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Geheiligt sei der Urlaub

FERIENZEIT – Verreisen ist in diesem Sommer so teuer wie noch nie und bei manchen Destinationen auch so riskant wie noch nie. Doch die Reiselust ist stärker als alle Krisensorgen. Es hat sich aber etwas verändert – und Südtirol wird das in den nächsten Monaten wohl spüren.

Christian Pfeifer von Christian Pfeifer
12. Juni 2026
in Südtirol
Lesezeit: 5 mins read

Aus dem Luxus ist ein Grundbedürfnis geworden: Sieben von zehn Personen verreisen im Sommer ungeachtet der Krisen. (Foto: Shutterstock / Nomad_Soul)

Bozen – In Südtirol brechen die Schulferien an. Damit beginnt die Hochsaison der Urlaube. Viele Südtiroler Familien packen traditionell sofort nach Schulschluss die Koffer und sind dann mal weg: weg von den Mühen des Alltags und auch weg von den ständigen Negativschlagzeilen aus aller Welt, die aufs Gemüt schlagen. Wer nicht jetzt verreist, tut es in den allermeisten Fällen später im Laufe des Sommers.

Zwar existieren keine offiziellen Daten zur Reiselust der Südtiroler:innen, doch dürfte sie nicht viel anders sein als jene in Restitalien, Österreich oder Deutschland: Sieben von zehn Personen fahren mindestens einmal im Sommer weg. Das ergeben übereinstimmend eine Untersuchung der Konsumentenschutzvereinigung Udicon und des Istituto Piepoli (für Italien), Daten von Statistik Austria (für Österreich) und der „Global Travel Confidence Report“ von Allianz (für Deutschland).

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In Südtirol wird aber nicht nur weggefahren, sondern auch angekommen. Die Touristenzahlen kannten in den vergangenen Jahren, mit Ausnahme der Corona-Jahre, eine einzige Richtung: nach oben. Dass die Gäste wegen der multiplen Krisen heuer ausbleiben, damit rechnet niemand, im Gegenteil.

Gute Gründe fürs Daheimbleiben

Dabei wären die Vorzeichen heuer alles andere als gut. Nachdem das Reisen in den vergangenen Jahren bereits empfindlich teurer geworden ist, sind nach dem Ausbruch des Irankrieges die Sprit- und Flugpreise zusätzlich nach oben geschossen. Zwischenzeitlich gab es zudem Befürchtungen, Flüge könnten wegen des Kerosinmangels storniert werden. Dazu gesellt sich die reelle Gefahr, dass eine neue Inflationswelle den Alltag in den nächsten Monaten weiter verteuert. Alles gute Gründe, um heuer ausnahmsweise auf einen Urlaub zu verzichten und das Geld lieber zu sparen, denn lebensnotwendig ist ein Urlaub nicht.

Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt, wie unverzichtbar das Wegfahren geworden ist.

Oder ist er es doch? Die vergangenen Wochen und Monate haben gezeigt, wie unverzichtbar das Wegfahren geworden ist. Zu Ostern haben – so hat es die Vereinigung Confturismo-Confcommercio erhoben – zehn Millionen Italiener:innen einen (Kurz-)Urlaub unternommen. Dabei war gerade erst der Irankrieg ausgebrochen und der Spritpreis in die Höhe geschnellt. Über sieben Millionen Italiener:innen waren am verlängerten Wochenende rund um den 1. Mai auf Kurztrip. Sogar 14 Millionen Italiener:innen haben den Brückentag zum 2. Juni dafür genutzt, auch wegen des schönen Wetters. Und die Haupturlaubszeit kommt ja erst noch.

Vom Luxus zum Grundbedürfnis

„Früher war Urlaub ein Luxus, heute ist er ein Grundbedürfnis“, beobachtet Hans Peter Taferner, der Geschäftsführer des Reisebüros Taferner in Bruneck, Bozen und Toblach. Ähnlich sagt es Verena Wenter, die Geschäftsführerin von Primus Touristik, im SWZ-Podcast: „Der Stellenwert des Urlaubs war noch nie so hoch.“ Es ist das Paradoxon unserer Zeit: Wir stören uns am Tourismus, sehnen uns zugleich aber nach dem Verreisen.

Freilich bedeutet das nicht, dass in der Branche alles eitel Sonnenschein wäre. Südtirols Reisebüros haben im März und April als Folge des Kriegsausbruchs im Iran stark gelitten. Es habe „dramatisch ausgeschaut“, erzählt Taferner, und es seien Erinnerungen an den Corona-Ausbruch wach geworden. Auch sein Kollege Marius Gebhard, Inhaber von „Mein Reisebüro“ in Brixen und Vizepräsident der Fachgruppe Reisebüros im Handels- und Dienstleistungsverband (hds), spricht von einem Nachfrageeinbruch. Wer den Sommerurlaub noch nicht gebucht hatte, wartete vorerst ab. Vielmehr waren die Reisebüros mit Umbuchungen und Flugstornierungen beschäftigt.

