Bozen/Meran – Es sind Bilder, die widersprüchlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite ein Wohnmobil, das einsam am Rande einer Bergwiese steht, der Blick schweift über die Dolomiten. Auf der anderen Seite Stellplätze von 100 Quadratmetern, zum Teil sogar bis 600. Ausgestattet mit Privatbad, Strom- und Wasseranschluss, eingerahmt von Wellnesslandschaften mit Infinity-Pool und Panoramasauna. Camping in Südtirol ist längst nicht mehr nur Natur und Einfachheit – es ist auch Luxus und Komfort. Und es ist ein Markt, der kontinuierlich wächst.
„In Südtirol gibt es derzeit 57 Campingplätze, inklusive öffentlicher Stellplätze – für den wachsenden Markt reicht das aber nicht, besonders in Meran, Brixen oder Bruneck.“ Thomas Rinner
In Südtirol gibt es knapp 60 Camping- und Stellplätze. Laut Astat, dem Landesinstitut für Statistik, verzeichneten die Betriebe im Jahr 2024 rund zwei Millionen Übernachtungen – ein Plus von 0,36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt wurden in Südtirol 37,1 Millionen Nächtigungen gezählt. Besonders beliebt ist das Meraner Land: Mit knapp 600.000 Übernachtungen ist es laut Astat und camping.info das gefragteste Campingziel der Region.
Zum Vergleich: In Deutschland summieren sich die Campingübernachtungen laut Statistischem Bundesamt auf über 42 Millionen pro Jahr (Daten 2023/2024). Südtirol punktet jedoch mit seiner einzigartigen Mischung aus alpiner Landschaft, gelebter Tradition und zunehmend exklusiven Angeboten – ein Magnet für Camper:innen aus ganz Europa.
Die Camper und ihr Anspruch
Wer sind diese Camper:innen, die Südtirol so stark anzieht? Sie suchen Freiheit, Selbstbestimmtheit und Nähe zur Natur. Gleichzeitig wachsen ihre Ansprüche. Die Fahrzeuge werden größer, komfortabler, teurer – und mit ihnen die Erwartungen an die Infrastruktur.

Samuel Solin, Betreiber des Campingplatzes am Sonnenberg in Partschins, beschreibt die Entwicklung so: „Der Campingmarkt ist ein ständig wachsender Markt, auch in Südtirol. Nach einer kleinen Delle während der Pandemie geht es stetig bergauf. Besonders deutlich zeigt sich dabei der Trend hin zum Luxuscamping. Zudem werden die Wohnmobile immer größer – richtige fahrende Häuser. Darauf müssen sich die Campingplätze einstellen. Ein großer Trend geht sicher in Richtung Urlaub in einem Fünf-Sterne-Umfeld – mit dem eigenen Zimmer im Gepäck.“
„Ein großer Trend geht sicher in Richtung Urlaub in einem Fünf-Sterne-Umfeld – mit dem eigenen Zimmer im Gepäck.“ Samuel Solin
Solins Platz bietet XXL-Stellplätze, auf denen Camper mit über zwölf Metern Länge problemlos stehen können – versiegelt, mit Strom, Wasser und Privatbad. „Die können natürlich nicht auf Gras stehen. Für so ein Konzept muss die Infrastruktur passen“, sagt Solin. „Glücklicherweise wurde hier ohnehin eine Umgehungsstraße gebaut, die unsere Gäste nun nutzen können – sie müssen also nicht mehr durch das Dorf fahren.“ Selbst im Winter, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwindet, bleibt das Geschäft stabil. „Wir sind schon jetzt über Weihnachten ausgebucht“, erzählt er. „Das funktioniert aber nur, wenn das Umfeld stimmt: beheizte Sanitäranlagen, warme Pools, Wellnessbereiche. Die Campingmobile selbst bringen heute ohnehin alles mit – Heizung, Klimaanlage, Solarpanels. Damit sind sie technisch bestens für Wintercamping ausgestattet. Wir als Platzbetreiber müssen den passenden Rahmen schaffen.“

Zahlen mit Gewicht
Die Campingbranche in Südtirol ist längst mehr als ein Freizeitphänomen – sie hat sich zu einem gewichtigen Bestandteil des Tourismus entwickelt. Der offizielle Landesplan für Camping- und Stellplätze weist aktuell 15.403 Betten und 4.549 Stellplätze aus. Innerhalb der letzten zehn Jahre legten die Gästeankünfte auf Campingplätzen um 96 Prozent zu, während die Übernachtungen um 59 Prozent stiegen (Astat, 2014–2024). Laut den Astat-Zahlen entfielen im Vorjahr 5,6 Prozent aller touristischen Nächtigungen auf Camper.
Die Dynamik zeigt sich auch auf dem Fahrzeugmarkt: Allein zwischen 2023 und 2024 stieg die Zahl der Neuzulassungen von Wohnmobilen in Südtirol um rund zehn Prozent, so der Landesverband Camping Südtirol. Parallel dazu wächst der Mietmarkt – viele Reisende möchten das Campingerlebnis zunächst ausprobieren, bevor sie sich für ein eigenes Fahrzeug entscheiden. Thomas Rinner, Präsident der Vereinigung der Campingplatzbetreiber, erklärt: „Die Nachfrage im Campingmarkt steigt weiterhin, während die Produktion leicht zurückgeht. Das liegt daran, dass die Produktion zuvor stark ausgeweitet wurde und nun auch viele Gebraucht-Campingwagen den Markt fluten. Zudem wächst der Mietmarkt, da viele Menschen Camping zunächst ausprobieren möchten, bevor sie sich für ein eigenes Fahrzeug entscheiden. So finden sie auch heraus, welcher Camper zu ihnen passt.“
Die Vielfalt spiegelt sich nicht nur in den Zahlen, sondern auch auf der Straße – dort prallen zwei Trends besonders deutlich aufeinander.
XXL-Mobil oder Kastenwagen

