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Mindestens am Limit – am besten darüber

Früher war das Überleben für den Menschen schwierig, täglich musste er dafür extreme Leistungen bringen. Mittlerweile lebt es sich in der westlichen Welt sehr viel leichter – und das Extreme wird gesucht.

Simone Treibenreif von Simone Treibenreif
1. August 2014
in Gesellschaft
Lesezeit: 3 mins read

Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen“, heißt es im Alten Testament. Das war zu der Zeit, als das Alte Testament geschrieben wurde, sicher sinnvoll: Um zu überleben, mussten die Menschen hart arbeiten, und ein Ruhetag war wohl nötig, um neue Kraft zu schöpfen.

Doch der moderne Mensch in der westlichen Welt mag nicht mehr ruhen. Sehr viele sitzen an fünf Tagen der Woche im Bürosessel – und in ihrer Freizeit wollen sie sich bewegen, sich auspowern, etwas erleben. Laufen oder das Fitnessstudio sind dafür gut, eine Wanderung in den Bergen oder eine Skitour sind auch okay, am besten aber ist etwas für den Adrenalinspiegel, ganz nach dem Motto „Schneller, höher, weiter“.

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„Immer mehr Menschen suchen über Abenteuer-Sport nach ultimativem Kick und grenzenloser Herausforderung – was Spaß macht und gefährlich ist, verschafft einen Endorphin-Rausch. Extremes Mountainbiken und Parcours versetzen dabei den ersten Adrenalin-Kick, Freeclimbing oder Fallschirmspringen sorgen schon für größeren Nervenkitzel“, schreibt das deutsche Fitnessmagazin Fit for Fun auf seiner Onlineseite und empfiehlt Sportarten, „die Ihr Blut in Wallung bringen“ für all jene, „die gern mal mutig sind und Hemmschwellen überwinden wollen“.

Doch Hemmschwellen und Limits überwinden, kann auch (sehr) gefährlich sein. Immer wieder überschätzen Leute sich und ihre Fähigkeiten und bringen sich und andere damit in Schwierigkeiten. Zum Beispiel wenn Un- oder Untertrainierte Dinge versuchen, die schon für Experten schwierig sind; doch weil es im Magazinartikel oder im YouTube-Video so toll aussah, musste der Eigenversuch sein.

Den Extremsport und die Faszination, die davon ausgeht, zum Sprachrohr bzw. Werbemittel hat sich der Getränkekonzern Red Bull gemacht. Die bestens geölte Red-Bull-Marketing-Maschinerie sorgt dafür, dass Abenteuer den Normalos auf der Couch das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen: Von den „Red Bull X-Fighters“ (Freestyle-Motocross) über die „Red Bull Air Race Series“ (Luftrennen mit Propellermaschinen) bis hin zum „Red Bull X-Alps“ (Wettkampf mit dem Gleitschirm bzw. zu Fuß von Salzburg über die Alpen bis nach Monaco) veranstaltet das Unternehmen eine Vielzahl von Extremsportevents und liefert für die Öffentlichkeit stets spektakuläre Fotos und professionelle Videoaufnahmen davon. Kritik an diesem Tun wird in der Regel dann laut, wenn Red-Bull-Athleten – oder sollte man besser Red-Bull-Abenteurer sagen? – schwere oder gar tödliche Unfälle haben. Hunderte von Extremsportlern haben Sponsorverträge mit dem Konzern. Auch der Österreicher Felix Baumgartner stand in Diensten von Red Bull, als er mit dem Stratosphärensprung „Red Bull Stratos“ Weltruhm erlangte. Am 14. Oktober 2012 sprang Baumgartner aus mehr als 36.500 Meter Höhe und erreichte im freien Fall eine Geschwindigkeit von 1.357,6 Stundenkilometer – er ist damit der erste Mensch, der im freien Fall die Schallgeschwindigkeit überschritten hat. Millionen Menschen verfolgten den Sprung via TV und Internet live.

Red Bull soll rund 50 Millionen Euro in das Projekt gesteckt haben; der weltweite Werbewert beläuft sich nach Schätzungen auf sechs Milliarden Euro. Eine effizientere Marketing-Aktion hat es wohl noch nie gegeben.

Manch einer bezeichnet Felix Baumgartner als Helden, andere nennen ihn Spinner oder Freak, für die einen ist er mutig, für andere lebensmüde. Fest steht: Er bewegte sich bei seinem 36.500-Meter-Sprung am Limit – und das macht wohl den Reiz aus.

Für Freizeitsportler sind die Limits bekanntlich ganz andere, können aber dennoch beachtlich hoch liegen. Zum Beispiel für die Teilnehmer am Südtirol Ultra Skyrace, einem alpinen Berglauf in den Sarntaler Alpen über 121 Kilometer und 7.069 Höhenmeter, der kürzlich stattfand. Mehr als 100 Läufer gingen an den Start, darunter sieben Frauen, das Ziel erreichten 56 Männer und sechs Damen. Der schnellste Teilnehmer, der 39-jährige Klausner Alexander Rabensteiner, brauchte 18:36.59 Stunden; mehr als doppelt so lange – nämlich 38:37 Stunden – waren die letzten Finisher unterwegs. Falls jemand Interesse an einer Teilnahme hat: Das nächste Südtirol Ultra Skyrace findet vom 24. bis zum 26. Juli 2015 statt.

Neben solchen Kraftakten scheinen die 24-Stunden-Wanderungen, die in diversen Südtiroler Orten für Wanderer mit „überdurchschnittlicher Kondition“ angeboten werden, fast schon einfach.

Und auch für weniger Hartgesottene gibt es in Südtirol Möglichkeiten, Abenteuer zu erleben. Neben den Klassikern wie Klettern, Canyoning, Kajaken, Rafting und Paragleiten können sich Wagemutige auch für Tarzaning entscheiden. „Erleben Sie Abenteuer pur unter fachkundiger Anleitung in einer faszinierenden Schlucht an der Passer“, kündigen die Veranstalter an.

Eine Nacht im Iglu (zum Beispiel im Schnalstal) gestaltet sich zwar nicht ganz so sportlich und schweißtreibend, doch auch die bedeutet Abenteuer und kann ans Limit führen, weil es unbequem oder – bei einer Nacht im Iglu natürlich völlig unerwartet – saukalt ist.

Diese wenigen Beispiele zeigen: Es warten in Südtirol Limits unterschiedlicher Höhe und Art, die man und frau mit Hilfe von Begleitern überschreiten könnten. Doch viele Grenzgänger bevorzugen es, alleine und ohne störende Zwischenrufer ihre Limits zu erfahren. Wichtig wäre nur, dass die Lust am Extremen und am Abenteuer nicht das Gespür für die Gefahr außer Kraft setzt.

Schlagwörter: 30-14freenomedia

Ausgabe 30-14, Seite 7

Simone Treibenreif

Simone Treibenreif

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