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Ich muss nur noch, und zwar schnell

„Ich muss nur noch schnell …“ Ich ertappe mich letzthin auffallend oft dabei, wie ich diesen Satz sage. Warum „muss“? Warum „nur“? Warum „schnell“? Über eine Ausrede, die keine ist.

Christian Pfeifer von Christian Pfeifer
4. Juli 2014
in Gesellschaft
Lesezeit: 3 mins read

Es waren wieder einmal meine Kinder, die mir gnadenlos den Spiegel vorhielten. Irgendwann fiel mir auf, dass sowohl meine kleine Tochter als auch mein kleiner Sohn immerzu „nur noch schnell“ etwas tun mussten. Sobald es Schlafenszeit ist, müssen sie nur noch schnell irgendetwas spielen, selbst wenn sie mir wenige Minuten zuvor geklagt haben, dass ihnen langweilig sei, wenn ich nicht mit ihnen spiele. Sobald die Zähne zu putzen sind, müssen sie ebenfalls nur noch schnell. Sobald wir zu einem Besuch aufbrechen wollen, müssen sie nur noch schnell. Sobald wir ins strahlende Sommerwetter nach draußen gehen wollen, müssen sie nur noch schnell. Und wenn wir am Abend wieder ins Haus wollen, müssen sie schon wieder nur noch schnell.

Und dann, oh Schreck, fiel mir auf: Du sagst das ja selber! Die Kinder tun nichts anderes, als mich nachzuahmen! „Ich muss nur noch schnell den Kaffee austrinken, dann zeige ich euch das neue Lego.“ „Ich muss nur noch schnell fertig essen, dann spielen wir zusammen.“ „Ich muss nur noch schnell die Schuhe holen, dann gehen wir nach draußen.“ „Ich muss nur noch schnell die Garage schließen, dann gehen wir ins Haus.“ Und an meine Frau richte ich den Satz ebenfalls häufig. „Ich muss nur noch schnell die Hände waschen, dann komme ich zu Tisch.“ „Ich muss nur noch schnell die Deckenlampe austauschen, dann gehe ich mit den Kindern nach draußen.“ „Ich muss nur noch schnell ein Telefonat machen, dann gieße ich die Blumen.“ Ich verwende den Satz gar nicht als Ausrede, um mich vor etwas anderem zu drücken (na ja, manchmal schon). Der Satz geht mir einfach von den Lippen.

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Meine Frau sagt den Satz übrigens auch gerne. Wir alle sagen den Satz gerne und häufig, fällt mir letzthin auf. Achten Sie doch selbst einmal darauf! Aber warum tun wir das? Warum „ich muss“? Muss ich oder will ich mir vor dem Essen die Hände waschen? „Müssen tut man nur sterben“, habe ich einst als Kind gelernt. Warum „nur“? Es ist doch nicht notwendig, dass wir selbst kleinreden, was wir noch Wichtiges oder weniger Wichtiges fertigmachen müssen bzw. wollen. Und warum um Gottes Willen „schnell“? Es muss doch erlaubt sein, dass ich meinen Kaffee in Ruhe austrinke, meinen Teller Nudeln in Ruhe aufesse, meine Schuhe in Ruhe hole, die Garage ohne Eile schließe.

Ich habe mir eine Theorie zurechtgelegt, warum wir alle immerzu nur noch schnell etwas müssen. In unserer Zeit muss alles schnell gehen. Schnell ist in, langsam ist out – da können wir noch so oft davon lesen, wie toll Entschleunigung doch ist. Jemand, der eine Aufgabe in Ruhe erledigt, ist entweder faul oder unterbeschäftigt. Jemand aber, der immerzu alles schnell macht, passt in unsere Zeit. Normaltempo gilt nicht mehr! Wenn wir ehrlich sind, ist unser „Ich muss nur noch schnell …“ in den allermeisten Fällen ein „Ich will zuerst noch …“. Aber „Ich muss nur noch schnell …“ klingt einfach besser als „Ich will zuerst noch …“ – klingt emsiger, beschäftigter, fleißiger, ja gestresster. Und was nach Stress klingt, ist gut. Deswegen lautet die Antwort auf die Frage, wie der Arbeitstag denn verlaufen sei, doch mit Vorliebe: „Gut. Aber Stress!“ Stress will heute jeder haben, am meisten jene, die am wenigsten Stress haben. Letztere haben übrigens einen derartigen Stress, dass sie immer nur noch schnell etwas müssen, sobald ein Kunde vor ihnen steht. Sie sagen es zwar nicht, sie tun aber so. Und der Kunde wartet. Oder sollte er vielleicht nur noch schnell etwas anderes erledigen und dann wiederkehren?

Wenn Sie diesen Artikel bis hierher gelesen haben, dann lesen Sie dieses letzte Stückchen, das noch vor Ihnen liegt, doch auch zu Ende. Denn ich prophezeie Ihnen: Der Satz „Ich muss nur noch schnell“ wird Ihnen bereits innerhalb der nächsten Stunden begegnen, möglicherweise sogar aus Ihrem eigenen Mund. Der Satz, den Sie bisher nicht bewusst wahrgenommen haben, wird Sie jetzt verfolgen. Ich weiß ein Lied davon zu singen. Aber warum sollte es Ihnen besser ergehen als mir? Mir haben meine Kinder den Floh ins Ohr gesetzt, und ich habe selbigen Floh eben an Ihre Ohren weitergereicht. Ich entschuldige mich dafür. Aber ich musste das einfach „nur noch schnell“ tun, bevor Sie womöglich in den nächsten Wochen im Urlaub Entschleunigung üben. Oder wenn ich ehrlich bin: Es ist gelogen, dass ich das nur noch schnell tun musste. Ich wollte es tun! Und zwar ohne „nur“ und ohne „schnell“.

Schlagwörter: 26-14freenomedia

Ausgabe 26-14, Seite 7

Christian Pfeifer

Christian Pfeifer

Erste journalistische Gehversuche bei der Tageszeitung "Alto Adige", seit 1995 bei der SWZ, seit 2015 deren Chefredakteur. Moderiert nebenberuflich das Wirtschaftsmagazin Trend im Fernsehen von Rai Südtirol. Findet Ausgleich bei seiner Familie und beim Sport, vorwiegend bei Tennis, Ski und Langlauf.

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