Es sind die 14- bis 24-Jährigen, die als Generation Z oder Zoomer bezeichneten Teenager und jungen Erwachsenen, die „Digital Natives“, die ihren Weg in Zeiten der Krise erst finden müssen. Sie, die gerade erst flügge geworden sind und (idealerweise) ihre Pickel verloren haben, werden auf besondere Weise gebeutelt von der Krise, leben sie doch von befristeten Verträgen, Kurzarbeit und elterlicher Abhängigkeit.
Es scheint im ersten Moment etwas pervers, dieses Thema in den Ring zu führen, kam doch der Großteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch ihren Rettungsschirm Eltern recht glimpflich durch die Covid-Krise. Kurzfristig betrachtet stimmt das bedingt. Die finanzielle Last schulterten gerade bei den Jüngeren Mutti und Papi. Schüler wurden nur sozial beeinträchtigt, ökonomisch dagegen selten. Studenten waren etwas mehr betroffen, denn sie konnten in dieser Zeit neben dem Studium nichts dazuverdienen, hatten aber weiterhin Fixkosten wie Miete oder Studiengebühren. Junge Erwerbstätige hatten es jedoch schwer. Die fast ausnahmslos befristet angestellten Arbeitnehmer hängen durch den Kündigungsschutz noch in den Seilen des Lohnausgleichs und des bezahlten Urlaubs. Zukunft aber offen.
Wenn wir die aktuelle Situation mal außen vor lassen und beginnen, uns Zukunftsszenarien auszumalen, dann wird die Lage schon prekärer. Die Situation kann sich je nach politischer, wirtschaftlicher und pandemischer Wendung schnell ändern. Es sind immer die schwächsten Glieder, die von einer Krise zuerst überrollt werden. Die befristet Angestellten werden im Krisenfall zuerst das „Goodbye“ vom Arbeitgeber bekommen. Und das sind genau die noch nicht am Arbeitsmarkt etablierten jungen Arbeitnehmer. Potenzielle Lehrlinge werden keine Lehrstelle finden, wenn Handwerksbetriebe keine mehr einstellen. So wird die ohnehin schon hohe Jugendarbeitslosigkeit von 29,2 Prozent in Italien und 8,4 Prozent in Südtirol (Stand 2019, ASTAT) nach der Auflösung des Kündigungsschutzes steil nach oben schießen. Ökonom und Bocconi-Professor Tito Boeri meint: „Die Hälfte der Arbeitsplätze, die durch Covid-19 zerstört wurden, betraf Menschen unter 35, obwohl die Beschäftigten in dieser Altersgruppe gerade ein Viertel aller Beschäftigten ausmachen“. Die Lage für die precari, wie sie in Italien genannt werden, wird in Zukunft noch prekärer.
Auf ewig Hotel Mama?
Es wird sich in Zukunft als großes Problem herausstellen: Die schiere Unmöglichkeit einer Zukunftsplanung. Erdenklich ist sie weder mittel- noch langfristig. Alles, was über eine Zeitspanne von einem Jahr hinausgeht, wird von tausend Fragen überschattet. Werde ich noch eine Arbeit haben? Wird eine erneute Quarantäne meine Ersparnisse auffressen? Wann kann ich meine finanzielle Unabhängigkeit erreichen? Eine solche Ungewissheit macht unsicher, schreckt vor großen Entscheidungen ab und bremst aus. Für junge Menschen verzögert sich die Abkopplung der Eltern hin zur finanziellen Freiheit. Die sogenannten mammoni werden noch länger bei der Mama bleiben. Nicht weil sie es wollen, nein, sie haben keine andere Möglichkeit. Dadurch wird weniger gebaut werden, und es werden weniger Kinder zur Welt kommen, was die ohnehin heikle Lage der Altersverteilung der Bevölkerung weiter verschärfen wird. Und das führt zu unserem nächsten großen Problem: der Rente.
Rackern für die Alten
Sie ist eine tickende Zeitbombe, die Rentensituation in Italien. Die heute 45- bis 62-Jährigen bilden die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe, und alle laufen sie langsam, langsam dem gesetzlichen Rentenalter zu. Die Italiener leben nach den Spaniern europaweit am längsten (83,24 Jahre), bekommen aber mit Portugal am wenigsten Kinder (1,34). Die jüngeren Generationen sind bei Weitem nicht so zahlreich und schon gar nicht in der Lage, genug Wirtschaftskraft zu erzeugen, um diese unglaubliche Zahllast, die auf sie zukommt, zu schultern. Das unweigerliche Ergebnis wird eine Reduzierung der durchschnittlichen Rente und die Erhöhung des Renteneintrittsalters sein müssen. Das offizielle Renteneintrittsalter in Italien liegt bei 67 Jahren. Doch vor allem Männer gehen fast immer früher in Rente. Die quota 100 setzt das Rentenalter für viele auf 62 Jahre herab und sorgt dafür, dass Tausende Pensionist*innen früher in Rente gehen dürfen und in der Folge im Durchschnitt für 20 (!) Jahre finanziert werden müssen, halb so lang, wie sie erwerbstätig waren. Der Plan der Regierung war dabei freilich, mehr Arbeitsplätze für junge Arbeitskräfte freizumachen. Ein Blick auf die Jugendarbeitslosigkeit verrät aber, dass das nicht funktioniert hat. Jetzt schon kommen 16 Millionen Rentner auf 23 Millionen Erwerbstätige. Das spricht für sich.
