Bozen – Wer schneller am Markt ist, macht sehr oft das Rennen im Wettbewerb um Kunden. Eine rasche und effiziente Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen stellt viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Die Kunden vieler Unternehmen sind immer besser informiert und stellen damit auch steigende Anforderungen an Produkte. Neben essenziellen Leistungsanforderungen haben Kunden heute ein steigendes Bedürfnis nach ökologisch vertretbaren und ethisch nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen, die sie zudem individuell nach eigenen Wünschen und Geschmäckern konfigurieren möchten. Zudem drängen neue, teils disruptive Technologien mit völlig neuen Ertrags- und Geschäftsmodellen in unsere Märkte und gefährden damit traditionelle Vertriebskanäle. Hinzu kommt eine steigende Anzahl an alternativen Lösungen und Anbietern durch die bereits stattgefundene Globalisierung im Anbietermarkt und neue Mitbewerber.
Diese Markttrends führen auch zu neuen Herausforderungen für die Produkt- und Dienstleistungsinnovation. Produktlebenszyklen werden immer kürzer. Die neue Version eines Produktes ist binnen weniger Monate vielleicht schon wieder alt und wird durch eine Produktinnovation eines Mitbewerbers übertrumpft. Der Druck auf die Produktentwicklung und Innovation hat im Laufe der Jahre stark zugenommen – die Produkte durchlaufen immer schneller einen Marktzyklus. Speed-to-market ist ein kritischer Erfolgsfaktor für die Produktentwicklung und hilft dem Unternehmen, seine Profitabilität zu steigern. Zu lange Entwicklungszeiten sorgen dafür, dass das Produkt später auf den Markt kommt. Eine spätere Markteinführung wird einen starken und negativen Einfluss auf die Ergebnisse des Unternehmens nehmen. Mit anderen Worten: Erster zu sein, ist oft besser, als der Beste zu sein. Folglich: Schnelligkeit ist einer der Schlüssel! Klar, aber… was macht uns schnell (oder langsam) in der Produkt- und Dienstleistungsentwicklung?
Um dies und damit „The Need for Speed (to Market)“ zu analysieren, wird die Innovationsleistung mit einer Formel-1-Rennstrecke verglichen (siehe Abbildung). Wir haben eine Piste, eine Ziellinie, eine Boxenlinie und klarerweise einen Formel-1-Rennwagen. Welche Einflussvariablen gilt es für einen Rennstrategen zu berücksichtigen, um das Rennen zu gewinnen.
Das Gewicht nimmt einen negativen Einfluss auf Beschleunigung, Reaktivität, Bremsen- und Kurvenfreudigkeit sowie Flexibilität und Verbrauchseffizienz. Gewicht ist im Unternehmen getrieben durch die Aufbauorganisation, Ablauforganisation sowie Komplexität von Information, Technologie und Organisation. Gewicht muss im Rennwagen nicht nur minimiert werden, sondern auch richtig auf die Vorder- und Hinterachse verteilt werden. Das bedeutet entsprechende vertriebs- und marketinggetriebene Innovation (Market-Pull) sowie entwicklungsgetriebene Innovation (Technology-Push).
Die Leistung des Motors (PS) nimmt großen Einfluss auf die Dynamik, also auf Beschleunigung, Reaktivität und Geschwindigkeit, aber auch auf Verbrauch. Die Leistung eines Motors muss sowohl quantitativ (also PS), als auch qualitativ (Drehmoment) auf die Rennstrecke abgestimmt sein. Im Innovationsmanagement sind die PS: talentierte Fachmitarbeiter wie Produktentwickler, Prozesstechniker, Vertriebs- und Marketingexperten, spezialisierte Projektleiter sowie externe Partner wie Forschungseinrichtungen, Zulieferpartner und klarerweise Kunden. Das Drehmoment entspricht der Verfügbarkeit solcher Expertise entlang des ganzen Innovationsprozesses.
Das Getriebe ist verantwortlich für die effiziente Leistungsanwendung und nimmt Einfluss auf Beschleunigung, Reaktivität und Verbrauchseffizienz. Ein Getriebe muss leicht, schnell und präzis und bestens mit dem Motor abgestimmt sein! Im Innovationsmanagement ist das Getriebe bzw. Kraftübertragungssystem gleich dem Schnittstellen-Management bzw. der Verzahnung von Projektorganisation und funktionaler Organisation. Die Kombination aus Allrad-, Hinterrad- oder Vorderrad-Antrieb verweist auf eine abgestimmte Kombination aus vertriebs- und marketinggetriebener (Market-Pull) und entwicklungsgetriebener Innovation (Technology-Push).
