Bozen – Whisky aus dem Vinschgau, Rum aus dem Schlerngebiet oder Vodka aus dem Überetsch: Südtirol ist in Sachen Superalkohol nicht mehr nur das Land von Obstler, Grappa, Nusseler & Co. Und auch im Markt um das derzeitige europäische Trendgetränk Gin – einen mit verschiedensten Zutaten aromatisierten Wacholderbrand – haben Südtiroler Spirituosenhersteller ihre Finger im Spiel, genaugenommen zwei Produzenten: die Hofbrennerei Zu Plun von Florian Rabanser in Seis und die Gutsbrennerei Walcher in Frangart.
„Gin“, weiß Florian Rabanser, „war das erste Destillat, das geschmacklich beschrieben wurde.“ Mittlerweile definiert die EU-Spirituosenverordnung, was als Gin verkauft werden darf.
Entstanden ist Gin angeblich im 16. Jahrhundert in Holland, wo der Wacholderbrand als Mittel gegen Magenbeschwerden und Fiebererkrankungen verkauft wurde. Relativ schnell kam das Getränk dann nach England, wo es zeitweise als Schnaps der Armen galt, weil er aus billigsten, minderwertigen Zutaten hergestellt wurde. Das versuchten die Regierenden durch Reglementierungen in den Griff zu bekommen, was zum Großteil auch gelang. Und so wurde die Qualität des aromatischen Wacholderschnapses immer besser, sodass auch die britische Oberschicht schließlich ab und an zu einem Gläschen Gin griff – und dieser nach und nach sein Siegeszug rund um die Welt begann. Heute ist Gin Bestandteil vieler Cocktails, wird mit Gurke und Basilikum getrunken oder in der klassischen Variante mit Tonic. Seit einigen Jahren entstehen in Europa immer mehr auf Gin spezialisierte Lokale und Websites bzw. Blogs, die sich ausschließlich mit dem Thema Gin befassen.
Derzeit gilt Gin als DAS Szenegetränk in Europa und seine Beliebtheit ist auch in Südtirol zuletzt stetig gewachsen. Wie viel eine Flasche Gin kostet, variiert sehr stark: Einfache Gins gibt es bereits ab zehn Euro, als 2011 die Jubiläumsedition des Bombay Sapphire auf den Markt kam, kostete dieser 1.500 Euro – Sammlern ist er deutlich mehr wert.
Der große Anklang beim Konsumenten hat eine Vielzahl von Produzenten auf den Plan gerufen: In den vergangenen Jahren entstanden unzählige Gin-Brennereien bzw. haben viele Spirituosenhersteller den Gin in ihr Sortiment aufgenommen, fast wöchentlich kommen in Europa neue Gins auf den Markt. In Italien aber fehlen diese kleinen Produzenten. „Meines Wissens gibt es in Italien höchstens eine Handvoll Ginbrennereien – uns Südtiroler miteingeschlossen“, sagt Florian Rabanser.
Einer der bekanntesten neuen Ginproduzenten dürfte die 2009 gegründete Schwarzwälder „Black Forest Destillers“ sein, die den „Monkey 47“ herstellt (50 cl kosten etwa 40 Euro): 2010 hat das Unternehmen 5.000 Flaschen produziert, 2014 sollen es 200.000 gewesen sein.
Doch warum ist Gin so „trendy“? „Dass sich vor allem kleinere Hersteller um neue Rezepturen bemüht haben, hat dieser altbekannten und bewährten Spirituose einen enormen Aufwind gegeben“, sagt Theodor Walcher, Geschäftsführer der Gutsbrennerei Walcher. „Professionelles Marketing war dabei ebenso ausschlaggebend wie der Trend zu regionalen Produkten.“ Dazu komme, ergänzt Florian Rabanser, „ein allgemeiner Aufschwung der Barszene, der auch lange international nicht beachtete Getränke wie etwa Aperol oder Wermut wie zum Beispiel Martini zu einem Aufschwung verholfen hat“.
In Südtirol hat das Schnapsbrennen eine lange Tradition. Und so ist auch die Herstellung von Wacholderschnaps für Südtirol nichts Neues. Neu ist, dass die Produzenten ihren Wacholderbrand mit Kräutern, Gewürzen und Zitrusfrüchten – den sogenannten Botanicals – ergänzen und damit aus Wacholderschnaps Gin wird. In einem herkömmlichen Gin sind sechs bis zehn solcher Geschmacksstoffe enthalten. Die Tendenz in den vergangenen Jahren ist allerdings, dass immer mehr Botanicals verwendet werden. Auch die beiden Südtiroler Gin-Hersteller verwenden eine Vielzahl von Zutaten – wobei Rabanser vor allem auf heimische Kräuter setzt, die Familie Walcher auf mediterrane Botanicals.
