Liberté, Égalité, Fraternité lauteten die Schlagworte der Französischen Revolution, und in den über 200 Jahren, die seither vergangenen sind, hat es keine ernsthafte Denkrichtung gegeben, die der Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit widersprochen hätte. Wie denn auch: Es wäre weder volkswirtschaftlich vernünftig noch christlich-human, dies tun zu wollen. Die Gleichheit der Menschen ist in so gut wie allen Verfassungen demokratischer Staaten festgeschrieben. So besagt zum Beispiel Art. 3 der italienischen Verfassung: „Alle Staatsbürger haben die gleiche gesellschaftliche Würde und sind vor dem Gesetz ohne Unterschied des Geschlechts, der Rasse, der Sprache, des Glaubens, der politischen Anschauungen, der persönlichen und sozialen Verhältnisse gleich. Es ist Aufgabe der Republik, die Hindernisse wirtschaftlicher und sozialer Art zu beseitigen, die durch eine tatsächliche Einschränkung der Freiheit und Gleichheit der Staatsbürger der vollen Entfaltung der menschlichen Person und der wirksamen Teilnahme aller Arbeiter an der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gestaltung des Landes im Wege stehen.“
Insbesondere die wirtschaftliche Ungleichheit der Menschen besteht aber weiterhin: Die einen erwirtschaften ein Einkommen von einer Million und mehr im Jahr, die anderen müssen sich mit zwei Prozent oder weniger dieser Summe zufrieden geben. In der letzten Wirtschaftskrise hat die Ungleichheit sogar noch zugenommen. Das Vermögen der zwei Prozent reichen Menschen wächst ins Unermessliche, die relativ armen Menschen tun sich noch schwerer, ein Auskommen zu finden. Das ist in der Tat eine gefährliche Entwicklung – und eine schädliche obendrein, weil sie ein Hemmschuh für eine gesunde, wachsende Volkswirtschaft ist (siehe dazu auch einen Artikel über eine diesbezügliche OECD-Studie auf Seite 15 dieser Ausgabe) und ein Nährboden für den Wunsch, dies auch mit radikalen Mitteln ändern zu wollen.
Als Mittel, eine gedeihliche Entwicklung zu ermöglichen, wurde und wird die Umverteilung durch Steuern eingesetzt. Wir diese allerdings zu stark, untergräbt sie die Leistungsbereitschaft jener breiten Mittelschicht, die mit ihren Initiativen und ihrem Einsatz Arbeit und Wohlstand auch für andere schaffen, zum anderen veranlasst sie Leistungsempfänger, nicht mehr alle Kräfte zu mobilisieren, um sich selbst helfen zu können.
Die Menschen sind nicht gleich, und deshalb lässt sich Ungleichheit nicht beseitigen. Der liebe Gott (oder nach anderer Leseart die Natur) hat die Talente nicht gerecht verteilt, denn es gibt intelligente und weniger intelligente Menschen, und es gibt solche, die etwas aus ihren Talenten machen und andere, die sie aus Bequemlichkeit nicht nutzen. Um bei der Bibel zu bleiben: Sowohl im Matthäus-Evangelium ((25, 14 – 30) als auch im Lukas-Evangelium (19, 12 – 27) wird das Gleichnis von den Talenten erzählt, die der Herr seinen Knechten anvertraut hat, ehe er auf Reisen ging. Er stattet sie mit unterschiedlich umfangreichen Mitteln aus. Nach seiner Rückkehr verlangt er Rechenschaft, und er belohnt jene, die die Talente vermehrt haben, bestraft aber jenen, der zwar wenig erhalten hat, aus dem Wenigen aber gar nichts gemacht hat. Und nicht von ungefähr zählt die „Acedia“ – das bedeutet Faulheit, Feigheit (wo bleibt der Wagemut?), Ignoranz, aber auch Trägheit des Geistes und des Herzens – zu den sieben Todsünden. Wer nichts aus sich macht (und immer nur nach Hilfe ruft und Solidarität anmahnt), ist in einem religiösen und auch volkswirtschaftlichen Sinn ein Sünder.
Wenn wir von Ungleichheit heute sprechen, müssen wir auch sagen, dass es in den meisten westlichen Staaten Sozialsysteme gibt, die die schlimmsten Folgen vermeiden helfen. Mit Blick auf Südtirol können wir feststellen, dass es ein öffentliches, so gut wie kostenloses Schulsystem bis zu Matura gibt, dass fast alle, die studieren wollen, dies auch können, und dass darüber hinaus ein öffentliches Gesundheitssystem eingerichtet wurde, das allen einen medizinische Versorgung und Betreuung garantiert. Dazu kommen Unterstützungen für Arbeitslose, Sozialrenten und das Lebensminimum – alles finanziert mit Steuergeldern, die überwiegend von jenen aufgebracht werden, denen der Herr etwas mehr Talente gegeben hat und die diese mit Fleiß und Einsatz vermehren. Dass im Steuersystem Adjustierungen notwendig sind, die Ungerechtigkeiten abstellen, ist eine Tatsache. Wer aber immer mehr Umverteilung fordert, ist auf dem Holzweg.
