Bozen – Die Publikation „Mitarbeiterbindung in Südtirols Unternehmen“, die der Südtiroler Wirtschaftsring (SWR) präsentiert hat, enthält beileibe keine revolutionären Neuerkenntnisse. Trotzdem ist die Idee hinter der Publikation gut, weil sie ein oft unterschätztes Thema ins Bewusstsein rückt. Mitarbeiterbindung wird in vielen (nicht allen) Südtiroler Unternehmen, allen voran in den kleinen Familienunternehmen, gewissermaßen instinktiv betrieben, ohne dass groß darüber nachgedacht wird. Weil sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer persönlich kennen, ist der Umgang miteinander ein völlig anderer als in einem Konzern. Die Mitarbeiter danken es mit einer überdurchschnittlichen Loyalität und Leistungsbereitschaft.
Vor diesem Hintergrund bietet die erwähnte SWR-Broschüre durch die Verschriftlichung des Themas Mitarbeiterbindung so etwas wie eine Basis für eine mögliche Weiterentwicklung der Personalpolitik der vielen mittleren und kleinen heimischen Unternehmen: Was bisher instinktiv getan wurde, wird schwarz auf weiß in Lehrsätze und – noch wichtiger – in Einblicke, was andere Unternehmen tun, gegossen.
25 Praxisbeispiele werden beschrieben. Bei Apparatebau in Laag bei Neumarkt beispielsweise kann die Mensa auch von Familienmitgliedern der Mitarbeiter genutzt werden, es wird nach Möglichkeit Telearbeit von zu Hause aus erlaubt, es wird derzeit das Zertifikat „Gesunder Betrieb“ der Stiftung Vital angestrebt, und es werden – sofern es das Betriebsergebnis zulässt – zweimal jährlich Prämien ausbezahlt. In der Kunstweberei Gaidra in Wengen werden den Mitarbeitern große Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeitszeiten zugestanden, wird besonderer Wert auf eine regelmäßige Weiterbildung gelegt und sind Ehrungen für langjährige Mitarbeiter kleine Zeichen der Wertschätzung. Ein sogenanntes Struktogramm bietet Maico in St. Leonhard in Passeier jedem neuen Mitarbeiter: Dabei geht es darum, die eigenen Stärken und Talente besser kennenzulernen; den Mitarbeitern steht weiters ein eigener Ruheraum zur Verfügung, und es wird nicht nur Weiterbildung geboten, sondern sogar eine Weiterbildungsplanung unternommen. Der Arbeitsrechtsberater Studio Kaspar in Bozen vermeidet es, den Kanzleimitarbeitern Beginn und Ende des Arbeitstages sowie die Zeiten für die Pausen vorzuschreiben; dazu können die Mitarbeiter sowohl in Bozen als auch in der Geschäftsstelle am Ritten eine Küche nutzen. Die Bäckerei Konditorei Gasser Siegfried in Lüsen fördert die Eigeninitiative bei der Kreation neuer Produkte. Im Viersterne-Superior-Hotel Quelle in St. Magdalena/Gsies erhalten die Mitarbeiter jährliche Weiterbildungsschecks, und es wird am Projekt „Mitarbeiterhaus“ gearbeitet, in dem Mitarbeiter künftig zahlreiche Annehmlichkeiten inklusive Sauna, Fitnessraum und Schwimmbad genießen werden. Bei der Unternehmensgruppe Leitner in Sterzing gibt es unter anderem Einkaufsgutscheine zum Geburtstag und ein Urlaubsgeld, dazu firmeninterne Veranstaltungen wie Skirennen, Fußballturniere und Kinderfeste.
Die Beispiele zeigen, was Publikations-Ideator Harald Stauder bei der Vorstellung unterstrich: „Es ist nicht in erster Linie der Faktor Geld, der Mitarbeiter an ein Unternehmen bindet. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter mit ihrer Tätigkeit und mit dem beruflichen Umfeld ist mindestens genauso wichtig.“ Mit anderen Worten: Die wirksamste Mitarbeiterbindung besteht darin, Mitarbeiter zu motivieren und zufriedenzustellen. Diesbezüglich hat das AFI-Barometer des Arbeitsförderungsinstitutes erst vergangene Woche den heimischen Unternehmen ein gutes Zeugnis ausgestellt: Südtirols Arbeitnehmer tragen demzufolge eine hohe Zufriedenheit mit ihrem Arbeitsplatz in sich.
Freilich stellt sich die Frage, was das Thema in einer Zeit der Krise überhaupt zu suchen hat. Sorgen nicht die Krise und die steigende Arbeitslosigkeit automatisch dafür, dass sich die Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz klammern? Immerhin hat besagtes AFI-Barometer ergeben, dass ein Großteil der Südtiroler Arbeitnehmer davon ausgeht, im Falle eines Arbeitsplatzverlustes nur schwer eine gleichwertige Arbeit finden zu können.
Mehrere Gründe sprechen trotz dieser Rahmenbedingungen dafür, dass Arbeitgeber gut daran tun, sich um die Bindung ihrer (guten) Mitarbeiter zu bemühen:
- Mitarbeiter, die dem Unternehmen allein mangels Optionen die Treue halten, sind noch lange keine leistungsbereiten Mitarbeiter.
- Zufriedene Mitarbeiter – das ist erwiesen – „produzieren“ geringere Fehlzeiten, was für ein Unternehmen bare Münze bedeutet.
- Sind die Mitarbeiter zufrieden, färbt das automatisch auf das Unternehmensimage ab.
- Tüchtige und qualifizierte Mitarbeiter sind immer gefragt und erhalten auch in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit früher oder später Optionen.
- Mit jedem Mitarbeiter, der das Unternehmen verlässt, geht Know-how verloren und muss Zeit bzw. Geld in den Einlernprozess für einen neuen Mitarbeiter investiert werden.
- In einigen Jahren wird aufgrund des demographischen Wandels (weniger Junge drängen auf den Arbeitsplatz) sowieso ein wahrer Kampf um die Talente einsetzen.
Die SWR-Publikation zitiert einen Satz, den der (2005 verstorbene) Philosoph und Ökonom Peter Ferdinand Drucker gesagt haben soll: „Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass Unternehmen weit mehr von ihren besten Mitarbeitern abhängen als die guten Leute vom Unternehmen.“ Wie wahr.















