Lange ist’s her, dass es bei uns zu Hause nur zwei Arten von Wein gab: Silberstückl A und Silberstückl B. Die Älteren unter Ihnen werden sich vielleicht noch erinnern. Für die Hausgäste, die meine Oma in ihrer Einsternepension bewirtete, gab es Silberstückl A. Für meinen Opa zum Hausgebrauch gab’s Silberstückl B. Für mich als Kind war das alles, was ich zum Thema Wein wissen musste.
Seither hat sich einiges geändert. Mit unserem damaligen Hauswein würden viele heute nicht einmal mehr den Risotto aufgießen. Wein ist zum Edelgetränk, zur Stilfrage, zum Statussymbol geworden. Zum Teil bestimmt auch zu Recht: Wer einen guten Tropfen zu schätzen weiß, neigt weniger zum Komasaufen. Dennoch frage ich mich manchmal, ob der zu beobachtende Hype um den Wein nicht auch zum Teil über das Ziel hinausschießt. Nicht nur in meinem Freundeskreis wird neuerdings geschwenkt, geschlürft, geschmatzt.
Der Weingenuss beginnt schon lange vor dem eigentlichen Trinken. Zuerst einmal müssen die richtigen Gläser her. Unnötig zu sagen, dass bei meinen Großeltern aus kleinen Saftgläsern getrunken wurde. Dabei weiß man doch – oder genauer: heute weiß man das –, dass nur ganz bestimmte Kelchgläser für ganz bestimmte Sorten Wein geeignet sind. Und dass der Wein eine bestimmte Temperatur haben muss. Und dass man ihn atmen lassen muss, nachdem die Flasche geöffnet wurde. Gehört heute alles zum kleinen (W)Einmaleins. Damit geben sich aber viele nicht zufrieden. Sie üben sich im „großen Einmaleins“. Und das involviert neben einigen Elementen der Gesichtsakrobatik (Augenbrauen heben, intensiv schnuppern, Lippen befeuchten, „zuzeln“, Wangen einziehen usw.) vor allem ein blumiges Vokabular. Man weiß nämlich gar nicht, wie so ein Wein schmeckt, bevor es einem jemand erklärt – in allen erdenklichen Nuancen. Ein Hauch von Preiselbeeren. Eine Ahnung von Banane. Ein Gedanke Birkenrinde. Ein Anflug von nassem Hund auf dem Gaumen. Und retronasal diese Assoziation eines kühlen Wintertages an der kanadischen Westküste. Jeder Schluck wird zum intensiven Erlebnis. Zum Kulinarorgasmus. Nicht umsonst spricht man ja mittlerweile angesichts der um sich greifenden Inszenierung von allem, was mit Essen zu tun hat, von „Food-Porn“.
Der Wein fällt aber in eine noch exklusivere Kategorie: Ihn umfängt geradezu die Aura des Sakralen. Nicht von ungefähr: Seit das Besuchen katholischer Messen nicht mehr zum Alltag gehört, werden immer mehr Menschen zu den Priestern ihrer eigenen Eucharistie. Nur dass der Wein sich nicht mehr in das Blut Christi verwandeln muss, um zum Sakrament zu werden. Er wird zum Selbstzweck. Und er darf teuer sein. Je teurer, desto höher der Status dessen, der ihn trinkt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Kein Wunder, dass die Weinreise, der Sommelierkurs immer mehr auch von jenen durchgeführt werden, die keine beruflichen Ziele damit verfolgen. Man gibt sich als Connaisseur, und der französische Fachbegriff gehört zum erwünschten Wording (einfach nur ein „Kenner“? Niemals!).
Der gemeinsame Genuss von Wein zu verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen dient vielen als Steilvorlage zu spontanen Monologen über dieses ganz besondere Fläschchen, das sie damals in Frankreich entdeckt haben – zu einem Spottpreis! – und dabei von einer Qualität, da kann nicht einmal ein Porphyr mithalten! Sicher – es ist weitaus angenehmer, wenn sich Menschen friedlich mit ihren Weinkenntnissen brüsten, als wenn sie in hitzige politische Debatten stürzen. Dennoch muss ich zugeben, dass mich das zum Teil unerträglich eitle Geschwätz zunehmend auch nervt. Ja, du hast einen Goldgaumen. Schon klar. Du schmeckst in die feinsten Verästelungen des Bouquets hinein. Ganz bestimmt – da WAR eine leichte Note von überreifen Tropenfrüchten im Abgang, wobei Ananas doch leicht gegenüber Papaya dominierte. Und ohne Zweifel: Die Investition in den allerdings schon sehr teuren 2011er Riserva hat sich gelohnt. Du wirst noch viele unvergessliche Momente damit erleben. Und ja, Wein ist weit mehr als nur ein Genussmittel. Er ist eine Philosophie. Ein Lebenssinn. Und wer das nicht versteht, dem entgeht etwas.
Genau hier steige ich meistens aus. Denn: Ich verstehe das nicht. Ich habe keinen Goldgaumen. Ich habe den Gaumen eines Kleinkinds. Mir schmeckt Wein nicht. Ich mag allgemein keine alkoholischen Getränke. Und damit kann ich kein Teil der „Szene“ mehr sein. Während rings um mich herum die Kristallgläser erklingen, klammere ich mich an mein Mineralwasserglas – oft die einzige alkoholfreie Alternative, die an Stehbuffets angeboten wird. Ja, ich würde liebend gerne auch mitzelebrieren, mitfachsimpeln, mitgenießen. Auch schon aus rein sozialen Gründen. Aber leider hat sich Apfelsaft als sinnstiftendes Lifestylegetränk noch nicht durchgesetzt. Dabei gäbe es darin so viel herauszuschmecken: Dieser volle Geruch von Spätsommertagen und nassem Gras! Das leicht Birnige mancher Sorten, das samtige Gaumengefühl, das Prickeln des Fruchtzuckers! Die angenehme Säure, die den Genuss abrundet!
Leider werde ich noch länger auf den Saft-Hype warten müssen. Denn hinter dem Wein-Hype zieht schon die nächste Wolke aus heißer Luft und Imponiergehabe auf uns zu: das handwerklich gebraute Bier nämlich. Harte Zeiten für Abstinenzler.















