Bozen – Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass die Landesregierung ihr Okay zu einem umstrittenen Thema gab: Agrivoltaik. Über Jahre war darüber in Südtirol diskutiert worden. Gegner:innen argumentieren damit, dass es auf versiegelten Flächen wie Dächern oder Parkplätzen genug Potenzial gäbe; Befürworter:innen finden, Südtirol sollte jede Gelegenheit nutzen, saubere Energie zu erzeugen.
Am 14. Juli des vergangenen Jahres erlaubte die Landesregierung schließlich Agrivoltaik. Gleichzeitig legte sie zahlreiche Einschränkungen fest. Darunter: Agrivoltaik ist in Südtirol nur auf Obstbauflächen erlaubt (über Äpfel, Birnen, Kirschen, Aprikosen oder Pflaumen), die nicht mehr als 75 Meter oberhalb von Etsch oder Eisack liegen und deren Neigung maximal zehn Prozent beträgt. Die zwei letztgenannten Kriterien focht ein Bauer aus dem Eisacktal an – und das Verwaltungsgericht gab ihm Mitte Juni recht (siehe für vertiefende Überlegungen dazu). Die Begründungen für die beiden Einschränkungen seien mangelhaft, lautete im Kern die Argumentation des Verwaltungsgerichts.
„Zurzeit wird das Urteil analysiert“, sagt Energie- und Umweltlandesrat Peter Brunner zur SWZ. Anfangs stand ein Rekurs vor dem Staatsrat im Raum. „Momentan sieht es aber danach aus, als würden wir keinen Rekurs einlegen, sondern die Richtlinien so überarbeiten, dass sie rechtlich standhalten.“
Kaum Interesse vorhanden
An den grundsätzlichen Kriterien, Agrivoltaik nur in der Talsohle und auf Hängen mit geringer Neigung zu erlauben, beabsichtigt die Landesregierung laut Brunner festzuhalten. Dadurch soll einerseits eine weitere nachhaltige Energiequelle erschlossen werden, andererseits aber auch die Landschaft geschützt werden. Der Rekurs, sagt Brunner, sei „kein Beinbruch“, zumal keine Projekte in den Startlöchern stehen und der Druck, schnelle Lösungen zu finden, entsprechend klein sei. Brunner: „Das Interesse geht momentan Richtung null.“
Ähnliches beobachtet auch Matthias Bertagnolli, Leiter der Abteilung Innovation und Energie im Südtiroler Bauernbund: „Ich weiß von keinem Agrivoltaik-Projekt, abgesehen vom Versuchsprojekt der Laimburg, das im vergangenen Jahr realisiert wurde.“ Einige Landwirtinnen und Landwirte zeigten sehr wohl Interesse an Agrivoltaik – nur eine Anlage bauen wolle bis dato niemand. Michael Niederkofler vom Photovoltaik-Anbieter Soletec erzählt, sein Unternehmen habe bislang eine einzige Anfrage für eine Agrivoltaik-Anlage erhalten. „Am Ende ist daraus aber nichts geworden.“
Zu teuer, viele Fragezeichen
Als Hauptgrund, weshalb in Südtirol Agrivoltaik noch nicht richtig Fuß gefasst hat, werden immer wieder die hohen Kosten genannt. Im vergangenen Jahr sagte Bertagnolli zur SWZ, in der Regel würden die Investitionskosten etwa eine Million Euro pro Hektar betragen. Bei kleineren Flächen genauso wie bei solchen weit abseits von vorhandener Infrastruktur seien die Kosten noch höher. An der durchschnittlichen Summe von einer Million Euro pro Hektar hat sich laut Bertagnolli nichts geändert, „auch wenn in diesem Bereich viel innoviert wird“. Es gebe zwar einige innovative Ideen, etwa Seilzüge anstelle der (teuren) Stahlkonstruktionen zu verbauen, allerdings steckten diese noch in den Kinderschuhen.
Neben den Kosten ist die Wirtschaftlichkeit von Agrivoltaik in Südtirols kleinstrukturierter Landwirtschaft eine große Unbekannte.
„Die Projekte sind schon deshalb teurer als normale PV-Anlagen, weil die Paneele mehrere Meter über dem Boden montiert werden müssen, anstatt auf dem Boden oder auf vorhandenen Strukturen“, weiß Michael Niederkofler. Dazu kommt: Lichtdurchlässige Module, die zum Einsatz kommen, damit die Obstbäume noch genug Sonne bekommen, sind weniger effizient – und obendrein noch teurer. Laut Niederkofler erreicht ein Standardmodul eine Leistung von 475 Wattpeak (Wattpeak ist die Maßeinheit für die maximale Leistung der Zellen unter idealen Testbedingungen). Vergleichbare lichtdurchlässige Module erreichen hingegen 300 bis 320 Wattpeak, kosten aber etwa doppelt so viel.
