Salurn – Wer das schwere Tor des Ansitzes Liebenstein öffnet, lässt den Alltag draußen und tritt in eine Welt aus gedämpftem Licht, alten Bildern, Lederhosen und historischen Nähmaschinen. Entspannte Musik läuft im Hintergrund. Hinter dem Tresen werden Kaffees zubereitet.
Eine Treppe führt in den ersten Stock. Von dort geht es durch zwei kleine historische Zimmer, vorbei an Dirndln und Lederhosen, hinein ins Trachtengeschäft. Die Umkleidekabine: ein altes Weinfass mit Vorhang. Ganz hinten befindet sich das Herzstück des Hauses: die Schneiderei. Auf dem großen Holztisch liegen Schnittmuster, Messer, Scheren, Stanzer und ein Bügeleisen aus einer Zeit, in der niemand eine Dampffunktion vermisst hat. An der Wand wacht der Kopf eines mächtigen Rothirsches über den Raum.
Mittendrin stehen Norman und Thomas Ventura. Lederhose, Hemd, Weste, Stutzen. Sie passen so gut in dieses Haus, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es einmal ohne sie existiert hat. Dabei begann die Geschichte von Amalia Pernter 1896 nicht in einem historischen Ansitz – sondern in einem Kinderzimmer.
Zwei Nähmaschinen im Kinderzimmer
Norman ist 34 Jahre alt, Thomas fünf Jahre jünger. Dass sie Brüder sind, sieht man sofort. Dass sie unterschiedlich ticken, ebenfalls. Norman wirkt ruhiger, beobachtend. Vor Kurzem ist er Vater geworden. Die Schneiderei ist sein Reich. Thomas wirkt spontaner, immer dort, wo es gerade etwas zu organisieren gibt. Er nennt sich selbst den „Springer“. Zu Nadel und Schere greift er trotzdem gelegentlich: „Wenn es mich in der Schneiderei braucht.“
Norman ist gelernter Elektrotechniker und arbeitete in einem Planungsbüro. Mit Hirschleder und Federkielstickerei hatte das zunächst wenig zu tun. Bis er selbst eine Lederhose suchte – und feststellen musste, dass niemand in Südtirol mehr traditionelle Modelle anfertigte. Die Gebhard-Brüder in Brixen, die letzten Lederhosenschneider Südtirols, waren in Rente gegangen. „Da hat mich das Handwerk interessiert“, erzählt Norman.
„Ich bin eher der Springer. Helfe dort, wo es mich braucht. Natürlich auch in der Schneiderei.“ Thomas Ventura
Eine klassische Lehre gab es nicht mehr. Der Säcklerberuf, wie er in Österreich und Deutschland offiziell heißt, war in Südtirol während des Faschismus verschwunden. Norman lernte deshalb neben seiner Arbeit bei den pensionierten Brüdern weiter. Auch Thomas ging dort ein und aus, besuchte einen Federkielstickkurs und begann, sich mit der Anfertigung von Lederhosen zu beschäftigen. Bald standen im gemeinsamen Zimmer im Elternhaus zwei Nähmaschinen.
Zunächst war es ein Hobby. 2014 kündigte Norman seinen Job und machte sich selbstständig. Zwei Jahre später wurde aus dem Kinderzimmer eine kleine Schneiderei in Salurn: 83 Quadratmeter, ausschließlich Lederhosen. Thomas, der zuvor Basketball gespielt hatte, half nebenbei mit. Später stieg auch er vollständig ein.
2021 wagten die Brüder den nächsten Schritt: Sie gaben ihr kleines Geschäft im Dorf auf und zogen in den Ansitz Liebenstein.
„Das ist viel zu groß für uns“
Der Ansitz Liebenstein stand lange leer und hatte im Dorf längst die Fantasie geweckt. „Niemand wusste, wie es drinnen aussah, aber alle wollten rein“, erzählt Thomas. Über seine damalige Freundin kam er mit dem Besitzer in Kontakt. Die Brüder durften im Ansitz ein Fotoshooting machen. Ein Jahr später fragte der Eigentümer, ob sie das Haus mieten wollten.
„Wir haben gesagt: Das ist viel zu groß für uns“, erzählt Thomas. „Er sagte: Ist egal, kommt einmal, dann schauen wir.“ Sie kamen. Und blieben.
Zuerst zog nur die Schneiderei ein. Doch es gab Platz. Also eröffneten die Brüder ein Geschäft und richteten unten eine interne Bar für Kunden und Freunde ein. Die Freunde brachten Freunde mit, irgendwann wurde die Bar öffentlich.
