Die Gemeindewahlen sind geschlagen, also schadet es den Parteien und ihren Kandidaten nicht mehr, wenn ich mir die Freiheit nehme, sie ein wenig durch den Kakao zu ziehen. Aber sie sind ja selbst schuld. Statt uns in einfachen Worten zu sagen, warum wir sie wählen sollten, haben sie sich hinter Floskeln versteckt, die in ihrer vermeintlich geballten Aussagekraft Kabarettisten Stoff für abendfüllende Vorstellungen liefern. Im Bemühen, alle ansprechen und niemandem wehtun zu wollen, erregen sie Heiterkeit statt Interesse. Wer keinen Spaß versteht, kommentiert: Nur wer nichts zu sagen hat, sagt solchen Nonsens, nur wer keine klaren Ziele hat, wählt Formulierungen, die für ein Programm stehen sollen, aber bloß Konzept- und Ratlosigkeit verkünden. Die Humorvollen dagegen sind dankbar dafür, dass es Kandidaten gibt, die sie vor der Wahl zum Lachen, statt nach der Wahl zum Weinen bringen.
„Für eine Stadt, die Zukunft hat“, wollte ein Kandidat eintreten. Ja was heißt denn das? Doch wohl nicht, dass andere Wahlwerbende eine Stadt bevorzugen, die keine Zukunft hat! Das Problem ist ja, dass die Vorstellungen darüber, was Zukunft (=positive Entwicklung) ist, weit auseinandergehen. Für die einen ist das Benko-Kaufhaus in Bozen oder das Spritzmittelbverbot in Mals Zukunft, für die anderen das gerade Gegenteil.
Apropos Benko: Ein Bozner Kandidat hat klar verkündet, für was er steht: „Virglbahn statt Benkowahn“. Nicht alles, was sich reimt, dichtet aber auch. Denn genau dieser Kandidat hat vor wenigen Monaten dem kühnen René bedingt applaudiert und einst ein noch kühneres Projekt für die Erschließung des Virgl lanciert, nämlich eine steile Treppe, die sogar für den älter gewordenen Reinhold Messner eine Herausforderung gewesen wäre. Aber sehen wir es positiv: Umdenken wird man wohl noch dürfen!
Und weil wir gerade beim Reimen sind: Mir hat „10. Mai, Volkspartei“ gefallen. Einfach, einprägsam, genial! Allerdings habe ich mir vorgestellt, was wohl passiert wäre, hätten wir zwei Wochen früher gewählt: „Der April tut was er will!“ –und schon wäre das Wahlergebnis ganz anders gewesen. Da wäre der Hochsommer weit günstiger gewesen: „Edelweißlust im August“. Und weil es so schön ist, fahren wir in dieser Kategorie fort: „Für ein Bozen mit Herz und Verstand. Dafür sind wir beide Garant“, hat ein SVP-Kandidat unter einem Bild für sich geworben, das ihn und Bürgermeister Luigi Spagnolli zeigt. Dabei ist nicht ganz klar, ob beide für Herz und Hirn stehen oder der eine sein Herz in die Waagschale wirft und der andere seinen Kopf, was unterm Strich ein treffliches Gemisch ergibt. Dass es „die richtige Entscheidung am Muttertag“ ist, zwei Männer zu wählen und den Frauen die Kinder zu überlassen, ist ein Paradoxon, das jedoch nur Feministinnen auffallen dürfte – und mir, dem die Gender-Gerechtigkeit im Laufe von Jahren per Protest-E-Mails in Herz und Verstand implantiert worden ist.
Manche Begriffe faszinieren Parteien und Kandidaten, und sie meinen, dass es Wählern genauso geht. Ein solcher Begriff ist „bewegen“, denn das ist ein „Tunwort“, wie ich in der Volksschule gelernt habe, und etwas „tun“ wollen sogar jene, die damit geworben haben, was alles unterlassen werden soll.
Wahlwerbung soll auch Orientierung geben, aber zuweilen stiftet sie viel Verwirrung. Ein beredtes Beispiel: Wenn Herr Weiss in Bozen bei dieser Wahl etwas bewegen wollte und Frau Schwarz in Meran ebenfalls, dann mussten sie doch glatt zwei verschiedene Parteien wählen! In der Landeshauptstadt war nämlich „Bozen Bewegen“ der Slogan der SVP, in der Passerstadt dagegen hat die Süd-Tiroler Freiheit verkündet, dass ihr die Stimme geben muss, wer „Meran bewegen“ will.
In der drittgrößten Stadt des Landes hat die SVP einen einfachen Schlachtruf entwickelt: „Es geht um Brixen“. Ich war baff, als ich das gelesen habe, denn ich bin immer davon ausgegangen, dass es bei der Kommunalwahl in Brixen um Bruneck geht – oder vielleicht gar um Kufstein. Aber man lernt eben nie aus: Im Brixner Rathaus geht es tatsächlich um Brixen. Eine überwältigende Erkenntnis!
Wirklich überzeugt hat mich der von einem Bozner Anwärter gewählte Slogan „Kompetenz bekommt ein neues Gesicht“. Der Spruch kündet nicht nur von einem gesunden Selbstvertrauen, sondern verrät, dass Kompetenz eigentlich immer schon da war, sie sich aber hinter alten Gesichtern verborgen und in den falschen Köpfen gesteckt hat, in Köpfen vielleicht, aus denen sie nicht entweichen konnte. Aber damit ist jetzt Schluss, denn die Kompetenz war beim plastischen Chirurgen und schaut aus wie neu.
Auffallend: In den großen Gemeinden waren die Kandidaten laut Werbung Kinderlieb, Senioren-Versteher, begeisterte Radfahrer in einer grünen Stadt, einsatzfreudige Kämpfer gegen GIS und Irpef-Zuschlag, unerschrockene Verfechter der als mangelhaft erkannten öffentlichen Sicherheit und Garanten für Wohlstand und Beschäftigung. Wer soll das alles glauben, solang das Herz noch schlägt und der Verstand noch arbeitet? Da musste man sich doch glatt bekreuzigen beim Ankreuzen im Wahllokal.
Allerdings muss ich gestehen: Ich habe gewählt. Und das wiederum bestätigt eine alte Marketingweisheit: Wer schimpft, der kauft.