Es ist das Paradoxon unserer Zeit: Wir stören uns am Tourismus, sehnen uns zugleich aber nach dem Verreisen.

In den vergangenen Wochen ist das Interesse zurückgekehrt, berichten Taferner und Gebhard übereinstimmend. „Die Leute waren des Abwartens überdrüssig“, so Gebhard. Trotzdem werden die Reisebüros die Ausfälle nicht zur Gänze aufholen können, weil manche Urlaubshungrige wegen der Unwägbarkeiten in der Zwischenzeit für ein Nahziel optiert haben – ganz ohne Reisebüro. Auf den Urlaub ganz zu verzichten, ist jedenfalls in den allermeisten Fällen keine Option.

Das bestätigen praktisch alle internationalen Untersuchungen. So wie das wachsende Klimabewusstsein den Urlaubshunger nicht bremsen kann, so können es auch internationale Konflikte und steigende Preise nicht. Im Gegenteil, der Drang nach einer unbeschwerten Zeit wird inmitten der vielen Krisen nur noch größer.

Reisebranche wächst stärker als Gesamtwirtschaft

Die Welttourismusorganisation (UN Tourism) prognostiziert für heuer nach dem Rekord von 1,52 Milliarden internationalen Gästeankünften im vergangenen Jahr – Inlandsreisende sind da gar nicht mitgerechnet – ein weiteres Wachstum um drei bis vier Prozent und somit einen abermaligen Rekord. Wie enorm sich der weltweite Tourismus in den vergangenen 20 Jahren entwickelt hat, zeigt ein Blick in die historischen Statistiken: 2005 zählte UN Tourism 808 Millionen Gästeankünfte, nur etwas mehr als halb so viele wie heute. Der Tourismus hat also nicht nur in Südtirol ordentlich zugelegt.

WTTC geht von einem Branchenwachstum von 3,2 Prozent aus. Das ist mehr als das Plus der Weltwirtschaft von 2,8 Prozent.

Erst wenige Wochen alt ist eine Studie des „World Travel & Tourism Council“ (WTTC). Die Eskalation des Nahostkonfliktes ist dort bereits berücksichtigt, doch am Ausblick ändert sich nichts. Während UN Tourism ein Plus von drei bis vier Prozent bei den internationalen Gästeankünften prognostiziert, geht WTTC – ziemlich deckungsgleich – von einem Branchenwachstum von 3,2 Prozent aus. Das ist mehr als das Plus der Weltwirtschaft, das die OECD in diesen Tagen auf plus 2,8 Prozent geschätzt hat. Auch der europäische Tourismus wird sich laut WTTC heuer überdurchschnittlich stark entwickeln: plus 3,6 Prozent gegenüber den 1,1 Prozent der Gesamtwirtschaft. Für Italien werden sogar 3,8 Prozent prognostiziert, während die Wirtschaft um 0,5 Prozent wächst.

Die Overtourism-Debatten werden nicht so schnell abreißen, wenn die WTTC-Prognosen für die nächsten zehn Jahre zutreffen: Der globale Tourismus werde demnach um durchschnittlich 3,6 Prozent pro Jahr zulegen. Die Urlaubsbranche bleibt ein Wachstumstreiber, selbst in Zeiten, in denen eine Krise auf die nächste folgt und in Gegenden wie Südtirol über steigende Lebenshaltungskosten und unbefriedigende Löhne geklagt wird.

Der Urlaub wird anders

Und doch hat der Nahostkonflikt etwas bewirkt. Auf den Urlaub wird zwar nicht verzichtet, sehr wohl aber wird er anders. Laut verschiedenen Umfragen – und auch laut den Südtiroler Reisebüros – hat sich das Interesse in den klassischen Mittelmeerdestinationen von Osten nach Westen verlagert: Destinationen wie Türkei, Zypern und auch Griechenland leiden, dafür boomen Spanien und Italien. Laut Marius Gebhard gehören zudem Ziele in Afrika zu den Profiteuren.

Bei Fernreisen herrscht nach wie vor eine gewisse Buchungszurückhaltung, beobachten die Südtiroler Reisebüros. Bei näher gelegenen Flugzielen hat die Nachfrage hingegen angezogen. Mindestens ebenso gefragt sind Destinationen, die mit dem Auto erreichbar sind und für die es kein Reisebüro braucht. Laut Umfragen werden die Italiener:innen heuer noch stärker als ohnehin schon im eigenen Land urlauben: Fast 60 Prozent bleiben in Italien. Die Deutschen hingegen zieht es stärker weg, nur zu 30 Prozent urlauben im eigenen Land.

