Morter/Vetzan – Drei Stufen führen von der Straße hinunter in die Kostbar. Draußen am Haus steht der Name des Ladens in geschwungenen Lettern. Links liegt die Terrasse mit einem eigenen Zugang zur Bar. Drinnen geht Sarah durch die Regale, rückt hier eine Packung gerade, ordnet dort etwas neu und streift mit dem Blick über Brot, Gemüse, Aufschnitt und Obst. „Ich bin schon eine, die es gerne ordentlich mag“, sagt sie fast entschuldigend. Aber man merkt: Das ist kein Nebensatz. Das ist Teil ihres Prinzips.
„Für mich war von Anfang an klar: Ich will einen Ort schaffen, an dem die Leute zusammenkommen und auch gerne etwas bleiben.“ Sarah
Sarah Oberhofer ist 29 Jahre alt. Blondbraune Haare, zum Pferdeschwanz gebunden. Eine markante große Brille mit braunem Gestell. Jeans, Turnschuhe, T-Shirt. „Ich komme immer gerne etwas lässig daher“, sagt sie. Um den Hals trägt sie eine kleine goldene Kette mit rundem Anhänger, in den Ohren große Scheiben, in der Nase einen Ring. Unter dem linken T-Shirt-Ärmel lugt ein großes buntes Tattoo hervor: ein Old-School-Motiv, eine Frau, dazu der Schriftzug „Sink or swim“.
Ein Laden, eine Bar, ein Risiko
„Das ist ein bisschen mein Motto“, sagt Sarah. Untergehen oder schwimmen. Machen oder lassen. Bei ihr klingt es nicht dramatisch. Eher pragmatisch. Als sie vor gut sechs Jahren die erste Kostbar eröffnete, hatte sie keine Erfahrung im Einzelhandel. Nach der Matura arbeitete sie zwei Jahre in einer Bar. Kaffee, Bier, Gäste – das kannte sie. Einkauf, Sortiment, Preise und Lieferanten kamen erst dazu.
„Am Anfang musste ich erst einmal schauen, was in so einen Dorfladen überhaupt hineingehört“, sagt Sarah. „Ich habe Listen geschrieben, mit Lieferanten gesprochen und einfach ausprobiert. Was gut gelaufen ist, ist geblieben. Und was liegen geblieben ist, habe ich wieder aus dem Sortiment genommen.“
Das Haus in Morter, in dem früher schon einmal ein kleiner Dorfladen war, kauften Sarahs Eltern und bauten Wohnungen. Für ihre Mutter war klar: Der Laden sollte bleiben. Also fragte die Familie Sarah, ob sie ihn übernehmen wollte. Sie war damals Anfang 20. Vielleicht war genau das ihr Glück. „Ich war jung und dachte mir: Probier es einfach.“ Im November 2019 eröffnete sie die Kostbar in Morter. Wenige Monate später kam Corona. Kein besonders einfacher Start für einen neuen Treffpunkt im Dorf. Trotzdem hielt Sarah an ihrer Idee fest: Die Kostbar sollte mehr sein als ein klassischer Dorfladen.
„Am Anfang musste ich erst einmal schauen, was in so einen Dorfladen überhaupt hineingehört.“ Sarah
„Für mich war von Anfang an klar: Ich will einen Ort schaffen, an dem die Leute zusammenkommen und auch gerne etwas bleiben“, sagt sie. „Die Kombination aus Geschäft und Bar hat für mich einfach Sinn gemacht.“ Heute weiß sie: Genau das funktioniert.

„Hallo, wie geht’s dir?“
In der Kostbar gibt es Brot von mehreren lokalen Bäckern, Fleisch vom regionalen Metzger, Aufschnitt, Milch, Kekse, Gemüse und Käse. Dazu kommen Dinge, die man im Alltag braucht: Babywindeln, Toilettenartikel, Waschmittel, Putzsachen und Stifte. Kuntrawant-Kaffee, hausgemachte Kuchen, belegte Brote sowie Knödel, Braten und Fleischsuppe, die eine Mitarbeiterin selbst zubereitet. Kurz: Hier bekommt man fast alles für die Woche – und ein bisschen mehr.
Aber das Ausschlaggebende steht nicht im Regal. „Das ,Hallo, wie geht’s dir?‘, ist wahrscheinlich das, was uns von anderen unterscheidet“, sagt Sarah. Die Kostbar ist kein anonymer Supermarkt, sondern ein Ort, an dem man sich kennt.
