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Humor oder: Die innere Distanz zum Äußeren

Ich nehm’s halt mit Humor, singt Herbert Grönemeyer in einem seiner Hits und nennt damit ein Erfolgsrezept. Über die Wohlfühlwirkung des Humors handelt das nachstehende Protokoll eines lehrreichen Gedankenaustausches mit dem Wiener Psychotherapeuten Alfred Kirchmayr.

Südtiroler Wirtschaftszeitung von Südtiroler Wirtschaftszeitung
30. Oktober 2015
in Gesellschaft
Lesezeit: 4 mins read

Mit Humor geht alles leichter, heißt es im Volksmund. Aber so richtig angenommen wird diese Empfehlung nicht immer. Viele Menschen neigen dazu, alles zu schwer zu nehmen, alles zu ernst, vor allem sich selbst. Und sie grämen sich, wenn etwas schiefgeht oder wegen bestimmter Vorfälle oder Zustände, selbst dann, wenn es um Dinge geht, die sowieso nicht zu ändern sind. Eine wichtige Erkenntnis in Sachen Humor liefert Alfred Kirchmayr gleich einleitend. „Es sind meine ganz alltäglichen lebenspraktischen wie therapeutischen Erfahrungen, die mich immer wieder in einer Überzeugung bestätigten: Der Aufwand an Kräften, Nerven, Zeit und Geld ließe sich um einiges reduzieren, würde das, was drückt und bedrückt, auch mal mit Humor betrachtet.“ Und er zitiert Sigmund Freud, um diese Aussage zu untermauern: „Das Wesen des Humors besteht darin, dass man sich die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlass gäbe, und sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen hinaussetzt.“ So einfach ist das: „Die im Humor zutage tretende innere Distanz zum Äußeren nimmt viel von dessen Unmutspotenzial.“

Hinter der Freud’schen Bemerkung verbirgt sich eine keineswegs unbekannte, im Alltagsgeschehen aber nicht so recht zum Zuge kommende Weisheit: Dass man sich von all dem, was zu schaffen macht, innerlich erst einmal lösen muss, um zu einer Lösung zu kommen. „Abstand“, sagt Kirchmayr, „ist in vielen Fällen das Geheimnis des Erfolgs.

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Und Humor sorge für Abstand. „Kommt Humor in eine bestehende Situation, fördert das die Kunst des Drüberstehens, und Schwierigkeiten aller Art lassen sich sachlich wie zwischenmenschlich viel leichter überwinden. Denn bekanntlich ist die Verquickung dieser beiden Elemente maßgeblich dafür verantwortlich, dass es so oft anstatt zu Problemlösungen zu noch mehr Problemen kommt.“

Diese Kraft des Humors hat der Schriftsteller Erich Kästner (1899 bis 1974) als geniale Relativierung beschrieben: „Der Humor rückt den Augenblick an die richtige Stelle. Er lehrt uns die wahre Größenordnung und die gültige Perspektive. Er macht die Erde zu einem kleinen Stern, die Weltgeschichte zu einem Atemzug und uns selber bescheiden.“

Dank dieser Relativierung – und aus diesen Zeilen spricht immer Kirchmayr, kann Humor wie eine Notbremse wirken und die Seele vor Verletzungen schützen. Genau das hat der Schriftsteller und Journalist Otto Julius Bierbaum (1865 bis 1910) mit seinem inzwischen geflügelten Satz auf den Punkt gebracht: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Dadurch schafft Humor eine schützende Distanz zu dem Schmerzlichen, dem innerlich Umtreibenden, dem Entmutigenden und Entkräftenden. Diese durch Humor möglich werdende distanzierte und distanzierende Sichtweise beschrieb der Dichter Jean Paul (1763 bis 1825) bildhaft, indem er den Humor mit einem Blick durch ein umgedrehtes Fernrohr verglich, wodurch es möglich werde, zu allem Distanz zu gewinnen.

