Wolkenstein – Seit 2010 kürt der Mountainbike-Marathon Sellaronda Hero seine „Radhelden“ und reiht sich ein in den Kreis von Radveranstaltungen, die Südtirol zu bieten hat und deren bekannteste – neben dem Sellaronda Hero – die Maratona dles Dolomites in Corvara, der Dolomiti Superbike in Niederdorf und das Sunshine Race in Nals sind. Die Radveranstaltungen passen zu Südtirol, sie sind „authentisch“, um es mit einem Modewort zu sagen. Tatsächlich ist Südtirol Marketing bemüht, Südtirol als Destination für Radurlauber zu etablieren. Und tatsächlich hat Südtirol für Radfahrer inzwischen einiges zu bieten, vom 400 Kilometer umfassenden Radwegenetz im Tal bis zu Mountainbike-Wegen am Berg, von Radhotels bis zu Bike-Schulen, vom Verleihnetzwerk „Südtirol Rad“ bis zur „bikemobil Card“ (Bus/Zug plus Leihrad), von Radtour-Führern bis zu Touren-Vorschlägen im Internet.
Eine besondere Rolle nimmt heuer in diesem Angebotsmeer der Sellaronda Hero ein. Obwohl noch jung, gilt er schon bei seiner sechsten Auflage am 27. Juni gleichzeitig als Marathon-Weltmeisterschaft, so wie es 2008 der Dolomiti Superbike in Niederdorf war. Es handelt sich um eine Art Ritterschlag für die Organisatoren rund um OK-Chef Gerhard Vanzi, die in der WM allerdings mehr sehen als eine WM – und überhaupt im Hero mehr als nur den Hero. „Es darf kein Rennen zum Selbstzweck sein“, sagt Vanzi bestimmt. Vielmehr ist der Gedanke hinter dem Hero ehrgeiziger. Seit 2010 arbeitet Vanzi mit seinem Team akribisch daran, dass der Hero für die gesamte Sellaronda-Region – Gröden, Alta Badia, Arabba und Fassa – einen bleibenden touristischen Mehrwert generiert. Er soll mehr sein als ein jährlich wiederkehrendes Strohfeuer. So wie der Skiweltcup ab 1969 und vor allem die Ski-WM 1970 auf der Saslong den Grödner Aufstieg zu einer wintertouristischen Größe begleitete, soll der Hero Impulse für den Sommertourismus geben. Entsprechend hat das OK-Team mithilfe der örtlichen Tourismusorganisationen rund um den Hero eine ganze Hero-Veranstaltungsfamilie konzipiert (siehe Infokasten „Hero mit Familie“), und parallel arbeiten die vier Talschaften Hand in Hand mit den Hero-Machern an Mountainbike-Angeboten, die im Sommer eine neue Zielgruppe ansprechen. Anfang März etwa erscheint ein Sonderheft über den Hero und die Radangebote rund um die Sella-Gruppe als Beilage in Zeitschriften der wichtigen Radmärkte Deutschland, Schweiz und England in einer Auflage von 200.000 Stück.
„Selbstverständlich sind die Wanderer nach wie vor der Hauptgast im Sommer. Aber auch der Bike-Tourismus birgt Potenzial und ermöglicht uns eine Zusatzpositionierung“, argumentiert Günther Pitscheider, der Direktor des Tourismusverbandes Val Gardena-Gröden Marketing. Er erinnert daran, dass Gröden einst mehr Gästenächtigungen im Sommer als im Winter verzeichnete – bis der Skiweltcup kam. Auch unterstreicht Pitscheider seine Freude am Hero: „Gröden bemüht sich um Angebote für Radler. Der Hero ist dabei so etwas wie die Spitze des Eisbergs, die dank professioneller Organisation die Sichtbarkeit garantiert.“ 33 Radwege mit einer Gesamtlänge von 1.000 Kilometern haben die Tourismusverbände Gröden und Seiser Alm gemeinsam ausgeschildert. Auch wurden – in Anlehnung an die beliebte Ski-Sellaronda – geführte Sellaronda-Mountainbike-Touren aufgelegt. „Das Interesse ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert“, freut sich Pitscheider. Die Tour wird von eigenen Führern begleitet, kann von weniger sportlichen Gästen wahlweise auch mit dem Elektro-Bike bewältigt werden und beinhaltet die Benutzung der Aufstiegsanlagen – entsprechend wurden einige Sessellifte rund um die Sella-Gruppe eigens für den Transport der Mountainbikes adaptiert. „Im vergangenen Jahr haben rund 8.000 Gäste die Mountainbike-Sellaronda absolviert“, nennt Gerhard Vanzi die Zahl. Der Hero-Chef muss es wissen, ist er doch im Hauptberuf Marketingleiter des Skiverbundes Dolomiti Superski. Damit erklärt sich auch, warum Vanzi sich derart Gedanken über das Sommerangebot in der Sellaronda-Region macht. Genauso wie die meisten anderen Skidestinationen bemühen sich Gröden, Alta Badia, Arabba und Fassa um Wege, wie die Betten und Aufstiegsanlagen im Sommer besser ausgelastet werden können.
