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Heimkehr der klugen Köpfe

Der Braindrain, die Abwanderung Hochqualifizierter ins Ausland, ist ein viel beachtetes Phänomen in Südtirol. Doch es gibt auch eine gegenteilige Tendenz: Südtiroler, die im Ausland Karriere gemacht haben, kehren in die Heimat zurück. Was sind die Gründe dafür? Die SWZ hat nachgefragt.

Simone Treibenreif von Simone Treibenreif
25. September 2015
in Gesellschaft
Lesezeit: 5 mins read

Bozen – Viele Südtiroler entscheiden sich nach ihrem Hochschulstudium oder nach ihrer Ausbildung für eine Karriere im Ausland. Manche, weil ihnen das Arbeiten im internationalen Umfeld, in großen Metropolen oder in Weltkonzernen Freude bereitet. Andere, weil sie sich für einen Beruf entschieden haben, der in Südtirol nicht ausgeübt werden kann. Die nächsten, weil in ihrem Bereich in Südtirol kein beruflicher Aufstieg möglich ist.

Auch kommt es immer wieder vor, dass gut ausgebildete und ehrgeizige junge Menschen von außerhalb nach Südtirol einwandern. Zum einen, weil die Lebensqualität hoch ist, zum anderen, weil auch die vielen relativ kleinen, international tätigen Familienunternehmen im Land interessante Jobs bieten, ebenso wie öffentliche Einrichtungen wie Eurac oder Universität. Und zugleich entscheidet sich auch mancher ambitionierte Südtiroler, der außerhalb des Landes beruflich durchgestartet ist, für eine Rückkehr. Die jüngsten, wohl prominentesten Beispiele dafür sind der Pusterer Johann Wohlfarter und der Bozner Thomas Mur. Ersterer betrieb zuletzt ein Beratungsunternehmen mit Sitz in Verona und ist designierter Generaldirektor des zukünftigen, aus der Fusion von SEL und Etschwerke entstehenden Südtiroler Energieriesen. Mur war in Zürich als geschäftsführender Gesellschafter eines Beratungsunternehmens tätig und wechselte kürzlich als Direktor zu Messe Bozen.

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Doch was bewegt im Ausland erfolgreiche Südtiroler zu einer Rückkehr in ihre Heimat? Da die beiden genannten sich zum Thema derzeit nicht äußern wollten, hat die SWZ bei anderen Rückkehrern nachgefragt.

„Mir hat mein Job in Österreich viel Spaß gemacht, doch ich habe einen Wechsel angestrebt, weil ich mehr Zeit für die Familie, mehr Ausgleich und auch mehr Natur haben wollte. Auch die Geburt unseres Sohnes vor vier Jahren hat mit hineingespielt“, erzählt Dieter Haas aus St. Pauls. Er war zuletzt fast zehn Jahre für ein internationales Beratungsunternehmen in Wien tätig und in dieser Zeit viel unterwegs. Nun wohnt er seit einigen Monaten wieder in St. Pauls und arbeitet bei Dr. Schär am Hauptsitz in Burgstall als Corporate Process Manager. In dieser Funktion baut Haas derzeit ein System für Prozess- und Projektsteuerung auf und leitet die Bildung von Teams, welche die Optimierung der Prozesse in allen Standorten von Dr. Schär vorantreiben sollen.

Haas hat im Sommer letzten Jahres begonnen, sich nach Stellen in Südtirol umzuschauen. „Anfang dieses Jahres hatte ich dann drei Jobzusagen – alle auf Top-Niveau“, sagt Haas. „Ich war überrascht und begeistert.“ Für die Aufgabe bei Dr. Schär habe er sich entschieden, weil es „eine spannende Herausforderung mit Gestaltungsspielraum und Entwicklungsmöglichkeiten ist“.

Beim Naturnser Klaus Ennemoser ging die Entscheidung zur Rückkehr von seiner Partnerin aus, einer Stuttgarterin mit Südtiroler Mutter. „Sie hat einige Zeit lang ohne mich hier gearbeitet und gelebt, und es hat ihr sehr gut gefallen“, sagt Ennemoser. Und so habe er sich entschieden, ebenfalls zu wechseln. Doch auch er gibt an, er habe in all den Jahren, in denen er für ein Stuttgarter Unternehmen als Serviceingenieur in der ganzen Welt unterwegs war, neben Familie und Freunden die Südtiroler Berge vermisst.