Die Reifen sind verantwortlich für den „Grip“ bei unterschiedlichsten Bedingungen und bilden somit die wichtigste Voraussetzung, um die Potenzialität des Fahrzeugs bestens zu nutzen (schnell und sicher fahren). Ohne geeignete Reifen verliert man Geschwindigkeit, und die Risiken, im Grün neben der Piste zu landen, nehmen zu. Die Reifen müssen das gesamte Rennen über in gutem Zustand sein. Reifenwechsel sind möglich, aber richtig zu planen. Im Innovationsmanagement ist Grip wesentlich und heißt: kunden- bzw. marktorientiert planen, entwickeln und realisieren (auch durch neue Businessmodelle). Gleichzeitig heißt es auch Kundennutzen zu maximieren und somit Wert zu generieren. Wenn zu viele PS gleichzeitig genutzt werden, dann haben wir ein Unter- oder Übersteuern, Burn-out oder Drift. Dies führt zu einer Steigerung von Risiko und Verbrauch!
Bremsen und Kurvenfreudigkeit heißt, trotz der hohen Geschwindigkeit vor (eventuellen) Kurven sicher bremsen zu können und agil für anstehende Überholmanöver bei jeglichen Bedingungen zu sein.
Der Verbrauch ist beim Rennen sehr wichtig. Zu hohe Verbräuche werden uns zwingen, mit zu viel Treibstoffgewicht zu fahren oder teure Pit-Stopps (Splash & Go) einzulegen. Der Verbrauch muss vor dem Start richtig geplant werden, sonst wird der Fahrer entweder keine Ziellinie sehen oder seine Geschwindigkeit reduzieren müssen. Um Sprit zu sparen, ist Rennrhythmus und Zusammenarbeit mit anderen Teammitgliedern entscheidend! Verbräuche sind auch beim Innovationsmanagement sehr wichtig und heißen: finanzieller und personeller Ressourcen-Einsatz sowie Kosten für Fehler und Lessons learned.
Das Fahrverhalten entscheidet über die optimale Ausnutzung des Fahrzeugs. Das Fahrverhalten soll an das Set-up des Rennwagens und an die Bedingungen der Rennstrecke perfekt abgestimmt sein. Neben Gewicht und Motorhubraum nimmt das Fahrverhalten den meisten Einfluss auf den Verbrauch. Im Innovationsmanagement ist das Fahrverhalten beeinflusst von: Projektmanagementansätzen (Stage-Gate; Synchro-Pläne, Spiro-Modelle, Lean, Agile, Scrum), dem Design der entsprechenden Phasen-Modelle bzw. Anzahl der Stop&Go bzw. Synchro-Punkte sowie vom Projektleiterprofil (Fachprojektleiter als Nebenaufgabe vs. professioneller hauptberuflicher Projektleiter).
Der Pistenverkehr kann die Gesamtleistung eines Rennens negativ oder positiv beeinflussen. Zu viele teilnehmende Fahrzeuge reduzieren gegebenenfalls die Geschwindigkeit und erhöhen die Unfallrisiken. Im Innovationsmanagement ist der Pistenverkehr getrieben durch: die Anzahl der parallelen Projekte, welche auf gleiche Ressourcen zugreifen, (multi)projektbezogene Auslastung der geplanten Fachexperten bzw. der internen / externen Dienstleister.
Das Warm-up und Qualifying ist nützlich, um unterschiedliche Set-ups zu testen und die richtigen Reifen, Getriebeeinstellungen und ein günstiges Fahrverhalten auszuwählen. Warm-up und Qualifying helfen darüber hinaus, Szenarien bzw. Plan A und B für das Rennen zu definieren. Im Innovationsmanagement ist ein Warm-up & Qualifying vergleichbar mit einem systematischen Testen von Lösungsansätzen und „Set-ups“: Ideenwettbewerb & Kundenbefragungen, Machbarkeitsstudien, erste Fokus Groups, Pitches, Crowdfunding bis hin zum richtigen Markttest.
Die Box ist verantwortlich für die Rennstrategie und Piloteninformation während des Rennens. Richtige bzw. reaktive Strategien können erfolgsentscheidend sein. Die Box entscheidet, wie viele Pit-Stopps notwendig sind, kontrolliert die Leistung im Rennen und den Pistenverkehr, um die Erfolgschancen zu maximieren. Im Innovationsmanagement kümmert sich die Box um: die Klarheit der Ziele bzw. der Produktspezifikationen, Projektmonitoring und -lenkung, Innovationsstrategie und zentrales Innovationsmanagement sowie Multiprojekt- bzw. Engpass- bzw. Prioritätsmanagement.
Es spielen also viele und teilweise korrelierte Variablen im Rennsport zusammen, damit ein Rennwagen ein Rennen wirklich gewinnt. Mit systematischer Methodik und zielgerichteten Maßnahmen können die Einflussfaktoren im Unternehmen auf Sieg gestellt werden.
Der Autor: Dott. Vittorio Franzellin ist Managing Associate Partner der Unternehmensberatung Matt & Partner in Bozen.
Literatur: Franzellin, V. Produkte richtig entwickeln – Schneller zum Markt mit Methodik, Vortrag zum Tag der Innovation 2016, Handelskammer Bozen.



















