Liebe Bürgerinnen und Bürger. Kennen Sie den? Fragt die Lehrerin den kleinen Fritz, was sein Vater von Beruf ist. Sagt der Fritz: Rausschmeißer in einem Bordell. Entschuldigt sich der Fritz nach dem Unterricht bei der Lehrerin: „Das war gelogen, aber ich konnte doch nicht vor der ganzen Klasse zugeben, dass mein Vater Politiker ist.“ Ich erzähle Ihnen das, damit Sie nachempfinden können, wie ich mich heute fühle. Einst war Politiker ein ehrbarer Beruf. Und auch heute noch begegnen mir viele Menschen mit einer ausgesprochenen Höflichkeit, denn ich bin ja ein Volksvertreter. Insgeheim spüre ich jedoch, dass so manche, die freundlich zu mir sind, schauspielerisches Talent entfalten und in Wirklichkeit hinter ihrem Rücken die Faust ballen. Immer häufiger kann ich gar eine offene Aversion gegen mich und meinesgleichen ausmachen. Ich sehe mich mit der Tatsache konfrontiert, dass wir Politiker in der Rangliste der Berufe nach ihrem Ansehen ganz hinten zu finden sind, noch hinter den Journalisten und knapp vor den Prostituierten. Und ich frage mich, wie es so weit kommen konnte. Wieso zieht ihr unter dem Applaus eurer Freunde in den Schmutz, was ihr selbst mit eurer Vorzugsstimme erhöht habt?
Zugegeben: Wir und unsere Parteien haben uns in den guten Jahren ganz schön bedient. Nicht dass wir zu den absoluten Spitzenverdienern in diesem Land zählten, nein. Aber im Vergleich zu den Durchschnittslöhnen in diesem Land und besonders auch im Vergleich mit Mandataren in vielen Landtagen oder gar nationalen Parlamenten sahnen wir ganz schön ab, und ich verstehe, dass es Leuten sauer aufstößt, wenn sie lesen, dass ein Landesrat im kleinen Südtirol mehr verdient als ein Minister in Deutschland. Ich gebe demnach zu: Wir haben gesündigt.
Ihr macht es euch aber ein wenig zu leicht, wenn ihr heute angesichts der Schuldenprobleme der Staaten oder der angespannten Lage der Rentenkassen mit dem Finger auf uns zeigt und uns als diejenigen bezeichnet, die alleine Schuld an der Misere haben. Ich sage euch: Wir haben zwar entschieden, aber ihr habt uns doch wegen der entsprechenden Programme gewählt! Und ihr habt immer jene bevorzugt, die euch am meisten versprochen haben, die Rente ab 50, Landesbeiträge für alles und einen öffentlichen Nahverkehr mit Schweizer Qualitäts- und tunesischem Preisniveau. Entsprechend haben wir uns verhalten. Ihr habt weniger weitsichtige Staatsmänner (und Staatsfrauen) bevorzugt, sondern meist Politiker/-innen das Vertrauen gegeben, die in kurzen Zeiträumen denken und die eure vielen Wünsche erfüllen wollten. Wie hätten wir uns verhalten sollen angesichts eurer Erwartungen? Hätten wir tun sollen, was vernünftig gewesen wäre, um dafür von euch per Wahlzettel nach Hause geschickt zu werden, wie Rot-Grün im Jahr 2004 in Deutschland verschickt wurde, obwohl Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 das Richtige getan hatte – oder wie in Österreich die Schwarzblauen unter Wolfgang Schüssel bestraft wurden, obwohl oder weil sie zukunftsträchtige Reformen durchgeführt haben? Oder hätten wir tun sollen, was euren Beitrags- und Wohlfahrtswünschen entspricht, um wieder gewählt zu werden? Was erwartet ihr von uns, wenn ihr so handelt? Dass wir gute Entscheidungen treffen – oder solche, die euch gefallen, obwohl sie auf lange Sicht töricht sind? Habt ihr nicht immer neue Wünsche und lange Zeit nie gefragt, wie die geforderten Wohltaten finanziert werden können?
Ich denke, ihr solltet nicht bloß mit dem Finger auf uns zeigen, sondern euch auch selbst an die Nase fassen. Ihr habt durch euer Wahlverhalten fragwürdige Entwicklungen herausgefordert, und ihr habt durch eure Forderungen an das Gemeinwesen, durch eure vielen Partikularinteressen mit dazu beigetragen, dass wir uns heute in einer recht misslichen Lage befinden. Ihr habt euch nicht bemüht, in der Wahlkabine vernünftige Entscheidungen zu treffen, die auf Gemeinwohl und Nachhaltigkeit setzen; ihr habt immer bloß „Interessenvertreter“ gewählt und ihnen die Aufgabe übertragen, vor allem euch und eurer Gruppe Gutes zu tun.
Die Menschen sind politikmüde, sie wenden sich ab von den politischen Parteien, wird oft festgestellt und angemerkt, dass das gefährlich ist. Das stimmt. Und ganz sicher tragen wir als Führungsschicht die Hauptverantwortung dafür. Aber könnt ihr nachempfinden, dass es mir – in die andere Richtung gewendet – ähnlich geht, dass ich bürgermüde geworden bin, dass ich enttäuscht bin von euch als Wählerinnen und Wähler? Ich finde immer weniger Befriedigung in meinem Job, weil ihr ein Verhalten an den Tag legt, das uns dazu verführt, Entscheidungen mit Blick auf den nächsten Urnengang zu treffen, statt die Weichen mit Weitblick zu stellen. Auch das muss einmal gesagt werden.
Ja, wir Politiker haben Fehler gemacht und Schuld auf uns geladen. Wir haben in unseren Führungsaufgaben versagt. Aber ein wenig Gewissenserforschung verlange ich auch von euch, denn ihr seid als Souverän mit verantwortlich für alles, was geschieht. Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein, hat Jesus laut Johannes-Evangelium gesagt. Seid ihr ohne Sünde, dass ihr so gerne mit Steinen auf uns fehlerhafte Politiker werft?