Wir können und dürfen nämlich nach den Erfahrungen mit kommunistischen Systemen nicht außer Acht lassen, dass sich Gleichheit nicht verordnen lässt, weil dies in Unfreiheit mündet und zu einer materiellen Verarmung führt. Das heißt nicht, dass wir sie einfach hinnehmen müssen oder nichts dagegen tun sollten, wohl aber, dass wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten dürfen. Ungleichheit ist immer auch ein Ansporn, sich zu bemühen, selbst aktiv zu werden, um es jenen gleich zu tun, die weiter oben auf der Leiter stehen. Der Europaparlamentarier und Vordenker der Ökosozialen Alexander Langer hat einst als Lehrer für Gleichheit gesorgt, indem er allen seinen Schülerinnen und Schülern die Einheitsnote sieben gegeben hat. Die Faulenzer haben gejubelt, andere haben es als weltanschaulich notwendiges Zugeständnis an die Schwachen hingenommen (zumal ihnen kein Nachteil entstand), wenige waren offen dagegen. Würde man diese Methode im Erwerbsleben fortschreiben, wäre der Arbeiter, der sich anstrengt, gleich wie jener, der „Dienst nach Vorschrift“ tut, und der Arzt bekäme gleich viel wie der Briefträger. Eine solche „Gleichheit“ führt nicht dazu, dass es einigen wenigen ein bisschen schlechter geht, dafür aber allen anderen besser (das wäre eigentlich das Ziel), sondern dass es am Ende zwar allen gleich geht, aber gleich schlecht. Wo kein Lohn für die Mühen winkt, erlahmt die Initiative. Und dann erreicht Umverteilung nicht ihr Ziel, sondern wird zur Quelle von Wohlstandsverlust.
Dass alle gleich sind, es aber allen schlecht geht, das will niemand, wird oft behauptet. Aber das stimmt in der Absolutheit dieser Aussage nicht, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Werden Bekannte, die alle 1.500 Euro netto im Monat verdienen, gefragt, ob sie in Zukunft 3.000 Euro verdienen wollen, stimmen alle begeistert zu. Wenn aber dem einen eröffnet wird, dass er nur dann 3.000 Euro bekommt, wenn er damit einverstanden ist, dass der andere 5.000 erhält, sinkt die Zustimmungsrate gewaltig. Hier kommt eine weitere „Todsünde“ ins Spiel: Der Neid hat eine sehr starke Wirkung, und er wird zuweilen mit einer Etikette versehen, auf der „Gleichheit“ oder „Solidarität“ steht.
Der einzige stichhaltige Grund, in der Ungleichheit etwas Verwerfliches statt Nützliches zu sehen, besteht dann, wenn Ungleichheit zementiert wird, wenn „die unten“ wenig Chancen haben, einen Aufstieg zu schaffen, und „die oben“ wenig Gefahr laufen, von der Leiter zu stürzen, wenn es also zu wenig soziale Mobilität gibt, wie die Experten dies nennen. Gelingt es den ärmeren Schichten der Bevölkerung nicht mehr oder nur mehr selten, den sozialen Aufstieg zu schaffen, dann ist etwas faul am System. Genau dies ist aber heute stärker als in den letzten Jahrzehnten des vergangen Jahrhunderts der Fall. Einerseits ist nämlich die Umverteilung auch ein Hemmschuh für eigene Anstrengungen, anderseits verhindern manche Gesetze Initiativen, weil sie Hürden schaffen und einen hohen Kapitalbedarf bedingen, damit alle Auflagen erfüllt werden können. Auf diese Weise werden bestehende Verhältnisse zementiert. Eine solche Wirkung hatte auch der Mitte der 1980-er-Jahre in Südtirol verhängte Bettenstopp für touristische Betriebe. Was als Maßnahme zum Schutze der Landschaft und der Umwelt konzipiert wurde, führte in letzter Konsequenz auch dazu, dass die Bettenhabenichts zusehen mussten, wie die Bettenbesitzer in einem vollen Teich fischen.
In einem funktionierenden Gemeinwesen muss die Politik dafür sorgen, dass sich alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und dem Einkommen ihrer Familie bilden und ausbilden können und die Chance haben, etwas aus sich zu machen, wenn sie sich anstrengen. Der Druck von unten macht den Menschen oben Beine und führt zuweilen zu deren Scheitern. Dies ist eine weit wirkungsvollere Medizin als immer höhere Steuern und immer mehr Umverteilung, die unterm Strich die Ungleichheit verstärkt statt sie abzubauen. Sogar die Versorgung der Armen in Afrika mit Altkleidern aus unseren überfüllten Schränken ist nicht nur Segen, sondern macht es gleichzeitig den Produzenten in den Entwicklungsländern schwer, ein eigenes Angebot für die Einheimischen aufzubauen.
Wo Platz geschaffen wird für die Leistungsbereiten und den Leistungsverweigerern keine Anreize gegeben werden, wo Aufstieg und Abstieg möglich sind, dort haben wir lebendige, entwicklungsfähige Gesellschaften ohne verkrustete Strukturen.















