Andreotti saß fast 40 Jahre lang an den Schalthebeln der Macht, er war Mitglied zahlreicher Regierungen und hat sieben Kabinette als Ministerpräsident geführt. In Nachrufen ist viel über ihn geschrieben worden, über den überzeugten Europäer, den Südtirol-Freund, den Katholiken, den von Mafia-Vorwürfen Freigesprochenen und den Machtpolitiker mit Samthandschuhen. Nicht erwähnt worden ist, dass Andreotti einer der Architekten des Schuldenbergs ist, der Italien heute zu erdrücken droht.
In den 1950er-Jahren, als Andreotti bereits Minister war (unter anderem Finanzminister), hatte der italienische Staat nur geringe Schulden. 1960 beliefen sich die Staatsschulden auf eben einmal gut 20 Prozent des BIP. In den 1960er-Jahren begann dann die Schieflage des Haushalts. 1968 überschritten die Schulden die Grenze von 40 Prozent des BIP. 1972 wurde Andreotti zum ersten Mal Ministerpräsident, und in der Zeit des Kabinetts Andreotti III (1976–1978) stiegen die Schulden auf 65 Prozent der Wirtschaftsleistung an, weil die Regierungen sich aus Angst vor dem Kommunismus Zustimmung mit immer neuen staatlichen Wohltaten erkauften und dafür Schulden anhäuften. In den 1980er-Jahren, als lange der Sozialist Bettino Craxi Herr im Chigi-Palast war und Andreotti meist Außenminister, stiegen die Staatsschulden auf über 90 Prozent des BIP. Die damaligen Mitte-links-Regierungen scheuten auch vor einem Haushaltsdefizit von zehn Prozent des BIP nicht zurück. Als Andreotti zum letzten Mal Regierungschef war (1991/92), hatte er schon nichts mehr zum Verteilen, sondern kündigte den Italiener „Schweiß und Tränen“ an. Die damals getroffenen Maßnahmen griffen aber nicht, sodass die Schulden wegen der inzwischen enormen Zinsbelastung bis 1995 auf über 120 Prozent des BIP anstiegen.
Seither leidet Italien und zahlt Zinsen, in diesem Jahr 89 Milliarden, rund 1500 Euro pro Kopf der Bevölkerung! Und es droht ein Staatsbankrott. Ob Giulio Andreotti ein großer Staatsmann war, mag die Geschichte beurteilen. Bereits heute klar ist jedoch, dass er ein großer Schuldenmacher war.


