Italien, der ewige Schuldenknecht
Man würde meinen, Italien hat sich mit dem Rentenproblem bereits genug beladen. Angst haben muss die Jugend aber vor einem noch viel größeren Problem, mit dessen Antwort selbst die besten Ökonomen scheitern. Wie kann der gewaltige Covid-Schuldenberg einmal in der Welt abgebaut werden? Innerstaatlich sind es bis jetzt 100 Milliarden an neuen Schulden, von den geplanten 750 Milliarden der EU wird Italien weitere rund 209 Milliarden Euro erhalten. Diese plant die EU in den nächsten 30 Jahren wieder hereinzuholen. Doch wie wird das machbar sein? Italien wird ein Wirtschaftswunder und eine rigorose Reformpolitik brauchen, um nicht irgendwann wie Griechenland unter der Schuldenlast zusammenzubrechen. Doch ein Masterplan aus Rom lässt sich vermissen. Die EU empfiehlt zu digitalisieren und den Umweltschutz voranzutreiben, Italien würde lieber in die Infrastruktur investieren. Eines steht allerdings fest: Es wird an den Jungen hängen bleiben.
Erste Schritte in Richtung Aktivismus
Wir können uns an die Bilder vom vergangenen Jahr erinnern. Tausende Schüler säumten die Straßen von Bozen. Sie marschierten durch die Straßen, schrien Parolen und machten Lärm für die Zukunft der Welt. Sie forderten, dass der umweltschädliche Kurs, der von unserer postindustriellen Gesellschaft eingeführt wurde und unweigerlich zu einer Verschlechterung unseres Planeten führen wird, korrigiert werde. Das gab Zündstoff für Diskussionen. Als Schulschwänzer wurden die Demonstranten betitelt, und als Querulanten. Auch wurde die Heuchelei kritisiert, dass Jugendliche eine bessere Umwelt wollen und dabei trotzdem mit dem Flieger durch die Weltgeschichte reisen und zu den McDonald’s-Stammkunden gehören. Doch von einer Gruppe von Menschen, deren Lebenserfahrung noch nicht mal über den Tischrand reicht, zu erwarten, dass sie von heute auf morgen die Welt rettet, ist, gelinde gesagt, etwas viel verlangt. Die Umweltkrise wird die erste Krise der Menschheit sein, in der mit dem Finger zeigen nichts hilft. Alle Weltkriege und Finanzkriege hatten weniger oder mehr Schuldige, doch diesmal ist es jedes Individuum selbst, das für sich selbst bestimmen muss, was es besser machen kann. Gerechtfertigt bleibt die Forderung nach der Hilfe von Entscheidungsträgern, die bis jetzt auf sich warten lässt.
Eines steht jetzt schon fest: Die Fridays For Future-Bewegung war das erste politische Aufbegehren einer neuen Generation. Sie ist eine Art neue Hippie-Bewegung, nur mit schlechterer musikalischer Unterstützung. Bob Dylan sang noch „The Times They Are Changin’“. Heute müssen es Plakate und Social Media tun. Dieses politische Aufbegehren passierte nicht von ungefähr auf den Straßen. In den Wahlkabinen zieht die Jugend den Kürzeren gegen die Masse der 40-, 50-, 60-Jährigen. Viele wenden sich ab von der Politik, da sie sich gar nicht erhoffen, ein Gehör zu bekommen. Verwundern tut das nicht. Die Jungen haben keine Lobby. Sie sind die Letzten, die von der Politik profitieren. Und auch in den Medien ist man unterrepräsentiert. Die Zeitungen schreiben für die Alten, denn die sind die umsatzstärkste Käufergruppe. Unter geht da die Jugend. Aus diesem Grund musste die Jugend mit ihrem Anliegen auf die Straße – und hoffen, von der Politik erhört zu werden. Sie wurde zumindest angehört, was noch keinem „gehört“ entspricht, doch seitdem ist außer einer noch in den Wolken stehenden CO2- und Plastiksteuer vonseiten der EU nicht viel passiert. Weder in Südtirol noch in Italien, noch im Rest der Welt. Und dann kam auch noch Covid. Ein herber Dämpfer für eine Bewegung, die davon lebt, in einem Miteinander für etwas einzustehen. Fridays for Future meldete sich in den letzten Tagen zwar zurück, doch das Aufschieben von Problemen der Entscheidungsträger auf die Zukunft wird immer weitergehen, bis die Jungen endlich sagen: „Es reicht!“
Laurin J. Kompatscher
laurinkom99@gmail.com
Der Autor ist IWW-Student in Innsbruck und absolviert derzeit ein Praktikum in der SWZ.
