Washington/ Nuuk – Grenzen und Länder waren im Westen der Welt lange Zeit unangetastet. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde auf unseren Landkarten wenig radiert, kaum verschoben. Das war der Normalzustand. Daran hatten wir uns gewöhnt. Stabilität war keine Hoffnung, sondern eher Gewissheit. Ihr Fundament – so glaubten wir – war die Demokratie.
Dass Grenzen in anderen Teilen der Welt oft nur von kurzer Dauer sind, dass Staaten dort zerfallen, neu entstehen oder gewaltsam verändert werden, ordneten wir der Welt außerhalb unserer Ordnung zu.
Doch dann kam die Krim. Und die Ukraine. Und alle sagten: Ja, Herr Putin – dem ist so etwas zuzutrauen. Der Bruch der Ordnung wurde personalisiert, externalisiert, moralisch eingeordnet.
Plötzlich spielt Amerika Wilder Westen
Doch nun verhält sich ausgerechnet Amerika – das sich selbst als Hüter der demokratischen Ordnung versteht – wie im Wilden Westen.
Erst lässt Donald Trump den Präsidenten Venezuelas und dessen Frau in ihrem eigenen Land gefangen nehmen. Offiziell wegen Drogen, vielleicht auch ein bisschen wegen Öl.
„Wissen Sie, wie deren Verteidigung aussieht? Zwei Hundeschlitten.“ Donald Trump
Und jetzt richtet sich sein Blick wieder auf Grönland – diesmal mit aller Macht. Einen Deal würde er bevorzugen – einen großen, versteht sich. Angeblich ist ihm die Insel 700 Milliarden Dollar wert. Doch wenn es keinen Deal gibt, dann wird eben einmarschiert. Die Grönländer könnten sich ja eh nicht verteidigen: „Wissen Sie, wie deren Verteidigung aussieht? Zwei Hundeschlitten“, spottete Trump.
Offiziell geht es ihm um die strategische Lage zwischen Amerika, Europa, Russland und China. Vielleicht auch ein bischen um neue arktische Schifffahrtsrouten, die mit dem schmelzenden Eis entstehen. Oder um seltene Erden, Uran, Öl und Gas unter dem Permafrost…
64 Prozent der Amerikaner sind gegen eine Eingliederung Grönlands in die USA. Und 85 Prozent der Grönländer wollen keine Amis werden.
Doch all diese Gründe haben einen entscheidenden Makel. Denn eigentlich will das niemand so richtig – auf keiner Seite des Atlantiks. 64 Prozent der Amerikaner sind gegen eine Eingliederung Grönlands in die USA. Und 85 Prozent der Grönländer wollen keine Amis werden.
Doch das scheint Trump egal. Er hält an seinen Übernahmeansprüchen fest. „We’re going to get it one way or the other“, sagte er – als wäre Widerstand nur eine Variable, kein Hindernis.

Ein Bündnis unter Selbstbeschuss
Und nun? Wo stehen wir jetzt?
Die Nato verlegt Soldaten nach Grönland. Der Einsatz trägt den Namen Operation Arctic Endurance. Es handelt sich um eine von Dänemark organisierte gemeinsame Nato-Übung zur Stärkung der militärischen Präsenz in der Arktis. Beteiligt sind unter anderem Deutschland, Frankreich, Schweden, Norwegen, die Niederlande und Kanada. Geübt werden Erkundung, Infrastrukturschutz und militärisches Handeln unter extremen arktischen Bedingungen – ausdrücklich als Reaktion auf wachsende geopolitische Spannungen.
Dänen und Franzosen sind bereits in Nuuk gelandet, die Bundeswehr soll folgen. Koordiniert wird das Ganze nicht aus den USA, sondern aus europäischen Nato-Strukturen – denn die USA, selbst Nato-Mitglied, sind plötzlich einer der Akteure, gegen den Vorsorge organisiert wird.
Was ist das? Der Beginn eines innerwestlichen Machtkonflikts? Rüstet ein Teil des Bündnisses gegen einen anderen Teil – ausgerechnet auf Grönland, einer Insel mit kaum 60.000 Einwohnern?
Was bedeutet das, wenn sich in unserer westlichen Welt plötzlich das mächtigste Land alles nimmt, was es will – im Namen von America First?
Ja, vielleicht ist es uns Europäern lieber, wenn die USA Grönland kontrollieren als China oder Russland. Aber was bedeutet das, wenn sich in unserer westlichen Welt plötzlich das mächtigste Land alles nimmt, was es will – im Namen von America First? Wenn es Grenzen zur Verhandlungsmasse erklärt und selbst grundlegende Regeln unter dem Deckmantel von Deals, Strategie oder moralischer Überlegenheit relativiert?

Dann wäre die Nato nicht mehr das, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg sein sollte: kein stabilisierender Rahmen, sondern selbst Teil des Konflikts. Nicht mehr Sicherheitsgarant – sondern Prüfstein.
Denn ein Angriff eines Nato-Staates auf das Territorium eines anderen Mitglieds würde das Bündnis nicht symbolisch beschädigen, sondern politisch entkernen. Und genau das verändert alles. Nicht nur militärisch. Sondern auch im Denken.
Der Westen nach dem Westen
Die Europäer haben das offenbar längst verstanden. Eine im vergangenen November in 21 Ländern durchgeführte Umfrage des European Council on Foreign Relations – realisiert in Partnerschaft mit dem Forschungsprojekt Europe in a Changing World an der Universität Oxford – zeigt: Nur noch ein Fünftel der Kontinentaleuropäer und nur noch ein Viertel der Briten sehen die USA als Verbündeten. Für die Mehrheit sind sie inzwischen lediglich ein notwendiger Partner.
Auch der Rest der Welt beobachtet diesen Bruch genau. Während in früheren Umfragen noch 60 Prozent der chinesischen Befragten die amerikanische und europäische Haltung als gleich oder zumindest ähnlich wahrnahmen – als Ausdruck eines geeinten Westens –, sind es heute nur noch 43 Prozent. Eine klare Mehrheit erkennt inzwischen: Europa und die USA handeln nicht mehr als geschlossene Einheit.
Stand heute gilt: Der Westen, wie wir ihn kennen, ist auf dem besten Weg, Geschichte zu werden – mit jedem weiteren Schritt über Grenzen, die einst als unantastbar galten.



















