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Lernt doch endlich überholen!

Ich war im Urlaub. Auf der Autobahn habe ich mich maßlos geärgert über Blinde auf der Normalspur und Angsthasen auf der Überholspur. In welchem Lotto haben die ihren Führerschein gewonnen?

Christian Pfeifer von Christian Pfeifer
31. August 2012
in Mobilität
Lesezeit: 3 mins read

Mein diesjähriger Urlaub liegt schon ein paar Wochen zurück. Aber jedes Mal, wenn ich an den vergangenen Augustwochenenden im Radio davon hörte, dass auf der Brennerautobahn wieder einmal nichts geht, ist mir der Urlaub wieder eingefallen – oder vielmehr die Rückfahrt von dort. Diese Fahrt hat mich nämlich in meiner Meinung bestärkt, dass sehr oft nicht allein „Überlastung“ – wie es im Verkehrsfunk so schön heißt – schuld an den Staus auf der zweispurigen Brennerautobahn ist, sondern dass die Autolenker selbst durch ungeschicktes Verhalten so manchen Stau verursachen. Ganz sicher hat an den vergangenen Stauwochenenden so mancher Autolenker verstohlen auf den leeren Pannenstreifen geschielt und gedacht: „Ach, wäre das doch jene dynamische dritte Fahrspur, die schon so oft diskutiert wurde.“ Ich behaupte: Wir brauchen keine dynamische Fahrspur, zumindest an den allermeisten Tagen im Jahr nicht, sondern einfach nur dynamische Autofahrer!

Ich war mit meiner Familie an der Adria – zu meinem allerersten Camping­urlaub. Die Kinder fühlten sich pudelwohl, und folglich fühlten auch wir Eltern uns pudelwohl. Nach zwei Wochen setzte ich mich entspannt wie selten ans Lenkrad, um die Heimfahrt in Angriff zu nehmen. Der Verkehr flüssig, der Tempomat auf 130 … okay, ich gebe zu, auf 140, und so ging es flott in Richtung Heimat. Auch auf der Brennerautobahn war das Verkehrsaufkommen erträglich, obwohl die Autos nun auf zwei Spuren gezwängt wurden. Dann aber passierte es: Jäh ging es nur mehr im Schritttempo weiter. Ein Unfall? Eine Baustelle? Nein, nichts von alledem, denn ein paar Minuten später rollte der Verkehr wieder, als hätten sich die Autos einfach in Luft aufgelöst. Zwei Minuten später tauchte aus dem Nichts ein Stau auf, als wären die Autos einfach wieder vom Himmel gefallen. Unfall? Baustelle? Gesehen habe ich nichts, und so plötzlich der Stau entstanden war, so plötzlich war er wieder weg. Das gibt’s doch nicht!

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Sie nicken? Aha, Ihnen ist auch schon passiert, dass ein Stau auf der Autobahn wie eine Fata Morgana auftaucht und sich wieder auflöst? Mir ist das schon unzählige Male widerfahren. Aber in meiner Entspanntheit, die ich vom Meer mitgebracht hatte, begann ich zum ersten Mal darüber nachzudenken, wie es Staus geben kann, die letztendlich gar keine sind. Während die Kinder auf der Rückbank friedlich schliefen und ich vor mich hin sinnierte, musste ich schon wieder aufs Bremspedal. Mit 80 Stundenkilometern (immerhin!) statt 130 fuhr ich jetzt auf der Überholspur, so wie etwa zehn Autos vor mir. Die Normalspur hingegen war frei, bis auf zwei Autos – und einen Lkw.

Minutenlang blieb das so, der Lkw kam einfach nicht näher. Derweil sah ich im Rückspiegel, wie die Autos hinter mir immer mehr wurden. Auch auf der Normalspur drängten inzwischen Fahrzeuge nach. Alle wollten den Lkw überholen, aber sie konnten nicht, weil der Lenker des ersten Autos in der Kolonne zwar auch wollte, aber sich ganz offensichtlich nicht traute. Nach rechts auf die Normalspur wollte er aber zu meinem Ärger auch nicht. Gehen, pardon fahren Sie doch aus dem Weg, Sie Angsthase! In welchem Lotto, um Gottes willen, haben Sie Ihren Führerschein gewonnen? Während ich mich ärgerte und es schon meiner Urlaubsruhe an den Kragen ging, scherte unmittelbar vor mir ein Nissan urplötzlich von der Normalspur auf die Überholspur und zwängte sich zwischen mich und das Vorderfahrzeug. Ich musste bremsen, die Lenker hinter mir ebenfalls. Ja, sind Sie denn blind? Haben Sie nicht gesehen, dass die Lücke für Sie zu klein ist, Sie …

In diesem Moment fiel mir wieder ein, was ich einmal gelesen hatte: Wird in einer Autokolonne vorne gebremst, dann wirkt sich das nach hinten von Auto zu Auto stärker aus – bis zum Stillstand. Während vorne der Verkehr rollt, steht dann hinten alles. So entsteht also ein Stau! Man nehme einen Lkw oder auch einen Wohnwagen, der gemächlich dahintuckert, dazu einen ängstlichen Überholverweigerer und einen nervösen Spurwechsler, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Während der Überholverweigerer und der Spurwechsler vorne nichts ahnend weiterrollen, stehen weiter hinten die Autos Stoßstange an Stoßstange. Dann hört der Überholverweigerer oder der Spurwechsler im Radio, dass es auf der Autobahn einen Stau gibt. „Eigenartig“, werden sie dann denken, „ich war ja gerade dort und habe von einem Stau nichts bemerkt.“

Autobahnfahren erfordert in Urlaubszeiten viel Geduld. Da behindern die erwähnten Angsthasen den Verkehr und sorgen die Scheinblinden für Gefahr. Da treiben auch die chronischen Überholspurfahrer ihr Unwesen – der Blick in den Rückspiegel ist ihnen fremd und die Dynamik eines Spurwechsels sowieso. Während sie vor sich die freie Autobahn genießen, wird hinter ihnen in der Kolonne gefahren. Da fällt mir dann immer mein Opa ein, der mir – ich war ein Kind – im Auto einmal im Witz sagte: „Dreh dich mal um, wir sind die schnellsten in der ganzen Kolonne.“ Damals habe ich mich geschämt, mit meinem Opa im Auto zu sitzen. Böse war ich ihm nicht. Aber böse bin ich den anderen!

Schlagwörter: 33-12freenomedia

Ausgabe 33-12, Seite 7

Christian Pfeifer

Christian Pfeifer

Erste journalistische Gehversuche bei der Tageszeitung "Alto Adige", seit 1995 bei der SWZ, seit 2015 deren Chefredakteur. Moderiert nebenberuflich das Wirtschaftsmagazin Trend im Fernsehen von Rai Südtirol. Findet Ausgleich bei seiner Familie und beim Sport, vorwiegend bei Tennis, Ski und Langlauf.

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