Schlanders – Ein kleines Bonsaibäumchen mit dünnem, leicht schiefem Stämmchen und vielen feinen Blättern steht auf der Fensterbank von Hannes Götsch. Es ist mehr als eine Pflanze. Es ist ein Symbol für Geduld und beständiges Wachsen. Vor knapp einem Monat hat er es überreicht bekommen: bei den „Changemaker Days“ des Ashoka-Netzwerks in Mailand, den Tagen der Veränderer. Dort wurde der 41-Jährige als erster Südtiroler in das internationale Netzwerk der Ashoka Fellows aufgenommen – eine der renommiertesten Auszeichnungen für soziales Unternehmertum und Systemwandel. Preisträger und Ashoka Fellows sind Persönlichkeiten wie der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder Muhammad Yunus, der „Bankier der Armen“, der als Begründer des Mikrokredit-Gedankens mit einem Nobelpreis belohnt wurde.
Hannes Götsch – rotes Haar, schwarzer Tunnel im linken Ohrläppchen, Festivalband am Handgelenk – ist nun also Teil dieses weltweiten Netzwerks. In Südtirol kennt man ihn: als Gründer und Geschäftsführer der Basis Vinschgau, als DJ, Event-Organisator, Kurator, Aktivist und Visionär. Als einen, der Begegnung und Austausch sucht, der für Freiheit und Frieden steht – und der keine Ruhe geben kann. Was treibt ihn an?
Eine Kindheit mit Nirvana und The Prodigy
Draußen wirft die ehemalige Kaserne mit ihren orangeroten Gemäuern schon lange Schatten, als Hannes Götsch aus einem Meeting mit seinem Team spaziert. „Suchen wir uns ein Plätzchen“, sagt er und begibt sich ins Labyrinth der Basis. Er geht vorbei an der Trust-Bar, einer Selbstbedienungsbar, am Coworking-Space, am „Kasino“, einem Raum für Events, wo die letzten Vorbereitungen für eine Veranstaltung am Abend getroffen werden.
„Am besten setzen wir uns da hin“, sagt Hannes Götsch und zeigt auf den leeren Nebenraum eines Ganges. Er holt zwei alte Sessel mit abgewetzten Polstern und einen kleinen Holztisch aus einem Raum nebenan und lässt sich in die Polsterung plumpsen.
Hier, in der Basis in Schlanders, fühlt er sich zu Hause. Und hier, in Schlanders, ist er auch aufgewachsen. Der Vater, ein Jagdaufseher, hat ihm die Leidenschaft für die Umwelt mitgegeben, seine Mutter, eine Schulleiterin, das Gespür fürs Soziale. Und seine beiden Schwestern haben ihm beigebracht, Verantwortung zu übernehmen, schon in jungen Jahren.
Am Anfang war die Musik
Hannes, Jahrgang 1984, besuchte die Schule im Dorf und verbrachte die Nachmittage umgeben von Musik, von Bands wie Nirvana und The Prodigy. „Musik ist für mich die reinste aller Sprachen“, sagt er. „Sie hat mich von Anfang an begleitet.“ Anfangs tauchte er mit den Kassetten seiner Schwestern in Fantasiewelten ein, später organisierte er selbst kleine Konzerte.
Der junge Hannes Götsch war nicht nur Musikliebhaber, sondern auch jemand, der stets Neues entdecken wollte – neue Gesichter und neue Umgebungen, zunächst auf dem Sattel seines Fahrrads, dann auf dem Sitz seiner Vespa. Er sei sehr freiheitsliebend gewesen, sagt Hannes. Das sei er noch immer.
„Musik eröffnet mir Welten, die mir ansonsten verborgen bleiben würden“, sagt er. Sie baue Brücken, unter anderem zu jüngeren Generationen.
Seit jeher ist er auch jemand, der gerne Verantwortung übernimmt. Zunächst als Klassensprecher, dann – mit 14 – als Gründungsmitglied des Jugendclubs Spunk, inspiriert von Pippi Langstrumpf. Der „Spunk“ habe kleinere Konzerte organisiert, ein paar Partys. 2002, gerade einmal volljährig, organisierte Hannes dann zum ersten Mal das „Matscher Au Open Air“ mit, ein Festival, das bis ins Jahr 2013 zwei Welten zusammenbrachte: Kunst und Musik. „Aus kuratorischer Sicht war es sehr innovativ“, sagt Hannes rückblickend.