Humor, sagt Kirchmayr, kann die Dinge austarieren, kann einen Menschen innerlich wieder ins Lot bringen und ihn so dazu ermutigen, dem Leben ein „Trotzdem!“ entgegenzuschmettern, sich von Ängsten und Befürchtungen nicht ins Bockshorn jagen zu lassen, sich nicht unablässig vor irgend­etwas zu fürchten oder sich in alles und jeden zu verbeißen. Humor ist die Kraft, die dafür sorgt, loszulassen, einen neuen Anlauf zu nehmen und vor allem auch mal neun gerade sein zu lassen. So wie das in Goethes lebensweiser Bemerkung anklingt: „Wer die Augen offen hält, dem wird im Leben manches glücken, doch noch besser geht es dem, der versteht, eins zuzudrücken.“

Humor macht dem Leben gegenüber freier und stärker. Kirchmayr zitiert eine entsprechende Bemerkung von Freud: „Der Humor hat nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und Erhebendes. Der Humor ist nicht resigniert, er ist trotzig, er bedeutet nicht nur den Triumph des Ichs, sondern auch des Lustprinzips, das sich hier gegen die Ungunst der realen Verhältnisse zu behaupten vermag.“ Das bedeutet: In der humorvollen Einstellung, die durchaus auch mit Witz verbunden sein könne, blitze bei allem Ernst immer ein Funke Heiterkeit auf und ermögliche, zumindest ein wenig, über den Dingen zu stehen.

In diesem Zusammenhang kommt für Kirchmayr ein weiterer Aspekt des Humors in den Blick, nämlich die Selbstrelativierung – für ihn ein ganz zentraler Aspekt des Humors. Humor erlaubt die Sicht von außen auf sich selbst, sorgt für Distanz zu sich selbst, zum eigenen Denken, Handeln und Erleben. Und diese Distanz schafft, was bei der heutigen beruflichen Belastung immer wichtiger wird, nämlich Raum für ein weniger konfrontatives Miteinander. Distanz zu sich selbst ermöglicht den spannungsfreieren, auf die Sache bezogenen Umgang mit allem, womit der Alltag zu konfrontieren beliebt.

Und wieder kommt Freud zu Wort, der davon spricht, dass es auch die relativierende Absicht des Humors ist, die ihn so großartig macht: „Der Scherz, den der Humor macht, ist ja auch nicht das Wesentliche, er hat nur den Wert einer Probe; die Hauptsache ist die Absicht, welche der Humor ausführt, ob er sich nun an der eigenen oder an fremden Personen betätigt. Er will sagen: Sieh her, das ist nun die Welt, die so gefährlich aussieht. Ein Kinderspiel, gerade gut, einen Scherz darüber zu machen!

Das ist auch die Perspektive, aus der Viktor Frankl (1905 bis 1997) urteilt, der vom Schicksal schwer geprüfte österreichische Neurologe, Psychiater und Begründer der Logotherapie, die von der Suche des Menschen nach Sinn ausgeht. Frankl hat den Humor als Frucht der Trotzmacht des Geistes bezeichnet, weil er Distanz zu allen nur denkbaren Ungereimtheiten und Schrecklichkeiten möglich mache. Frankl sah im Humor eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung, weil der Humor wie kaum sonst etwas im menschlichen Dasein geeignet ist, Distanz zu schaffen und sich über die Situation zu stellen. Frankl beschreibt diese zu den Widrigkeiten des Lebens Abstand gebende geistige Aktivität des Humors als Trick: „Stellt der Wille zum Humor, der Versuch, die Dinge irgendwie in witziger Perspektive zu sehen, gleichsam einen Trick dar, dann handelt es sich jeweils um einen Trick so recht im Sinne einer Art Lebenskunst.“

Der Perspektivwechsel, den der humorvolle Blick möglich macht, ist ein großer entlastender Augenöffner. Kirchmayr wörtlich: „Wer mit Humor durch die unterschiedlichen Landschaften des Lebens geht, in denen sich jeder tagtäglich aufhält, und durch die Landschaften der Seele, durch die eigenen und durch fremde, der entdeckt neue Möglichkeiten der Wahrnehmung und Auffassung. Dies führt zu neuen, ungewöhnlichen Sicht- und Lebensweisen und hilft, Fixierungen und Einengungen verschiedenster Art zu überwinden.“ Und das versetzt in die Lage, selbstschädigendes wie anderes schädigendes Verhalten zu erkennen und abzubauen. Dadurch verändert sich die Weltanschauung, und es wird möglich, sich aus fixierten, belastenden Vorstellungen von sich selbst und von anderen zu befreien. Das versöhnt mit den eigenen Schwächen und den Widrigkeiten des Lebens und relativiert jeglichen Perfektionismus.

Die Verstrickung in fixiertes Denken untergräbt in unserer von Umbrüchen und Verunsicherung geprägten Zeit die Fähigkeit, unser Leben zupackend zu bewältigen. Humor ist eine gute Medizin dagegen.

Schlagwörter: 41-15freenomedia

Ausgabe 41-15, Seite 7

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