setzen zu können, um die rund 1.000 Bediensteten in der komplexen Gemeindeverwaltung zu guten Leistungen anzuspornen, eventuell auch mit Herangehensweisen, die neu sind. Ich darf hinzufügen, dass ich eine kompetente Verwaltung vorgefunden habe. Bei alledem mag der Eindruck entstehen, dass ich alles selber machen will. Dem ist aber nicht so.
In einem Interview mit der Tageszeitung „Alto Adige“ haben Sie für Bozen einen Sonderstatus unter Südtirols Gemeinden eingefordert. Warum sollte Bozen eine Extrawurst sein?
Ich weiß, dass meine Aussage für Aufregung gesorgt hat. Ich will ganz sicher nicht das Autonomiestatut infrage stellen. Aber ich wollte mit dieser Provokation die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Landeshauptstadt mit ihren fast 110.000 Einwohnern – das ist ein Fünftel von Südtirol –, mit ihren rund 1.000 Gemeindebediensteten, mit ihren Zehntausenden Ein- und Auspendlern und mit ihren vielen Einrichtungen von Landesinteresse – von der Uni bis zum Noi Techpark – in manchen Bereichen nicht gleich behandelt werden kann wie eine Kleingemeinde. Manche Bestimmungen, die für die Landgemeinden gedacht werden, gehen für Bozen nicht gut.
Manche Bestimmungen, die für die Landgemeinden gedacht werden, gehen für Bozen nicht gut.
Ist Bozens Problem nicht vielmehr hausgemacht? Bozen ist bekannt für die Trägheit bei politischen Entscheidungen.
Das mag in der Vergangenheit zugetroffen haben. Ich kann versichern, dass derzeit in Bozen sehr viel passiert. Ich beobachte eher eine Schwerfälligkeit beim Land. Zum Beispiel ist es nicht die Schuld der Gemeinde Bozen, wenn längst versprochene Verkehrsprojekte – vom Hörtenbergtunnel bis zum Mebo-Anschluss in der Einsteinstraße – noch immer nicht verwirklicht sind. Oder wenn seit bald 20 Jahren über die Bebauung des brachliegenden Bahnhofsareals geredet wird. Es gilt, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. Land und Gemeinde müssen da an einem Strang ziehen. Dazu ist zu sagen, dass ich zu Landeshauptmann Arno Kompatscher ein sehr gutes Verhältnis habe.
Ich mache Ihnen ein anderes Beispiel: Endlos wurde diskutiert, wo das neue Ötzi-Museum hinkommen soll, es wurde eine Studie gemacht, es wurde dann endlich entschieden. Und jetzt möchten Sie die Diskussion neu aufrollen.
Es ist nicht Claudio Corrarati, der das will. Ich bin nur das Sprachrohr der vielen Stadtbürgerinnen und -bürger, die mich auf der Straße ansprechen. Die Entscheidung, das neue Archäologiemuseum im Ex-Enel-Gebäude unterzubringen, gefällt der Stadt nicht. Es muss erlaubt sein, das zu sagen.
Die Politik ist gefordert, neue Ansätze zu verfolgen, so wie wir das mit der jüngsten Umwidmung von leer stehenden Büros im Neubruchweg in kleine Wohnungen getan haben.
Welche ist unter all den Herausforderungen in Bozen die größte Herausforderung?
Das Wohnen. Das bestätigen mir auch meine Sprechstunden. Einerseits ist Wohnen in Bozen – und Südtirol – sehr teuer. Andererseits gibt es immer mehr Familien, die getrennt wohnen, womit die finanzielle Belastung noch größer wird. Die Politik ist gefordert, neue Ansätze zu verfolgen, so wie wir das mit der jüngsten Umwidmung von leer stehenden Büros im Neubruchweg in kleine Wohnungen getan haben. Ich frage mich auch, warum es nicht möglich sein sollte, auf dem Areal des Noi Techparks, wo mittlerweile auch ein Teil der Uni angesiedelt ist, Unterkünfte für Forscher und Studenten zu errichten. Bozen braucht mehr Wohnraum.
Was weiß der Bürgermeister über den aktuellen Stand in der Alpitronic-Frage? Es heißt, das Bozner Unternehmen habe auf dem Metro-Areal in Bozen Süd eine Lösung für den Bau des neuen Sitzes gefunden.
Das höre ich auch, und es würde mich freuen, wenn dem so wäre. Alpitronic ist für Bozen ein Mehrwert und bietet interessante Arbeitsplätze. Offiziell liegt der Gemeinde aber keine Dokumentation vor.
Jedes erfolgreiche Unternehmen hat ein Leitbild, eine Vision. Hingegen hat Bozen kein klares Profil. Was sagen Sie als Unternehmer: Sollte Bozen wie ein Unternehmen darüber nachdenken, wer es sein will?
Theoretisch könnte man ein Manifest ausarbeiten. Aber Bozen arbeitet bereits am Gemeindeentwicklungsprogramm, wie vom Landesgesetz vorgesehen. Dort wird festgeschrieben, wohin die Reise gehen soll.
Damit bekommt Bozen noch kein klares Profil.
Ich habe das Profil eigentlich recht klar im Kopf. Um es kurz zu machen: Bozen ist eine Stadt der Kultur. Sie hat so viele Kulturveranstaltungen wie keine andere Stadt in Italien, sie hat Museen, sie ist eine Stadt des Weins, was ebenfalls zur Kultur gehört. Bozen hat von der Unesco auch den Titel einer „Creative City of Music“ erhalten – nur nutzen wir das viel zu wenig. Bozen ist noch etwas.
Und zwar?
Eine Stadt der Arbeit. Deswegen schwebt mir vor, in der zweiten Jahreshälfte ein „Festival der Arbeit“ zu organisieren. Trient hat das „Festival der Wirtschaft“, wo über makroökonomische Themen diskutiert wird. Beim „Festival der Arbeit“ soll Bozen gemeinsam mit seinen Unternehmen zeigen, was es an Jobs zu bieten hat und warum es als Arbeitsort attraktiv ist.
Bozen ist eine Stadt der Kultur. Und eine Stadt der Arbeit.
Abschließend: Haben Sie keine Angst, die Erwartungen jener Wählerinnen und Wähler zu enttäuschen, die große Hoffnungen auf einen Unternehmer als Bürgermeister gesetzt haben?
Doch, diese Angst habe ich jeden Tag. Ich spüre die Last der Verantwortung. Sie spornt mich aber jeden Tag an, mit Begeisterung in das Rathaus zu kommen, um mein Bestes zu geben. Am Abend bin ich selten mit dem Erreichten zufrieden, aber das gibt mir den Antrieb, es am nächsten Tag wieder zu versuchen.
Interview: Christian Pfeifer
Info
Zur Person: Claudio Corrarati
Claudio Corrarati hat nach Berufsstationen bei Telecom Italia und TÜV Südtirol seine Unternehmerkarriere 1997 begonnen. Er machte sich mit M.C. System in der Arbeitssicherheitsberatung selbstständig. 2003 war er zudem Mitgründer der auf Industrieböden spezialisierten Boden Service. Landesweit bekannt wurde er als Präsident der Südtiroler Handwerkervereinigung SHV/CNA, der er von 2009 bis 2025 war. Corrarati trägt gerne markante Brillen, farblich an die Bekleidung angepasst.




