Die Suche nach einer passenden Stelle war nicht einfach; fündig wurde er schließlich in seinem Heimatdorf: Seit Februar arbeitet er am Naturnser Standort der international agierenden Liechtensteiner Ivoclar Vivadent AG. „Angefangen habe ich als Assistent des Produktionsleiters, mittlerweile bin ich zusätzlich für den Aufbau und die Leitung der neuen Stabsstelle Prozessentwicklung verantwortlich“, erzählt Ennemoser. Dass er diese interessante Aufgabe gefunden habe, sei ein Zufall gewesen. „Das Stellenangebot ergab sich, weil ich für meinen vorhergehenden Arbeitgeber das ebenfalls in Liechtenstein ansässige Unternehmen Hilti betreut und dabei Kontakt zu Ivoclar-Vivadent-Mitarbeitern geknüpft habe.“

Beim Partschinser Martin Schweitzer war es ebenfalls ein persönlicher Kontakt, dank dem er seine neue Aufgabe als Leiter der Direktion Finanzen bei der Volksbank gefunden hat. „Ich kenne meinen Vorgänger Hubert Christof seit mehreren Jahren, und wir haben uns immer mal wieder auf einen Kaffee getroffen“, erzählt Schweitzer, der vor seiner Rückkehr drei Jahre lang in London für die Deutsche Bank in leitender Position tätig war. Als dann das erste Kind unterwegs war, hätten er und seine Frau überlegt, ob sie weiterhin in London bleiben, nach Wien zurückgehen (wo Schweitzer studiert und erste Arbeitserfahrungen gesammelt hat), nach Südafrika (woher seine Frau stammt) oder nach Südtirol gehen sollten. Die Entscheidung für Südtirol fiel auch deshalb, weil Hubert Christof in den Ruhestand ging und Schweitzer dadurch eine herausfordernde berufliche Möglichkeit angeboten bekam.

„Auch meine Frau hat sich nach Jobs vor Ort umgeschaut, doch noch hat sie nichts gefunden, das ihren Vorstellungen und ihrer Erfahrung entspricht“, so Schweitzer. „Es ist für jemanden, der nicht in Südtirol aufgewachsen ist, sehr schwierig, im Land eine Stelle auf hohem Niveau und mit internationalem Tätigkeitsbereich zu finden.“

Die Natur und die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung sowie die Familiengründung bzw. die Entscheidung für Kinder sind wohl die wichtigsten Gründe für die Entscheidung im Ausland lebender Südtiroler, in die Heimat zurückzukehren – zu der sie trotz Wegzugs meist eine sehr enge Bindung unterhalten haben. Andere sehen sich auch als eine Art Wegbereiter für den eigenen Nachwuchs. Dieser soll dank der Aufbauarbeit der jetzigen Generation irgendwann (nach eventuellen Lehrjahren außerhalb des Landes) in Südtirol die Chance haben, sich im Job persönlich zu entfalten und international zu arbeiten.

Andererseits befürchten Auslandssüdtiroler, mangelnde Karrieremöglichkeiten und fehlende Internationalität durch einen Umzug nach Südtirol in Kauf nehmen zu müssen, wie aus einer Umfrage von Südstern, dem Netzwerk der Südtiroler im Ausland, im vergangenen Jahr hervorging.

Und wie ist es in der Praxis, nach Jahren in der Fremde wieder zu Hause zu sein? „Also Kulturschock hatte ich bisher noch keinen“, schmunzelt Dieter Haas. „Aber sicherlich gibt es Unterschiede, zum Beispiel ist das Kulturangebot hier anders als in einer Großstadt wie Wien. Doch wenn man sich umschaut, dann findet man auch in Südtirol interessante Veranstaltungen.“

Er habe anfangs, erzählt Klaus Ennemoser, befürchtet, dass ihn das Fernweh plagen würde. „Aber bisher war das nicht der Fall – mit kleinen Ausnahmen, wenn ich Freunde im Ausland besuche.“ Dies bestätigt auch Martin Schweitzer, der zudem die (Re-)Integration ins soziale Umfeld lobt.

