Europa hat sich in den letzten gut 20 Jahren verändert, die politische Landkarte ist bunter geworden. Die Entstehung zahlreicher neuer Staaten und die deutsche Wiedervereinigung haben gezeigt, dass unter bestimmten Bedingungen nichts unabänderlich ist. Dazu kommt, dass Großbritannien den Schotten zugestanden hat, im kommenden Jahr eine Volksabstimmung über ihren Verbleib im Vereinigten Königreich abzuhalten. Dies nährt die Hoffnung mancher Völker oder Volksgruppen bzw. Teilen davon, unabhängig von den Staaten zu werden, denen sie aufgrund bestimmter geschichtlicher Ereignisse angehören. Katalanen, Basken, Flamen oder auch Südtiroler liebäugeln mit dem, was sie Freiheit nennen. An der Veranstaltung der Schützen unter dem Motto „iatz! Mehr Freiheit und Unabhängigkeit“ in Meran haben sogar Bayern teilgenommen, die in der Abnabelung von Berlin etwas sehen, für das einzusetzen sich lohnt.
Allerdings verbirgt sich hinter dem friedlich-folkloristischen Aufmarsch jede Menge Zünd- und Sprengstoff. Was den ehemaligen Ostblockstaaten in den Schoß gefallen ist und den Schotten mit Einwilligung Londons gelingen könnte, ist weder rechtlich durchsetzbar noch politisch reproduzierbar. Manche Staaten werden alles unternehmen, um Abspaltungen zu verhindern, und sie werden in der EU Partner finden, die sie in diesem Widerstand unterstützen, da im Endeffekt eine Rückfall in eine Kleinstaaterei droht statt ein Zusammenrücken Europas als Gegengewicht zu den USA und China.
In Südtirol ist zuletzt die Zahl derer, die nach Unabhängigkeit von Italien streben, angewachsen, nicht so sehr aus Unzufriedenheit mit der Autonomie, die zwischen die Mühlsteine der Sanierungsbestrebungen geraten ist, sondern ganz einfach deshalb, weil mehr Menschen davon überzeugt werden können, dass sie in diesem Krisenstaat keine Zukunft haben. Der Wunsch verstellt allerdings gern den Blick für die Realität: Grenzveränderungen sind nur in Ausnahmesituationen denkbar (und die ist derzeit nicht gegeben) – und ein autonomes Land wie Südtirol riskiert den Spatz in der Hand, wenn es nach der Taube auf dem Dach greift.

















