Die Krim ist fast viermal so groß wie Südtirol und hat eine bewegte Geschichte. Im 15. Jahrhundert fiel sie ganz an das Osmanische Reich und war von den Tataren und dem Islam geprägt, 300 Jahre später geriet sie unter russischen Einfluss. Es war die „deutsche“ Zarin Katharina die Große, die die Krim 1783 als „von nun an und für alle Zeiten“ russisch erklärte. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zum Krim-Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, in dem Franzosen und Briten den Türken zu Hilfe kamen, um eine weitere Ausdehnung des russischen Einflusses im Gebiet des Schwarzen Meeres zu verhindern.1921 wurde die Krim eine autonome Sowjetrepublik, war also verwaltungsmäßig von der Ukraine getrennt. Im Zweiten Weltkrieg war die Krim von 1942 bis 1944 von der deutschen Wehrmacht besetzt, nach deren Rückzug Stalin an die 300.000 Krimtataren als teils wirkliche, teils vermeintliche Kollaborateure nach Zentralasien deportieren ließ. Der Diktator beendete die Autonomie der Krim innerhalb der Sowjetunion und gliederte sie an die Russische Republik an. Es war dann der Ukrainer Nikita Chruschtschow, der die Krim 1954 aus Russland herauslöste und der Ukrainischen Sowjetrepublik zuschlug. Als sich die UdSSR 1991 auflöste, wurde die Ukraine in den bestehenden Grenzen (also samt der Krim) zu einem unabhängigen Staat. Zwar sprach sich auch die Bevölkerung der Krim damals mit knapper Mehrheit für die Abspaltung der Ukraine von der Sowjetunion aus, aber Kiew übte anschließend starken Druck aus, um ein Referendum über die Unabhängigkeit der Krim zu verhindern. Als Zugeständnis wurde der Krim Autonomie innerhalb der Ukraine zugestanden und in der Verfassung Russisch (das spricht die große Mehrheit der Bevölkerung), Ukrainisch und Krimtatarisch als offizielle Sprachen verankert. Die Ukraine vermietete Sewastopol, den Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte, zuerst bis 2017, vor vier Jahren unter dem russlandfreundlichen Präsidenten Wiktor Janukowitsch bis 2042 an Moskau. Der politische Umsturz in der Ukraine im Februar 2014 wurde einerseits als Bedrohung für die Autonomie der Krim empfunden und führte anderseits zu einem Wideraufleben der Unabhängigkeitsbestrebungen, die von Russland auch militärisch unterstützt werden. Eine Vorentscheidung könnte am kommenden Sonntag bei einer Volksabstimmung auf der Krim fallen.
Was auf der Krim passiert, wird insbesondere in Südtirol mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, denn auch dort geht es – wenn auch vor einem ganz anderen Hintergrund – um Autonomie und deren Bewahrung oder gar um eine Abspaltung, wie sie manchen vorschwebt. Übereifrige haben in Internet-Foren auch nach Ende des Faschings den Vorschlag gemacht, Österreich solle Südtirol besetzen, damit dieses sich von Italien lösen kann.
Zwischen Südtirol und der Krim gibt es aber eine weitere Verbindung. Im Herbst 1939 schlossen Adolf Hitler und Benito Mussolini (sprich: Nazi-Deutschland und das faschistische Italien) ein Abkommen zur Umsiedlung der Südtiroler ins „Reich“. Die große Mehrheit der Bevölkerung entschied sich bei der sogenannten Option für Deutschland, und an die 75.000 verließen auch wirklich das Land und siedelten sich meist im heutigen Österreich und Deutschland an, bevor die Kriegswirren nach 1940 den Exodus zum Erlahmen brachten. Die deutschen Behörden stellten den Südtirolern wiederholt ein geschlossenes Siedlungsgebiet in Aussicht, waren sie doch wertvolle Heimatlose zur Besiedlung neuen germanischen Lebensraumes. Im Gespräch waren insbesondere Burgund und die Krim. Diese war von der Wehrmacht 1942 erobert worden. Im sogenannten „Generalplan Ost“ war vorgesehen, die Krim in Erinnerung an jene Goten, die sich in der Zeit der Völkerwanderung dort niedergelassen hatten, „Gotengau“ zu taufen, während die Festung Sewastopol in „Theoderichshafen“ und Simferopol in „Gotenburg“ umbenannt werden sollten. Und wer weiß: Jalta hieße vielleicht heute Bruneck, Kerch Salurn und Olenivka Schlanders, wenn alles anders, alles schlimmer gekommen wäre.
Generalkommissar auf der Krim war 1942 der gebürtige Wiener Alfred Frauenfeld, der wohl der Architekt der Umsiedlungsidee gewesen ist. Belegt ist ein Brief Heinrich Himmlers vom Sommer 1942 an Frauenfeld, in dem er sich für dessen Denkschrift über die Umsiedlung der Südtiroler auf die Krim bedankte. Er und der Führer stünden diesen Plänen nicht ablehnend gegenüber, schrieb Himmler, „doch herrscht Einigkeit darüber, dass mit der Umsiedlung der Südtiroler erst nach Abschluss des Krieges begonnen werden kann.“ Der Führer soll einmal angemerkt haben, die Südtiroler brauchten ja nur einen deutschen Strom, die Donau, hinunterzufahren, dann seien sie schon da.
Am Ende meinte es das Schicksal doch gut mit unseren Vorfahren: Sie mussten weder im Gefolge der Nazis die Donau hinunter in ein neues deutsches Land, noch auf Befehl der Faschisten die Etsch hinunter in andere Regionen Italiens, sondern konnten in Südtirol bleiben, und über die Hälfte der Auswanderer kehrte zurück. Einen Wunsch haben die Südtiroler dem wahnsinnigen Führer letztendlich erfüllt. „Ein großer deutscher Kurort“ sollte die Krim laut Hitler werden, ein südlich gelegenes Erholungsgebiet für das deutsche Volk. Geschaffen haben die Südtiroler dies nicht auf der Krim, sondern in Südtirol.

