Und wenn jemand einen Wunsch hat, versucht Sarah, ihn zu erfüllen. „Das mache ich nach Möglichkeit schon“, so die Kostbar-Chefin.
Lässig, aber längst Unternehmerin
Bei den Öffnungszeiten ist Sarah inzwischen konsequent. Während wir reden, wartet draußen schon ein Kunde, obwohl der Laden noch geschlossen ist. Sarah bleibt ruhig. Früher aufmachen? Nein. Denn so persönlich es in der Kostbar zugeht: Am Ende muss es auch unternehmerisch passen.
Dieser Wechsel macht Sarah aus. Eben noch lacht sie, sucht nach den richtigen Worten, erzählt von ihren Kundinnen und Kunden. Dann klingelt das Telefon, es geht um eine Bestellung. Zucker, Mozzarella, Mengenangaben. Sarah fragt nach, entscheidet, macht weiter. Unaufgeregt, klar, selbstbewusst.
Aus dem Dorfladen in Morter ist längst ein kleines Unternehmen geworden. Sarah beschäftigt heute zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, manche in Vollzeit, manche in Teilzeit. Dazu kommen Arbeitspläne, Bestellungen, Lieferanten, Preise, Urlaube und Krankheitsfälle.
Auch als Chefin versucht Sarah, nahbar zu bleiben. „Ich möchte mit meinen Mädels gut auskommen“, sagt sie. Zusammen einen Kaffee trinken, ratschen – das gehört für sie dazu. Respekt bekomme man nicht durch einen Titel, sagt die 29-Jährige, sondern dadurch, dass man selbst mit anpacke und hinter seinem Team stehe.
Dann kam Vetzan
Einen zweiten Laden hatte Sarah eigentlich nicht geplant. Die Anfrage kam von der Gemeinde Schlanders, die auf ihre Kostbar in Morter aufmerksam geworden war. In der Fraktion Vetzan hatte es seit 15 Jahren kein Geschäft und seit zehn Jahren keine Bar mehr gegeben. Nun sollte wieder Leben in den Ortskern einziehen.
Sarahs erste Reaktion: nein. Eine Kostbar reicht. Doch die Idee ließ sie nicht los. Als sie schließlich zusagte, richtete die Gemeinde das Ladengeschäft nach ihren Vorstellungen ein. Eineinhalb Jahre dauerte es vom ersten Gespräch bis zur Eröffnung der zweiten Kostbar im April dieses Jahres.
„Man muss halt schauen, dass alle entlang der Lieferkette etwas verdienen. Aber übertreiben mit den Preisen – das geht nicht.“ Sarah
In beiden Standorten gibt es das gleiche Sortiment. Wo es möglich ist, setzt Sarah auf Regionales. Zusätzlich gibt es Hausgemachtes: Sirupe von ihrer Mutter, Kuchen von ihrer Schwägerin. Catering, kalte Platten und Buffets sind mit der Zeit als zusätzliches Standbein dazugekommen.
Nicht alles kam von Anfang an gut an. Zum Beispiel das Bier. Statt Forst schenkte Sarah Bier der Vetzaner Bio-Brauerei „Probiers“ aus. „Warum gibt es bei euch kein Forst?“, wurde sie anfangs oft gefragt. Sarah war damals 22. Ihre Antwort: „Das kriegst du überall.“ Leicht sei ihr das damals nicht gefallen, sagt sie. Heute kann sie darüber lächeln. „Neues muss sich manchmal eben erst durchsetzen.“
Ein Ort, der ihre Handschrift trägt
Viele seien überrascht, wenn sie das erste mal in die Kostbar kommen, erzählt Sarah. Kleine Dorfläden hätten noch immer ein bestimmtes Image: teuer, altmodisch, unpraktisch. Immer wieder kämen Leute herein und sagten: „Ach, du bist ja gar nicht so teuer.“
Sarah nimmt das nicht allzu ernst. Sie weiß, woher solche Vorurteile kommen. Aber sie will zeigen, dass ein Dorfladen mehr sein kann als eine Notlösung: ein Ort, an dem man gut einkauft, Qualität bekommt und trotzdem faire Preise findet. „Man muss halt schauen, dass alle entlang der Lieferkette etwas verdienen“, sagt sie. „Aber übertreiben mit den Preisen – das geht nicht.“
Loslassen lernen

Lange hat Sarah fast alles selbst gemacht: aufsperren, Schichten einteilen, bestellen, kalkulieren, bedienen, auffüllen, organisieren. Bis vor Kurzem stand sie noch jeden Morgen selbst kurz nach sechs im Laden. Jetzt versucht sie, sich die Zeit anders einzuteilen. Morgens ist sie oft in Morter, später schaut sie nach Vetzan, telefoniert mit den Mitarbeiterinnen und fragt, ob etwas gebraucht wird. Die beiden Standorte liegen nur wenige Minuten auseinander. Das hilft.