Noch immer zieht es ihn zur Musik, zur Kunst, zu allem, was inspiriert und verbindet. Wenige Tage vor dem Treffen mit der SWZ war er in Riga, der Hauptstadt Lettlands. Untertags saß er unter den Teilnehmenden einer Konferenz im „Kaņepes Kultūras centrs“, abends legte er dort als DJ auf. „Musik eröffnet mir Welten, die mir ansonsten verborgen bleiben würden“, sagt er. Sie baue Brücken, unter anderem zu jüngeren Generationen.
„Nicht genug Disziplin für Frontalunterricht“
Nach der Mittelschule entschied er sich auf Empfehlung seiner Lehrerin für das Sprachengymnasium – doch bald merkte er: „Ich hatte nicht genug Disziplin für sechs Tage Frontalunterricht.“ Also wechselte er an die Metallfachschule Schlanders. Dort, mit mehr Praxisunterricht, fühlte er sich wohl.
Mit dem Abschluss in der Tasche heuerte er als Metallfacharbeiter bei einem Handwerksbetrieb in Kortsch an, nach drei Jahren wechselte er zum Design- und Ladenbauunternehmen Schweitzer, wo er zehn Jahre bleiben sollte. Zunächst war er in der Arbeitsvorbereitung tätig, nach und nach übernahm er immer mehr Führungsaufgaben. Zuletzt war er „Head of Product & Supply Management“ des firmeninternen Technology Centers.
Nebenbei organisierte der heute 41-Jährige weiterhin Events und trat immer wieder selbst als DJ auf, als Teil des Kollektivs Revoltekk.
Parallel bildete er sich weiter: berufsbegleitende Matura an der HTL Fulpmes, Master in Management und Unternehmensführung in Neustift und an der Universität Salzburg. Seine Arbeit führte ihn nach Italien, Osteuropa, Asien – und zu Erfahrungen, die ihn nachhaltig prägten.
„Wer bin ich selbst?“
Hannes beugt sich in seinem Sessel zurück und holt etwas aus seiner Hosentasche: eine Art Armband, das aus vielen kleinen Gliedern aus Plastik besteht, in knalligem Orange und Grün. Er beginnt, mit dem Teil zu spielen: knüllt es zusammen, wickelt es um seine Finger, dreht an den einzelnen Gliedern. „Das ist ein Fidget Toy“, sagt er, ein Geschenk einer Journalistin. „Ich bin eher ein nervöser Typ. Das beruhigt mich.“
Auf seinen Reisen besuchte er Lieferanten seines Arbeitgebers. Was er dort sah, regte ihn zum Nachdenken an.
Auf seinen Reisen besuchte er Lieferanten seines Arbeitgebers, des Ladenbauunternehmens Schweitzer. Was er dort sah, regte ihn zum Nachdenken an. Die Lieferanten hätten die Produktion einiger Waren an andere Unternehmen ausgelagert. „Die Bedingungen, unter denen die Menschen arbeiten und leben mussten, waren alles andere als ethisch“, sagt Hannes. Er habe Menschen gesehen, die in Wellblechhütten hausten und täglich lange Schichten arbeiten mussten, ohne Würde, wie er sagt. „Der Mensch als Individuum hat dort nicht gezählt“, sagt Hannes.
Er habe angefangen, nachzudenken: „Wer bin ich selbst? Will ich wirklich Teil dieses ,exploitation systems‘ (Ausbeutungssystem, Anm. d. Red.) sein?“ Seine Antwort lautete: nein. „Die lineare Wirtschaftslogik war mir zu eng, zu einseitig. Ich wusste, da muss noch mehr gehen.“ Hannes kündigte und nahm sich ein Jahr Auszeit, um genau nach diesem Mehr zu suchen.