„Ein paar Monate später hatten alle Hunger. Also haben wir ein Restaurant eröffnet.“ Norman Ventura
„Ein paar Monate später hatten alle Hunger“, sagt Norman. Also kam ein Restaurant dazu. Später folgten Feiern, Hochzeiten, Erlebnisdinner, Weinveranstaltungen, Musikabende, ein Maskenball und gelegentlich Oldtimertreffen. Auch die Zigarrenabende entstanden eher beiläufig.
„Es kamen so oft Zigarrenclubs und haben gesagt: Hier wäre es perfekt“, erzählt Thomas. Was bieten die Brüder inzwischen alles an? Thomas überlegt keine Sekunde: „Alles, was irgendwie möglich und legal ist.“
Dass heute Schneiderei, Geschäft, Bar und Restaurant unter einem Dach vereint sind, wirkt ungewöhnlich. Zur Familiengeschichte der Brüder passt es aber erstaunlich gut.
Eine Frau gibt dem Haus ihren Namen
Den Namen verdankt der Betrieb Amalia Pernter, der Ururgroßmutter der Brüder. Sie führte ein Stoffgeschäft und eine Schneiderei und arbeitete später in Salurn als Kellnerin. Heute verbinden ihre Ururenkel wieder Schneiderei, Verkauf und Gastronomie unter einem Dach. Deshalb gefiel ihnen die Idee, dem Haus ihren Namen zu geben.
Geplant war diese Mischung nicht. Jedenfalls nicht von Anfang an. Die Schneiderei war da, der Ansitz kam dazu, der Rest wuchs Raum für Raum. „Wir haben mit einem Budget von 11.000 Euro begonnen“, erzählt Thomas. Für die Bar kauften sie eine Theke und Kühlschränke, später kam immer wieder etwas Neues dazu. „Wir haben 100 Euro kassiert und 500 Euro ausgegeben.“
„Der schönste Moment ist für mich immer noch, wenn das Telefon klingelt und jemand reservieren möchte. Salurn ist eben nicht Kaltern – und auch nicht der Waltherplatz in Bozen.“ Thomas Ventura
Inzwischen gehört den Brüdern der gesamte Ansitz. So spontan vieles wirkt: Ganz ohne Plan ging es nicht. Spätestens als die Bank ins Spiel kam, brauchten sie einen gut ausgearbeiteten Businessplan. „Der Bank muss man schon etwas erzählen“, sagt Thomas und lacht.
Der schönste Moment sei für ihn trotzdem bis heute, wenn das Telefon läutet. Beim ersten Anruf für eine Tischreservierung habe er sich gedacht: unglaublich. „Hier hatte es vorher nie ein Restaurant oder eine Bar gegeben. Salurn ist nicht Kaltern oder der Waltherplatz in Bozen. Und dann fragen die Leute: ,Dürfen wir einen Tisch reservieren?‘ Da dachte ich: Sie rufen extra an und kommen extra zu uns. Das ist schon cool.“
Eine Hose aus bis zu 50 Teilen
Trotz Bar, Restaurant und Veranstaltungen bleibt die Schneiderei das Herzstück des Hauses. Eine maßgefertigte Lederhose besteht im Zuschnitt aus fast 40, manchmal sogar aus 50 Einzelteilen. Wer eine Amalia-Pernter-1896-Maßanfertigung bestellt, wartet ungefähr ein Jahr. Liegt das an der aufwendigen Arbeit oder an der langen Warteliste? „An beidem“, sagt Norman lachend.
Verarbeitet wird Hirschleder. Besonders für Vereine wird auf Maß gearbeitet. Denn eine Lederhose ist in Südtirol nicht einfach eine Lederhose. „Jedes Dorf hat ein bisschen seine eigene“, erklärt Norman. „Stickereien, Farben und so weiter.“ Die alten Schnittmuster und Stickvorlagen der Gebhard-Brüder sind deshalb ein Schatz. In den Mappen stecken Unterschiede, die Außenstehenden kaum auffallen, vor Ort aber eine große Rolle spielen. Dazu kommen eigene Entwürfe der Venturas.
„Ich kaufe eine Lederhose fürs Leben und gebe sie meinem Sohn weiter.“ Norman Ventura
Geeignetes Leder zu finden, sei eine Wissenschaft für sich, erzählt Thomas. Größe, Farbe, Gerbung, Beschaffenheit der Haut und sogar die Stelle, an der die Kugel eingeschlagen ist, spielen eine Rolle. „Wenn man ein gutes Leder findet, muss man zuschlagen.“
Eine Maßanfertigung kostet ungefähr 1.700 Euro. Billig ist das nicht. Für zwei Sommer und drei Dorffeste ist sie aber auch nicht gedacht. „Ich kaufe eine Lederhose fürs Leben und gebe sie meinem Sohn weiter“, sagt Norman. Viele Kunden kämen Jahre später wieder, wenn eine Naht ausgebessert oder etwas angepasst werden muss. Die Hose wird gepflegt, repariert, weitergetragen.