„Ein deutlicher Trend geht zu Kastenwagen und Dachzelten. Gleichzeitig boomt das Luxussegment: Wer mehrere Hunderttausend Euro für ein großes, hochwertig ausgestattetes Fahrzeug ausgibt, erwartet auch ein entsprechendes Umfeld“, so Rinner. „Hinzu kommt, dass Wohnmobile mit über zwölf Metern Länge auf klassischen Camping- oder Stellplätzen oft keinen Platz finden.“
„Wer mehrere Hunderttausend Euro für ein großes, hochwertig ausgestattetes Fahrzeug ausgibt, erwartet auch ein entsprechendes Umfeld.“ Thomas Rinner
Damit treffen zwei Welten aufeinander: die jungen, flexiblen Camper mit minimalistischen Fahrzeugen – und die Luxus-Camper, die Fünf-Sterne-Komfort erwarten. Südtirol versucht, beidem gerecht zu werden: mit Naturplätzen am Berg, in Tälern und an Seen, aber auch mit hochpreisigen, neuen Resorts in Meran oder den Dolomiten.
Hürden im Ausbau
So selbstverständlich, wie es für Gäste wirkt, ist der Ausbau neuer Plätze jedoch nicht. In Südtirol gilt Bettenstopp – und der betrifft auch Campingplätze. Ein Stellplatz entspricht drei Betten, wie es das Astat-Regelwerk im Landesplan 2023 festhält. Das bremst die Entwicklung. Samuel Solin erklärt: „Der Ausbau am Sonnenberg war nur möglich, weil unsere Genehmigungen noch aus dem Jahr 2014 stammten. Sonst hätten wir kaum Chancen gehabt. Ich bin überzeugt, dass man Stellplätze und Betten klar trennen müsste. Momentan ist das Verfahren sehr kompliziert und zeitaufwendig. Gemeinden können zwar um Betten ansuchen, wenn ein neuer Platz entstehen soll, aber praktikabel ist das so nicht.“
Die Folge dieser Regelung ist vielerorts ein Engpass, wie auch Thomas Rinner bestätigt: „In Südtirol gibt es derzeit 57 Campingplätze inklusive öffentlicher Stellplätze. Für den wachsenden Markt reicht das jedoch nicht. Besonders in stark frequentierten Regionen wie Meran, Brixen oder Bruneck braucht es dringend zusätzliche Wohnmobil-Stellplätze. Die zuletzt neu entstandenen Campingplätze – etwa Sonnenberg, Deutschnofen oder Antholz – konnten nur dank alter Konzessionen umgesetzt werden. Derzeit ist so etwas kaum möglich.“
Damit ist auch ein anderes Thema eng verbunden: Wenn offizieller Ausbau nur schwer vorankommt, rückt automatisch das Wildcamping stärker in den Mittelpunkt – eine Praxis, die in Südtirol längst Teil der Realität ist.
Problematische Freiheit

Dass Camper die Freiheit lieben, ist unbestritten. Doch nicht selten führt genau diese Sehnsucht zu Konflikten. Viele wollen frei in der Natur stehen, abseits der Regeln – ein Bild, das zu Südtirols Landschaft passt, aber für Gemeinden zunehmend zum Problem wird.
„Viele Wohnmobilisten wollen frei in der Natur stehen und glauben, sich mit dem Camper grenzenlose Freiheit gekauft zu haben. Doch auch diese Urlaubsform unterliegt Regeln.“ Thomas Rinner
„Wildcamping ist bei uns ein großes Problem“, so Thomas Rinner. „Viele Wohnmobilisten wollen frei in der Natur stehen und glauben, sich mit dem Camper grenzenlose Freiheit gekauft zu haben. Doch auch diese Urlaubsform unterliegt Regeln. Die Politik hat hier 20 Jahre geschlafen. Jetzt braucht es dringend Lösungen. Der Bürgermeister von Wolkenstein ist bereits vorangegangen – wir werden sehen, ob er damit einen Präzedenzfall für andere Gemeinden schafft.“ Wolkenstein hat als erste Gemeinde in Südtirol ein striktes Wildcamping-Verbot erlassen und droht bei Verstößen mit Geldstrafen und Abschleppmaßnahmen. Zugleich prüft die Gemeinde die Einrichtung offizieller Stellplätze.
Camping 2030
Südtirols Campingwelt bewegt sich zwischen Tradition und Innovation, zwischen Freiheit und Reglementierung. Das Landestourismuskonzept 2030 fordert ein Gleichgewicht zwischen Wachstum, Nachhaltigkeit und Landschaftsschutz. Neue Formen wie Agri-Camping auf Bauernhöfen, unterstützt vom Bauernbund und politisch vorangetrieben vom ehemaligen Abgeordneten Peter Faistnauer (Perspektiven für Südtirol), sollen das Angebot erweitern, während einige etablierte Resorts weiter in Luxus, Wellness und digitale Infrastruktur investieren.
Am Ende bleibt Camping ein Spiegel seiner Gäste: Sehnsüchtige nach Natur und Freiheit, Suchende nach Komfort und Struktur. Die Mischung macht Südtirol einzigartig – auch wenn die Balance zwischen Luxus, Nachhaltigkeit und Reglementierung immer wieder neu gefunden werden muss.
