Aber zwei Standorte bedeuten auch: Man kann nicht überall gleichzeitig sein. „Ich habe gelernt, dass die Mädels das gut machen“, sagt Sarah. „Man muss auch loslassen können.“ Leicht fällt ihr das nicht. Sie ist genau. Sie möchte nicht, dass Morter leidet, nur weil Vetzan dazugekommen ist. Diese Angst hatte sie. Vielleicht hat sie sie noch immer ein wenig. „Mir ist wichtig, dass wir den Standard, den wir uns setzen, weiterhin erfüllen können“, sagt die 29-Jährige.
Im vergangenen Jahr wurde Sarah klar, dass es so nicht ewig weitergehen konnte. Im Frühling war sie ein paar Tage weg, danach erst wieder im Oktober. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es ohne Pausen einfach zu viel wird“, sagt sie. „Jeder muss zwischendurch mal ein paar Tage abschalten.“
Heute achtet sie darauf, ihre freie Zeit bewusster zu schützen. „Am Sonntag versuche ich, etwas mit Freunden und Familie zu unternehmen – nichts Hektisches, nichts Aufwändiges“, sagt sie. Auch den Samstagnachmittag hält Sarah sich möglichst frei, sofern kein Catering ansteht. Unter der Woche nutzt sie die Mittagszeit oft für Büroarbeit, Bestellungen und Organisatorisches, damit nicht zu viel für den Feierabend oder fürs Wochenende liegen bleibt. „Ich lerne langsam, das so zu machen“, sagt sie.
Familie als Fundament
Dass die Kostbar erfolgreich ist, liegt nicht nur an Sarah allein. „Das funktioniert nur, weil wir zusammenhalten“, sagt sie. Die Eltern haben ihr den Start ermöglicht, die Mutter hilft bis heute, wo sie kann. Vom heimischen Hof kommen Äpfel, Himbeeren und Blaubeeren. Vieles wird verwertet, eingekocht, verarbeitet. Wegwerfen will Sarah so wenig wie möglich. Das sei nicht nur schade, sondern gehe am Ende ins Geld.
„Irgendwann habe ich gemerkt, dass es ohne Pausen einfach zu viel wird. Jeder muss zwischendurch mal ein paar Tage abschalten.“ Sarah
Auch finanziell war es wichtig, die Familie im Rücken zu wissen. Das Geschäft ist in die Familienstruktur eingebettet: Sarah zahlt Miete und führt ihr eigenes Einzelunternehmen. „Natürlich hatte ich Möglichkeiten und Hilfe, die nicht jeder hat“, sagt sie. Eine Erfolgsgarantie sei das aber noch lange nicht. Ein Lokal, das dasteht, ist noch kein funktionierender Betrieb. Ein Raum verkauft kein Brot. Eine Theke bindet keine Kundschaft. Und eine Idee allein hält kein Team zusammen.
„Ich bin die Sarah“
Was Sarah ausmacht, ist diese Mischung: Sie ist Chefin, ohne sich wichtigzumachen. Sie achtet auf Zahlen, aber auch auf das Gespräch. Sie sucht manchmal nach den richtigen Worten, weil sie nicht hart klingen möchte. Und trifft trotzdem klare unternehmerische Entscheidungen.
Wenn sie nach Vetzan fährt, geht es ihr nicht nur darum, nach dem Rechten zu sehen. Sie will präsent sein. Manche Kundinnen und Kunden sagen dann: „Ah, da ist die Chefin.“ Sarah winkt ab. „Nein, ich bin die Sarah.“ Aber Gesicht zeigen müsse man schon, sagt die 29-Jährige und lacht.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis der Kostbar. Sie ist kein Konzept, das irgendwo am Schreibtisch entstanden ist. Sondern ein Ort, der gewachsen ist: aus einem Dorf, einer Familie, vielen Gesprächen – und aus einer jungen Frau, die sich getraut hat zu schwimmen.
DIE SERIE In der Serie „Jung & hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle bisher erschienenen Artikel aus der Reihe finden Sie auf SWZonline und in der SWZapp.





