Ob die Venturas das selten gewordene Handwerk irgendwann weitergeben möchten? „Meine Tochter ist drei Monate alt, da ist das noch etwas zu früh … In einem Jahr vielleicht“, sagt Norman schmunzelnd.
Zu den Markenbotschaftern von Amalia Pernter 1896 gehört unter anderem Norbert Rier von den Kastelruther Spatzen. Die Zusammenarbeit entstand, wie so vieles bei den Brüdern, eher beiläufig: „Eigentlich hatte sein Sohn angerufen, weil er eine Lederhose brauchte. Dann haben wir gesagt: Komm einmal herunter zum Abmessen. Vielleicht bringst du gleich deinen Vater mit“, erzählt Thomas. Norbert Rier kam mit.
600 Nähmaschinen und Chesterfield-Sofas
Auch das Innenleben des Ansitzes ist nicht am Reißbrett entstanden. Die schweren Chesterfield-Sofas, alten Schränke, Lampen, Bilder und Nähmaschinen wurden über Jahre zusammengesucht. Vieles fand Thomas bei privaten Verkäufern. „Wenn du zehn solche Sofas kaufst, fällst du ein bisschen auf“, sagt er. „Dann sehen die Leute dich und sagen: Ich kenne jemanden, der auch eines hat.“
Inzwischen besitzen die Brüder ungefähr 600 alte Nähmaschinen. Die meisten lagern noch im Magazin. Irgendwann sollen sie stärker in das Haus integriert werden: nicht als Museum mit Kassa und Eintrittskarte, sondern als Sammlung, die Gäste im Vorbeigehen entdecken. Mit der Verbindung aus Einkauf, Gastronomie und Erlebnis waren die Brüder ihrer Zeit ein Stück voraus. „Heute ist das fast selbstverständlich“, sagt Norman. „Nur Essen kann man schließlich zu Hause auch.“
„Wenn du zehn solche Sofas kaufst, fällst du ein bisschen auf. Dann sehen die Leute dich und sagen: Ich kenne jemanden, der auch eines hat.“ Thomas Ventura
Um das Gesamtkonzept Amalia Pernter am Laufen zu halten, braucht es viele Hände. Wenn man alle mitzählt, arbeiten rund 15 bis 20 Menschen hier, manche auch nur an einzelnen Tagen. In der Schneiderei unterstützen sie ein bis zwei Mitarbeiterinnen. Auch viele der Dirndln entstehen im Haus: Die Brüder wählen Stoffe und Knöpfe aus, entwickeln Schnittmuster und nähen Prototypen. Dabei holen sie sich Rat bei Bekannten.
Dass Dirndl und Lederhose wieder stärker gefragt sind, beobachten die Brüder gerade bei den Jüngeren. Die Tracht sei eleganter und hochwertiger geworden, erzählt Thomas: gute Stoffe statt Synthetik, schöne Farben statt grellem Pink. Auch auf Instagram und Facebook sind die Brüder aktiv und zeigen sich regelmäßig in Videos. „Damit erreicht man heute wahrscheinlich mehr Menschen als mit Zeitungsanzeigen“, sagt Thomas.
Inkognito in Zivil
Norman und Thomas tragen fast immer Tracht. Nicht nur für Fotos, nicht nur im Geschäft. Bei Thomas geht die Gewohnheit besonders weit. Sieht man ihn trotzdem einmal ohne Lederhose? „Wenn ich ins Restaurant gehe und nicht möchte, dass mich sofort jemand erkennt, bin ich inkognito in Zivil“, sagt er und lacht.
So selbstverständlich die Tracht für die Brüder zum Alltag gehört, so wenig soll ihr Haus wie ein Museum wirken. Was sollen die Menschen mitnehmen, wenn sie es wieder verlassen? „Dass sie sich wohlgefühlt haben und wiederkommen“, sagt Norman. „Und dass sie ein Stück Südtirol, Tradition und Geschichte mitnehmen können.“
Dann öffnet sich unten wieder die Tür. Neue Gäste kommen herein. Hinter der Bar beginnt es erneut zu wuseln. Und oben auf dem großen Holztisch wartet die nächste Lederhose.