Alles spricht für Südtirol

Die Veränderungen im Urlaubsverhalten sind durchaus vielversprechend für den heimischen Tourismus. Südtirol könnte in diesem Sommer zum Krisenprofiteur werden (bzw. zum Verlierer in den Augen jener, denen der Tourismus im Lande zu viel ist). HGV-Präsident Klaus Berger nimmt eine gute Stimmung bei den Tourismustreibenden wahr. Das Buchungsverhalten sei gegenüber dem vergangenen Jahr zwar noch etwas gedämpfter, aber die Buchungslage sei beileibe nicht schlecht, sagt er im beistehenden Interview. Am Ende werde zwar möglicherweise der eine oder andere internationale Gast ausbleiben, dafür aber könnten die Gäste aus den Kernmärkten zulegen.

Die Rechnung wird am Ende gemacht. Aber alles spricht in diesem Sommer für eine Rechnung mit Plus.

Schlagwörter: 23-26free

Interview

„Wir sind optimistisch“

SWZ: Wird Südtirols Tourismus in diesem Sommer profitieren, weil die Leute angesichts der globalen Lage eine näher gelegene, mit dem Auto erreichbare Destination vorziehen?

Klaus Berger (Foto: SWZ)

Klaus Berger*: Die Stimmung unter den Tourismustreibenden ist an und für sich gut. Zwar ist das Buchungsverhalten bisher im Vergleich zum vergangenen Jahr noch etwas gedämpfter. Aber das heißt nicht, dass die Buchungen für den Sommer schlecht wären. Es setzt sich der Trend fort, dass immer kurzfristiger gebucht wird, zum Teil auch wetterabhängig.

Die Menschen wollen auf den Urlaub nicht verzichten.
Die Leute haben ein großes Bedürfnis, in den Urlaub zu fahren. Sie wollen darauf nicht verzichten. Zugleich spüren sie die steigenden Lebenshaltungskosten und achten entsprechend auch auf das Urlaubsbudget.

Das heißt?
Es wird zwar nicht die Urlaubsdauer reduziert, aber es wird an den Nebenausgaben gespart. Und es wird die Unterkunft entsprechend ausgesucht. Wir spüren eine gestiegene Preissensibilität, speziell beim deutschen Gast. Nachdem in den oberen Sternekategorien in den vergangenen Jahren stetige Nächtigungszuwächse zu verzeichnen waren und die unteren Kategorien tendenziell stagnierten bzw. leicht verloren, zeichnet sich heuer ein Trendwechsel ab. Die Drei-Sterne-Kategorie scheint sich zu erholen, während viele Vier- und Fünf-Sterne-Häuser sich etwas schwerer tun. Vor allem in der Hochsaison scheint eine Preisobergrenze erreicht zu sein.

Wird der internationale Gast ­ausbleiben?
Es kann durchaus sein, dass es da ein Minus gibt. Das dürften wir aber mit unseren Kernmärkten wettmachen. Angesichts des globalen Umfeldes und der Verteuerung im Flugverkehr kann Südtirol den Vorteil ausspielen, eine sichere und mit dem Auto leicht erreichbare Destination zu sein.

Wagen Sie eine Prognose für die Sommersaison. Vorhersagen sind immer schwierig, die Rechnung wird am Ende gemacht. Wir sind aber optimistisch, dass die Nächtigungszahlen ungefähr jenen des Vorjahres entsprechen werden. Wobei, die Nächtigungszahlen sind nur ein Teil der Wahrheit. Was wirklich zählt, ist, was unterm Strich übrig bleibt, damit in die Zukunft investiert werden kann. Wenn die Gäste an den Nebenausgaben in ihrer Unterkunft sparen, ist die Wirtschaftlichkeit für viele Häuser sicher die größere Herausforderung als die Übernachtungszahlen.

* Klaus Berger ist der Präsident des Hoteliers- und Gastwirteverbandes (HGV).

Ausgabe 23-26, Seite 2

Christian Pfeifer

Christian Pfeifer

Erste journalistische Gehversuche bei der Tageszeitung "Alto Adige", seit 1995 bei der SWZ, seit 2015 deren Chefredakteur. Moderiert nebenberuflich das Wirtschaftsmagazin Trend im Fernsehen von Rai Südtirol. Findet Ausgleich bei seiner Familie und beim Sport, vorwiegend bei Tennis, Ski und Langlauf.

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