Bozen – Kühe, die von einem Zaun begrenzt werden, den man nur auf dem Handy sieht: Das klingt nach Zukunftsmusik. In Südtirol wird es nun erstmals wissenschaftlich geprüft.
Im europäischen Forschungsprojekt „Sage“ (Sustainable Agrivoltaic Grazing Ecosystem) untersucht das Versuchszentrum Laimburg gemeinsam mit zehn internationalen Partnern, wie digitale Weidetechnologien und Agri-Photovoltaik die Weidehaltung nachhaltiger und flexibler machen können. Das Projekt ist 2026 gestartet und läuft drei Jahre. Laimburg beteiligt sich an der Erforschung von Virtual Fencing, einer Technologie, die Weidetiere ohne physische Zäune lenkt.
Weiden und Nutztiere prägen die Südtiroler Kulturlandschaft seit Jahrhunderten. Klimawandel, steigender Arbeitsaufwand, Flächendruck und der Ausbau erneuerbarer Energien setzen die Viehwirtschaft jedoch unter Druck. Deswegen wird nach Lösungen gesucht, wie sich digitale Weidetechnologien, Photovoltaik und Tierhaltung sinnvoll verbinden lassen.
So funktioniert Virtual Fencing
Ein Puzzlestück ist virtual Fencing. Hier tragen die Tiere GPS-Halsbänder. Nähert sich ein Tier der virtuellen Grenze, hört es zuerst ein akustisches Signal. Erst beim Überschreiten folgt ein kurzer elektrischer Impuls, der niedriger ist als bei herkömmlichen Elektrozäunen. So sollen die Tiere lernen, innerhalb der vorgesehenen Fläche zu bleiben.
„Unser Ziel ist es, mehr landwirtschaftlichen Betrieben zu erleichtern, ihre Tiere auf die Weide zu schicken. Dafür brauchen sie Technologien, die im Alltag wirklich helfen und gut zu den Bedingungen vor Ort passen.“ Giovanni Peratoner
Die Vorteile: Weideflächen lassen sich anpassen, ohne Zäune auf- und abzubauen. Die Halsbänder zeigen zudem, wo sich die Tiere aufhalten, wie sie sich bewegen und wie lange sie ruhen. Das erlaube auch Rückschlüsse auf ihre Gesundheit, so die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.
„Unser Ziel ist es, mehr landwirtschaftlichen Betrieben zu erleichtern, ihre Tiere auf die Weide zu schicken. Dafür brauchen sie Technologien, die im Alltag wirklich helfen und gut zu den Bedingungen vor Ort passen. Mit Virtual Fencing testen wir, ob und wie diese Technik auf Südtirols Weiden funktionieren kann: Wie gut lassen sich die Kühe damit lenken? Wie reagieren sie auf den digitalen Zaun? Genau diese Fragen möchten wir im Projekt wissenschaftlich beantworten“, erklärt Giovanni Peratoner, Leiter des Fachbereichs Berglandwirtschaft am Versuchszentrum Laimburg.
Erste Versuche in Dietenheim und Deutschland
Der Südtiroler Versuch läuft am Versuchsbetrieb Mair am Hof in Dietenheim in Deutschland, den der Agrarbetrieb der Agentur Landesdomäne führt. Er erstreckt sich über die gesamte Weideperiode und wird über mehrere Jahre fortgesetzt, um auch mögliche Langzeiteffekte zu erfassen.
Getestet wird das System an rund 15 Milchkühen der Rasse Tiroler Grauvieh. Die Forschenden beobachten ihr Verhalten und prüfen außerdem Batterieleistung, GPS-Genauigkeit und die Umsetzbarkeit im Alltag. Und auch an Schafen wird das System getestet.

Weidehaltung trifft auf erneuerbare Energie
An anderen europäischen Standorten untersucht „Sage“, wie sich Weidehaltung und erneuerbare Energie verbinden lassen. Im Fokus stehen Agri-Photovoltaikanlagen, also Photovoltaikmodule auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Sie erzeugen Strom, können aber auch das Mikroklima verändern und den Tieren in Hitzeperioden Schutz bieten.„Wir möchten verstehen, wie sich erneuerbare Energieerzeugung und Nutztierhaltung so kombinieren lassen, dass sowohl Umwelt als auch Landwirtschaft davon profitieren.“ Dr. Franziska Koch
Virtual Fencing könnte in solchen Anlagen künftig helfen, die Weide flexibel einzuteilen und sensible Bereiche wie geschützte Pflanzenbestände, Gebäude oder Baumgruppen von der Beweidung auszunehmen.
„Wir möchten verstehen, wie sich erneuerbare Energieerzeugung und Nutztierhaltung so kombinieren lassen, dass sowohl Umwelt als auch Landwirtschaft davon profitieren.“ Dr. Franziska Koch
Erste Versuche hierzu laufen bereits in Norddeutschland. „Wir möchten verstehen, wie sich erneuerbare Energieerzeugung und Nutztierhaltung so kombinieren lassen, dass sowohl Umwelt als auch Landwirtschaft davon profitieren. Dafür betrachten wir das gesamte System, vom Tierwohl über die Biodiversität bis hin zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit“, erklärt Dr. Franziska Koch, Projektkoordinatorin Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock.
Auch wenn die Untersuchungen zur Agri-Photovoltaik nicht in Südtirol stattfinden, so hat das Versuchszentrum Laimburg doch eine entscheidende Aufgabe auch in diesem Forschungsfeld. Es bringt u.a. seine Grünlandexpertise ein und analysiert Futterproben aus mehreren europäischen Ländern, um die Auswirkungen der Agri-Photovoltaik-Anlagen auf Ertrag und Futterqualität zu bewerten.


