Info
Leser*innen haben das Wort: Nicht alle in einen Topf
SWZ-FORUM LESER*INNEN HABEN DAS WORT – Nicht einen Wirtschaftssektor, nicht ein Unternehmen, sondern die Jugend hat das Covid-Monster am härtesten getroffen, schrieb Laurin Kompatscher in der SWZ vom 2. Oktober. Eine Erwiderung.
Lieber Laurin (ich sag einfach mal du), ja, du hast recht. Die Welt gerät aus den Fugen, gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch sowieso. Und dafür haben diejenigen, die dies zugelassen haben, gefälligst die Verantwortung zu übernehmen, auch wenn uns das jetzt nicht mehr weiterbringt.
Trotzdem muss ich a bissl widersprechen. Ich stoße mich an deinem „die Alten“, das ich genauso nicht stehen lassen kann, wie ich es nicht stehen lasse, wenn jemand Anklage gegen „die Jungen“ oder „die Ausländer“ oder „die Italiener“ oder „die …“ erhebt. Ich muss das nicht erklären, du weißt, was gemeint ist, das Problem mit Pauschalzuweisungen.
Und damit du siehst, wie sehr sich die Geschichte wiederholt, wenn es um gesellschaftliche und ökologische Fehlentwicklungen geht, lass mich kurz skizzieren, womit einige dieser Alten ihr Leben verbracht haben.
Die Alten, zu denen ich mich zähle
Ich rede von jenen Alten, zu denen ich mich zähle, jene, die das alles sehr wohl haben auf uns zukommen sehen, worüber du zu Recht klagst: dass der Generationenvertrag seine Gültigkeit verliert und kein Netz mehr für die Nachfolgegenerationen bereit hält, und dass wir den Planeten als Lebensraum mit Vollgas gegen die Wand fahren. Wir haben gemahnt, protestiert, diskutiert, gestreikt, man hat uns als hysterisch (speziell uns Frauen), dogmatisch (ein schlimmes Schimpfwort), kommunistisch (das schlimmste Schimpfwort überhaupt), sozialneidisch, „außen grün, innen rot“ verschrien (übrigens hat auch die Zeitung, für die du grad schreibst und die ich sehr schätze, nicht selten per Seitenhieb oder ganz offen in diesen Chor eingestimmt). Ich könnte dir viel erzählen von politischer und gesellschaftlicher Ächtung, von offenen Anfeindungen, versperrten beruflichen Chancen, Berührungsängsten und offenen Diskriminierungen.
Ich habe drei Kinder, sie sind 1983, 1986 und 1988 geboren. Ihre Zukunft war mir Auftrag und Motivation, mich einzumischen und nicht beirren zu lassen, weil ich informiert genug war, um zu wissen, dass wir das Ruder herumdrehen müssen, und das schon in den Achtzigerjahren, zu deren Standard wir heute zurücksollten! Damals haben wir Umweltgruppen und Bürgerinitiativen gegründet, haben in den Gemeinderäten versucht, die Weichen umzustellen. Aber wir sind gegen Wände gerannt. Das alles hat viele von uns mürbe gemacht, manch ein*e Weggefährt*in und Mitdenker*in haben wir unterwegs verloren, weil er oder sie es sich einfach nicht leisten konnten, sich offen als Umweltschützer (was ebenfalls einem Schimpfwort gleichkam) zu outen. Viele haben trotzdem weitergekämpft, aber es war in keinem Moment einfach oder eine Hetz.
Die jungen Menschen müssen lauter und radikaler werden
Lieber Laurin, ich sag dir das alles nicht, weil ich mich groß aufspielen will und ewig gestrig von der glorreichen Vergangenheit erzählen. Ich schreibe dir, damit du verstehst, dass es wehtut, jetzt in denselben Topf mit jenen geworfen zu werden, die uns damals mit allen Mitteln zum Schweigen bringen wollten und einfach weitergemacht haben, als ob es die Warnungen nicht gäbe.
Inzwischen habe ich Enkelkinder, und meine Sorgen um deren Zukunft haben sich – wie du dir denken kannst – vervielfacht. Zugleich aber macht sich in mir Resignation breit und eine ganz große Müdigkeit und Trauer. Ich sehe nichts von ernsthaftem, entschiedenem Bemühen um eine Zukunft, weder im Privaten noch in der Politik.
Die jungen Menschen, die sich jetzt zur Wehr setzen, werden wohl noch lauter werden müssen, viel, viel lauter und auch radikaler. Die Komfortzone müsst ihr dafür allerdings verlassen und Jammern bringt auch nicht weiter. Genauso wenig wie Schuldzuweisungen und das Schimpfen auf die Alten.
Evi Keifl


