Vanzi treibt den Hero allerdings nicht im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit voran, sondern nebenberuflich als Privatperson. Gemeinsam mit drei Gleichgesinnten – Ex-Skiass Peter Runggaldier, Ex-Langläufer Alfred Runggaldier und Genni Tschurtschenthaler – hat Vanzi den Amateursportverein „Sellaronda Hero“ gegründet. Das Quartett trägt damit persönlich das finanzielle Risiko für die Veranstaltung. Immerhin kostet der WM-Hero mit seinem Drumherum über eine Million Euro. Die Finanzierung sei nicht einfach und zum heutigen Zeitpunkt noch nicht zur Gänze gesichert, räumt Vanzi ein und nimmt es mit Humor: „Das OK-Team verdient sich ganz sicher keine goldene Nase, obwohl das viele glauben.“
Etwa 20 Prozent des Budgets werden durch Landes- und Gemeindegelder sowie durch den Tourismusverein Gröden gedeckt. Weitere 30 Prozent kommen in Form von Einschreibegelden der 4.000 Teilnehmer herein, der Rest muss mit Privatsponsoren bestritten werden. Apropos Einschreibegelder: Der Großteil davon geht wieder durch ein stolzes Geschenkpaket für alle Teilnehmer sowie für Verpflegung und Versicherung drauf. Es handelt sich dabei um einen der größten Ausgabenposten. Einen ordentlichen Batzen Geld verschlingt weiters die Produktion von spektakulären Fernsehbildern in HD für Fernsehstationen wie Eurosport, Sky und Rai Sport bzw. für den internationalen Vertrieb – im Gegenzug sichern sich die Touristiker rund um die Sella-Gruppe eine werbewirksame Präsenz im Fernsehen, teilweise sogar live. Die Zeitnehmung kostet weitere 50.000 Euro. Der eindeutig größte Ausgabenposten aber ist mit 20 Prozent die Kommunikation. Freilich ist das so gewollt, um dem Hero und der Region die gewünschte Aufmerksamkeit zu sichern. Derzeit beschäftigt der Amateursportverein zwei fixe Mitarbeiter plus zehn Mitarbeiter auf Honorarbasis. Rund 600 freiwillige Helfer gilt es dann im Juni zu koordinieren.
„Selbstverständlich könnten wir finanziell auch kleinere Brötchen backen. Aber wenn wir uns als Marke in den Köpfen festsetzen wollen, dann müssen wir ein Topevent ohne Kompromisse auf die Beine stellen. Das war von Anfang an unser Anspruch“, sagt Vanzi, der sich noch gut an die erste Ausgabe erinnert: „Damals sind wir mit einem Budget von 115.000 Euro gestartet.“
Rund 4.000 Mountainbiker aus etwa 50 Nationen werden am 27. Juni den Hero in Angriff nehmen – plus rund 200 Profis, die um die WM-Krone fahren. Die Teilnehmerzahl ist kontingentiert, was den Hero nur noch begehrter macht. „Die Region wird durch das einwöchige Festival-Programm rund um den Hero heuer rund 40.000 Nächtigungen verzeichnen. Das entspricht einer direkten touristischen Wertschöpfung von fünf bis sechs Millionen Euro – zusätzlich zum Werbewert“, rechnet Vanzi stolz vor. Positiver Nebeneffekt: Erzielt wird die Wertschöpfung in der nächtigungsschwachen Nebensaison im Juni. „Ja, der Hero trägt zu einem guten Saisonstart bei“, bestätigt Pitscheider. Natürlich – so meint Pitscheider – existiere Konfliktpotenzial zwischen Wanderern und Mountainbikern. Aber insgesamt habe er den Eindruck, dass die allermeisten Touristiker in den Dolomitentälern die Chancen des Radtourismus inzwischen erkennen. Übrigens: Auch die Ski-WM 1970 hatte nicht nur Befürworter. Und selbst wenn es anmaßend ist, einen Vergleich zwischen Hero-Machern und Grödner Skiweltcupvätern zu ziehen, so sind doch gewisse Parallelen erkennbar.


