Auf der Suche
Er reiste in mehrere Städte, darunter Berlin, Zürich und Leipzig und Städte in Osteuropa. Besuchte Freunde, schloss neue Bekanntschaften. „Ich habe mir Orte mit anderen Wirtschaftsformen angeschaut“, erzählt er. Aber ausgerechnet ein Ort in seinem Heimatdorf weckte sein Interesse: das Areal und die Gebäude der ehemaligen Drusus-Kaserne in Schlanders.
Die riesige Kaserne mit ihren vier Gebäuden und dem großen Platz in der Mitte wurde in den 1930er-Jahren von den Faschisten erbaut. Als Hannes sie 2015 besuchte, sei sie heruntergekommen gewesen. Sie sollte abgerissen werden, anstelle des für viele mit negativen Emotionen behafteten Gebäudes sollte etwas Neues entstehen. Doch Hannes hatte eine andere Idee.
„Ich betrat den ,spaccio‘, die alte Bar der Kaserne, mit seinen hohen Wänden und wusste sofort: Das ist der perfekte Ort für einen Coworking-Space“, erzählt Hannes. Seine Finger spielen schnell mit dem grün-orangefarbenen Plastikteil in seinen Händen. Seine Gedanken scheinen sich zu überschlagen.
In der „palazzina servizi“, die früher Mensa, Bar, Kino und Leseräume für Soldaten beherbergte, befinden sich heute ein Coworking-Space, Räume für Meetings, Seminare und Events sowie Werk- und Produktionsräume.
Hannes sprach mit dem Bürgermeister, teilte seine Vision, aus dem „faschistisch aufgeladenen Gebäude einen Ort der Inklusion, des gesellschaftlichen Wachstums und der wirtschaftlichen Diversifikation“ zu machen – und traf auf offene Ohren. Ab 2016 begann er, aus einem der Gebäude, der „palazzina servizi“, einen „Social Innovation Hub“ zu bauen.
„Hier, wo wir gerade sitzen, war früher die Essensausgabe“, erzählt Hannes. Der Boden wurde neu gegossen, von der Decke hängen moderne Lampen und ein Beamer. Einige Mauern erinnern an eine andere Zeit: An manchen Stellen bröckelt der Putz ab, an anderen ist ihr Inneres – rote Ziegelsteine – zu sehen. In der „palazzina servizi“, die früher Mensa, Bar, Kino und Leseräume für Soldaten beherbergte, befinden sich heute ein Coworking-Space, Räume für Meetings, Seminare und Events sowie Werk- und Produktionsräume. Treibende Kraft der Basis ist nach wie vor ihr Geschäftsführer, Hannes Götsch. Das franzmagazine hat ihm in einem Artikel den Beinamen „Möglichmacher“ gegeben.
Wirtschaft und Kultur, Vergangenes und Neues
Gemeinsam mit seinem zehnköpfigen Team hat Hannes Götsch hier einen Ort geschaffen, an dem viele Menschen und Ideen zusammenkommen. Unternehmen, Genossenschaften, Start-ups und Studierende.
Im einstigen Kasernenareal vermittelt er zwischen verschiedenen Welten: zwischen der Wirtschaft und der Kultur, zwischen dem Vergangenen, dem Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Und auch zwischen der Stadt und dem Land. „Das ist eines meiner größten Anliegen: das Periphere und das Urbane verbinden und Innovation dezentralisieren.“ Es gehe ihm darum, Menschen zusammenzubringen und Kooperationen zu ermöglichen, sagt Hannes. „Vielleicht treibt mich auch die Neugier, das Unplanbare, das, was zwischen den Zeilen passiert.“
Am 22. Oktober wurde Hannes Götsch in Mailand offiziell zum Ashoka Fellow ernannt. Der kleine Bonsai, den er dort erhielt, steht nun in seiner Wohnung in Schlanders, wo er mit seiner Lebensgefährtin und seinem neunjährigen Sohn lebt. Das kleine Bäumchen soll eine Erinnerung für Ashoka Fellows sein: Wie ein Bonsai, der mit viel Pflege und Zeit zu einem starken Baum werden kann, so sollen auch die Fellows wachsen und ihre gesellschaftliche Wirkung entfalten – langsam, aber stetig.

