Weiterhin keine Förderbeiträge
Was Agrivoltaik darüber hinaus weniger attraktiv macht als herkömmliche PV-Anlagen: Landwirtinnen und Landwirte müssen die Kosten zu 100 Prozent selbst tragen. Förderbeiträge gibt es keine. In der Vergangenheit gab es im Rahmen des staatlichen Wiederaufbauplans PNRR eine Fördermöglichkeit, allerdings lief diese im Herbst aus, Südtirol war mit seinen Richtlinien zu spät dran.
Landesrat Brunner rechnet damit, dass Italien oder die EU früher oder später eine neue Förderschiene für Photovoltaik über landwirtschaftlichen Flächen öffnen werden. Eine Förderung vonseiten des Landes sei hingegen nicht angedacht. Brunner: „Die notwendigen Summen sind dafür schlicht zu groß. Es bräuchte mindestens 30, wenn nicht sogar 50-prozentige Förderungen, weil geringere Beiträge wohl nicht attraktiv wären.“ Bei Investitionskosten von einer Million Euro pro Hektar beliefe sich die Förderung eines Projekts schnell auf mehrere Hunderttausend Euro. Trotz wachsendem Haushalt sei das für das Land nicht zu stemmen.
Ein Projekt zur Wirtschaftlichkeit
Eine weitere große Unbekannte neben den Kosten ist die Wirtschaftlichkeit von Agrivoltaik in Südtirols kleinstrukturierter Landwirtschaft. „Bei manchen Anbietern von Agrivoltaik wird die Technologie ab fünf oder zehn Hektar interessant. Über solche Flächen verfügen in Südtirol aber kaum Betriebe“, sagt Bertagnolli.
Noch immer sei unklar, ob sich langfristig nur große Anlagen rentieren, die einen Hektar oder mehr umfassen, oder ob auch kleine interessant sein können, wo die Infrastruktur es zulässt. Antworten darauf soll ein gemeinsames Projekt von Alperia, Eurac Research, dem Versuchszentrum Laimburg und dem SBB liefern. Dieses steht laut Bertagnolli bereits in den Startlöchern. „Wir möchten herausfinden, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, damit eine Anlage wirtschaftlich interessant ist“, erklärt er. Unter anderem wollen sich die Projektpartner mit Dienstleistern über günstigere Lösungen austauschen.
Wie wirkt sich PV auf die Äpfel darunter aus?
Ein zweites Projekt befasst sich hingegen mit einer weiteren, noch weitgehend offenen Frage, nämlich mit den Auswirkungen der PV-Anlagen auf die Bäume darunter. Im Rahmen des Projekts „Symbiosyst“, an dem Eurac Research, der SBB und das Versuchszentrum Laimburg beteiligt sind, wurde im vergangenen Jahr eine Pilotanlage über Apfelbäumen in Auer eingerichtet. Sie umfasst 3.000 Quadratmeter und erreicht eine Spitzenleistung von 70 Kilowatt. Der Stromertrag würde für 20 Haushalte reichen.
Im Herbst wurden die ersten Äpfel – unter den Paneelen wachsen Äpfel der Sorte Ipador / Giga – der Pilotanlage geerntet. Welche Erkenntnisse haben die Forschenden mit dieser ersten Ernte bereits gewinnen können? Walter Guerra, Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau, hält sich noch bedeckt: „Wir können nach diesem ersten Jahr sagen, dass Agrivoltaik Potenzial hat und die Paneele keine Totalreduktion der Kultur darunter zur Folge haben.“ Um zu wissen, wie stark sich die Struktur auf Ertrag, Ausfärbung, Qualität und weitere Merkmale auswirkt, sei es noch zu früh. „Es gibt sehr viele Variablen wie die Sorte, die Beschattung oder den Standort einer Anlage. Deshalb wird es wohl auch in Zukunft so schnell keine Standardantwort darauf geben, welche Art von Anlagen wo gut funktioniert“, sagt Guerra.
In Zukunft könnte die Nachfrage wachsen
Trotz noch vieler offener Fragen glaubt Landesrat Brunner an eine steigende Nachfrage, sobald diese noch recht neue Technologie finanziell attraktiver wird. Dass die Diskussion rund um Agrivoltaik zu früh geführt wurde, weil ohnehin kaum Interesse besteht, findet Brunner nicht. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wenn es Finanzierungen gibt, ist Südtirol bereit.“
Bertagnolli geht ebenfalls von mehr Nachfrage aus, wenn Agrivoltaik einmal finanziell interessanter wird. „Leute, die in den vergangenen Jahren die Befürchtung geäußert haben, dass im Obstbau flächendeckend Photovoltaik-Paneele installiert werden, können aber beruhigt sein. So schnell wird das nicht passieren.“
Dieser Artikel erschien in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel: „Fast null Interesse“

















