Köln – Insgesamt 24 Länder hat das iwd unter die Lupe genommen und dabei nachgeforscht, über welche Einkommen welche Teile der Bevölkerung verfügen. Die Ergebnisse wurden jenen einer länderübergreifenden Befragung des International Social Survey Programme zu Themen der sozialen Ungleichheit aus dem Jahr 2009 gegenübergestellt, dessen Ergebnisse häufig in Gerechtigkeits- und Umverteilungsdebatten zitiert werden. Und siehe da: Es irrt der Mensch, solang er strebt: Natürlich gibt es (auch recht gravierende) Einkommensunterschiede, aber sie sind deutlich geringer, als gemeinhin angenommen wird. Und: Nicht überall werden diese Unterschiede gleich kritisch gesehen.
So sind beispielsweise mehr als die Hälfte der Deutschen fest davon überzeugt, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland zu groß sind. Noch kritischer als die Deutschen sind die Franzosen. Mehr als zwei Drittel von ihnen kreuzten im Fragebogen an, die Einkommensunterschiede in ihrem Land seien zu groß. Schweizer und Belgier dagegen beurteilen die Einkommensdifferenzen in ihren Ländern weniger kritisch. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese vier Länder – trotz der sehr unterschiedlichen Bewertung der Einkommensunterschiede – sehr ähnlich abschneiden, wenn es um die tatsächliche Einkommensverteilung geht. In diesen vier Ländern finden sich nämlich die meisten Menschen in der Mitte der Gesellschaft wieder. Die Einkommensverteilung gleicht einem Ei oder dem Michelin-Männchen – hat also ausgewogene Proportionen.
Diese Form der tatsächlichen Einkommensverteilung zeigt sich auch für den Durchschnitt der 24 untersuchten Länder (siehe Grafik). Die Wahrnehmung der meisten Europäer weicht davon aber deutlich ab: Sie gleicht eher einer Pyramide – mit einer kleinen Elite oben, mehr Menschen in der Mitte und den meisten Menschen unten.
Wie es in einzelnen Ländern in Europa sowie in den USA aussieht und welche Erklärungen es für Diskrepanzen oder Analogien zwischen Wahrnehmung und Realität gibt, verdeutlichen einige Beispiele.
Die Ungarn beurteilen die Einkommensunterschiede noch kritischer als die Franzosen. Dabei kommt die Gesellschaft dort fast schon dem Ideal nahe. Sie hat eine der ausgewogensten Verteilungen Europas. Auch in Slowenien, Tschechien und der Slowakei herrscht eine große Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit.
Diese überaus kritische Sicht auf die Einkommensunterschiede lässt sich zum einen dadurch erklären, dass die Bürger der neuen EU-Staaten aufgrund ihres sozialistischen Hintergrundes auch auf kleinste Ungleichheiten sehr sensibel reagieren. Zum anderen ist das Mittelschichtsmodell in der Wahrnehmung der Menschen nicht angekommen. Der Großteil der Bevölkerung wird in diesen Ländern am unteren Ende der Einkommenshierarchie vermutet.
In Norwegen, Schweden, Dänemark und Finnland dagegen sind die Bürger der Auffassung, dass bei ihnen die Einkommensunterschiede nicht allzu groß sind. Und dem ist in der Tat so, denn neben einer jeweils kleinen Ober- und Unterschicht gibt es eine große Mittelschicht. Die skandinavischen Länder haben also auch innerhalb der eigenen Grenzen das Image von klassischen Wohlfahrtsstaaten.
Im Vereinigten Königreich und in den USA sagen nur wenige Menschen, in ihren Ländern sei der Wohlstand ungleich verteilt – obwohl genau das zutrifft. So gleicht die Einkommensverteilung in den USA eher einer Pyramide – unten ganz viele, oben ganz wenige. Dass die Amerikaner damit kein Problem haben, wird oft vor allem damit erklärt, dass die meisten von ihnen felsenfest davon überzeugt sind, jeder sei für sein Glück – sprich Einkommen – selbst verantwortlich. Der Befund, dass Amerikaner die Einkommensverteilung in entgegengesetzter Weise falsch einschätzen, wie es etwa Deutsche oder Franzosen tun, ist nicht neu: So wird vermutet, dass das reichste Fünftel der US-Bürger nur knapp 60 Prozent des Vermögens hält – tatsächlich sind es aber mehr als 80 Prozent.
Amerika ist ein Beleg dafür, dass in der (Um-)Verteilungsdebatte oft nicht die Fakten zählen, sondern die gefühlte Wirklichkeit. Für diese These spricht, dass der Wohlfahrtsstaat in den USA eher rudimentär ausgeprägt ist. Schon die teils militante Ablehnung der Krankenversicherungspflicht („ObamaCare“) durch weite Teile der Bevölkerung zeigt, wie wenig sozialpolitischen Handlungsbedarf Amerikaner sehen.
Die Meinung vieler Europäer, die Einkommensunterschiede seien größer, als sie es tatsächlich sind, ist auch eine Folge der politischen Debatten über die „soziale Ungerechtigkeit“, die von politischen Parteien genutzt wird, um Wähler zu gewinnen, und der Resonanz, die das Thema in den Massenmedien findet. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die „neue Armut“ berichtet wird und über die „soziale Schieflage“ oder an dem nicht eine höhere Besteuerung hoher Einkommen und eine Entlastung niedriger Einkommen gefordert werden – dazu vielleicht Erbschafts- oder Vermögenssteuern. Auch Südtirol redet sich ärmer, als es ist. Das soll nicht heißen, dass es keine Probleme gibt. Aber die Häufigkeit der medialen Klagen lässt breite Schichten in der Selbsteinschätzung ärmer erscheinen, als sie es tatsächlich sind. Und dann fürchtet sich auch der nach wie vor breite Mittelstand vor einem Absturz in die Gruppe jener, die Sozialhilfe benötigen.
Die Bevölkerung überschätzt das Ausmaß der sozialen Ungleichheit deutlich. Der durchschnittliche Deutsche schätzt, dass rund ein Viertel der Bevölkerung zur untersten Einkommensgruppe zählt. Tatsächlich sind es aber 16 Prozent. Aber nicht alle von ihnen sind arm in dem Sinn, dass sie die dringendsten Ausgaben zum Leben (Nahrung, Wohnung, Kleidung) nicht mehr bezahlen könnten. Wir sprechen hierzulande von relativer Armut. Bei den „Einkommensarmen“ handelt es sich um Menschen, die von weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens leben.
Auf der anderen Seite zeigen die Umfragen, dass der Umfang der Mittelschicht deutlich unterschätzt wird. Die Deutschen rechnen gefühlsmäßig nur rund 30 Prozent der Bevölkerung dem Mittelstand zu (das sind Menschen mit 80 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens); tatsächlich gehören ihr jedoch über 50 Prozent an. Hingegen vermuten die Deutschen weit mehr Reiche, als es tatsächlich gibt. Drei Prozent der Deutschen bringen es auf Spitzeneinkommen von über 250 Prozent des Durchschnittseinkommens, angenommen wird aber, dass es sieben Prozent sind.
Der Umstand, dass die Deutschen eine verzerrte Wahrnehmung von der Einkommensverteilung haben, während die Schweizer ein ziemlich wirklichkeitstreues Bild der sozialen Lage haben, wird darauf zurückgeführt, dass die Eidgenossen es gewohnt sind, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen und weniger an den Staat zu delegieren. (iwd/RW)

