Mit der Heimkehr steigt in der Regel die Lebensqualität, finanziell bedeutet sie jedoch meist einen Rückschritt. „Der Lebensstandard ist hoch, ebenso die Preise für Wohnungen und Häuser oder für Lebensmittel“, sagt etwa Klaus Ennemoser. „Mir ist allerdings auch aufgefallen, dass ich weniger brauche. Zum Beispiel kosten viele der Freizeit- aktivitäten nichts bzw. nicht viel, und wegen der Möglichkeit, die Freizeit vermehrt in der Natur zu verbringen, ist auch mein Bedürfnis nach Konsum, nach dem x-ten Hemd oder der x-ten Hose zurückgegangen.“

Rückkehrer bemängeln immer wieder, dass die Gehälter, die nach Abzug aller Steuern und Abgaben ausgezahlt werden, nicht mit dem Verdienst in vergleichbaren Stellen im Ausland vergleichbar sind. Es gibt aber auch Ausnahmen, die von ähnlichem oder gar leicht höherem Einkommen in Südtirol berichten.

Schlagwörter: 36-15freenomedia

Info

Das Dilemma der Ärzte mit dem Landesstipendium
Stipendien des Landes Südtirol bringen junge Ärzte an renommierte Universitäten im Ausland. Einzige Bedingung ist, nach der Ausbildung in die Heimat zurückzukehren. „Der Plan klingt fair – geht aber aufgrund mangelnden Jobperspektiven oft nicht auf“, sagt Martin Dejaco. Der 37-jährige Mediziner aus Brixen, der derzeit in Salzburg arbeitet, möchte nach Südtirol zurückkommen, doch die Umstände machen es ihm schwer.
„Zu Beginn lief alles nach Plan: Nach meinem Studienabschluss 2004 in Wien bestand ich in Italien die Staatsprüfung“, erzählt Dejaco. Dann übernahm er für einige Zeit Hausarztvertretungen, bevor er 2006 mit einem Stipendium des Landes am Universitätsklinikum Salzburg seine Facharztausbildung in Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde absolvierte. Damit das Land diese sechsjährige Ausbildung bezahlt, verpflichtete sich Dejaco – wie andere Südtiroler auch –, innerhalb von zehn Jahren nach Abschluss derselben fünf Jahre im Südtiroler Gesundheitsdienst (eventuell auch mit einer privaten Ordination) zu 100 Prozent kontinuierlich tätig zu sein. Tut er das nicht, muss er 70 Prozent des Stipendiums zurückzahlen.
2012 hat Dejaco seine Facharztausbildung abgeschlossen und wurde von der Uniklinik Salzburg als Oberarzt übernommen; derzeit leitet er die rhinologische-allergologische Spezialsprechstunde. Sein Spezialgebiet sind die endoskopische Nasennebenhöhlenchirurgie und Eingriffe an der vorderen Schädelbasis.
Um die Bedingung des Landesstipendiums zu erfüllen, müsste Dejaco spätestens 2017 nach Südtirol zurückkehren. Als vor einigen Monaten die HNO-Primariate in Brixen und Meran ausgeschrieben wurden, sah er seine Chance gekommen – doch er wurde zum Wettbewerb nicht zugelassen. „Um Primar werden zu können, muss man in Italien sieben Jahre Facharzt sein“, so Dejaco. „Die sechs Jahre als Stipendiat wurden nicht angerechnet.“
Lust, wieder in Südtirol zu leben, habe er sehr wohl. „Jedoch weiß ich nicht, wie ich meine Spezialisierung in Südtirol umsetzen kann“, erklärt Dejaco. „Zumindest ist mir kein gleichwertiger Job bekannt. Für OPs, die ich hier in Salzburg mache, werden Südtiroler Patienten in Kliniken außerhalb der Provinz geschickt.“ Sollte er nach Südtirol zurückkehren, werde er sich beruflich verändern müssen. „Das HNO-Primariat in Brixen hätte ich mir für diesen Schritt – trotz meines jungen Alters – gut vorstellen können.“ Da daraus nun nichts werden kann, überlege er sogar, das Stipendium zurückzuzahlen (in Dejacos Fall sind es rund 90.000 Euro).
Martin Dejaco weiß von Kollegen, die vor einer ähnlichen Lebensentscheidung stehen wie er: eine außerordentliche berufliche Karriere in der Ferne oder die Rückkehr in die Heimat, die keine adäquate Stelle in Aussicht stellt. „Das Konzept des Landesstipendiums ist super: Durch die Ausbildung an renommierten Kliniken im Ausland soll fachliche Expertise ins Land geholt werden“, so Dejaco. „Doch in der Umsetzung mangelt es offensichtlich.“

Ausgabe 36-15, Seite 3

Simone Treibenreif

Simone Treibenreif

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