Die Gutsbrennerei Walcher produziert seit vier Jahren Gin: Begonnen wurde mit der Herstellung, nachdem ein wichtiger Kunde aus Skandinavien danach gefragt hatte. „Mittlerweile zählt unser Biostilla Organic Gin – ein feiner klassischer unkomplizierter Gin mit typischer Wacholdernote und moderatem Alkoholgehalt – zu den meistgetrunkenen Gin-Marken in Schweden“, erzählt Theodor Walcher. Eine Flasche dieses Gins (70 cl) ist im Facheinzelhandel für etwa 14 Euro erhältlich.
Seit einigen Wochen gibt es einen zweiten Walcher-Gin (beide Gins sind übrigens Bio-Destillate) auf dem Markt: „La vita è bella“ (70 cl kosten 25 Euro). „Am Rezept dafür haben wir sehr lange getüftelt und gefeilt, um einen ganz besonderen Gin mit mediterranem Charakter zu entwickeln“, sagt Walcher. „Er wird aus 24 verschiedenen, ausschließlich mediterranen Botanicals destilliert. Bei der Produktion verwenden wir das Wasser einer namhaften Mineralwasserquelle aus den Dolomiten. Um die Einzigartigkeit des Produktes zu unterstreichen, was bei einer derart großen Vielfalt von Produkten auf dem Markt sehr wichtig ist, wurde ein spezielles Packaging für die Flasche gewählt. Anstatt eines Etikettes wird jede Flasche eigens bedruckt und mit einem Wickelpapier versehen, auf dem die Botanicals abgebildet sind, die für den Gin Verwendung finden.
Auch Florian Rabanser von der Hofbrennerei Zu Plun legt besonderen Wert auf die Verpackung: Auf die Flaschen, in die der Dolomites Gin – kurz Dol Gin (50 cl zum Preis von ca. 30 Euro) abgefüllt wird, ist eine Bergsilhouette gedruckt, die an die Geisler-Gruppe erinnern soll. „Außerdem gibt es eine Special Edition von Einliterflaschen, die bei Vollmond abgefüllt wurde, und mit eigens kreierten und gravierten Metalletiketten versehen sind (Preis ca. 100 Euro)“, so Rabanser.
Der Dol Gin ist seit etwas mehr als einem Jahr auf dem Markt, vorher hat Rabanser zwei Jahre lang an der richtigen Mixtur gearbeitet. Eigentlich habe er das Sortiment seiner Hofbrennerei mit einem Magenbitter mit Südtiroler Kräutern erweitern wollen, erzählt er, „und bei der Suche nach den passenden Zutaten bin ich schließlich zum Gin gekommen“. 24 Botanicals packt Rabanser in seinen Gin. „Von der Enzianwurzel über die Blütenblätter der Wildrose bis hin zur Holunderwurzel. Gemeinsam mit einem Apotheker habe ich analysiert, welche der Kräuter, die üblicherweise für die Produktion von Gin verwendet werden, in der Umgebung vorkommen bzw. mit welchen Pflanzen aus den Dolomiten diese ersetzt oder sinnvoll ergänzt werden können“, erklärt Rabanser. Einzig die Zitronen – Zitrusfrüchte sind für einen Gin unerlässlich – hole er von außerhalb Südtirols.
Derzeit arbeitet Rabanser an einem eigenen Tonic, das besonders gut zum Dol Gin passen soll, indem die Tonic-Zutaten jene des Gin ergänzen. „Die Entwicklung steckt jedoch noch in den Kinderschuhen“, so Rabanser, der gemeinsam mit Spitzenköchen aus Nürnberg auch an einem Gin-Menü arbeitet. Dieses soll bei exklusiven Events präsentiert werden.
Doch während die einen im Gin noch einen aufgehenden Stern sehen, sehen ihn die anderen schon wieder im Sinkflug. „Fachzeitschriften schreiben davon, dass der Gin-Trend in Deutschland wieder im Abklingen ist und dass wahrscheinlich mehr als die Hälfte der neuen Gin-Marken nicht länger als zwei Jahre überleben wird“, sagt Walcher, fügt allerdings an: „Wir gehen davon aus, dass es in Italien noch wesentliches Potenzial für Gin gibt.“


















