Fabian Dalpiaz: Nur der Mann im Mond schaut zu

Kastelruth – „Great autumn morning“ – großartiger Herbstmorgen hat Fabian Dalpiaz eines seiner liebsten Fotos genannt. Es zeigt die Seiser Alm mit Blick auf den Sellastock. Platt- und Langkofel sind zu sehen, links am Himmel der Mond, rechts eine Sternschnuppe. Mit der Aufnahme gewann Dalpiaz 2018 den internationalen Fotowettbewerb „Astronomy Photographer of the Year“ in der Kategorie „Young Competition“. 186 Konkurrenten aus aller Welt ließ er dabei hinter sich und erhielt 5.000 Pfund Preisgeld.

In ihrem Urteil würdigte die Jury die Leistung des damals 16-Jährigen: „An einem frühen Montagmorgen beschloss Dalpiaz, rauszugehen und Fotos zu machen, bevor er einen Test in der Schule hatte. Mit einem 50mm-Objektiv hatte der Fotograf Glück und hielt dieses unglaubliche Foto eines Meteors fest, der über die Dolomiten hinwegflog. Auf der linken Seite des Bildes leuchtet der Mond über der atemberaubenden Landschaft der Seiser Alm mit den Herbstfarben, die nur zu 13,5 Prozent beleuchtet wurden.“ Es war der bisherige Höhepunkt im Aufstieg eines jungen Talents, nachdem er sich bereits im Jahr zuvor den dritten Platz bei ebendiesem Wettbewerb gesichert hatte.

Alles selbst beigebracht

Dalpiaz, Jahrgang 2002, wuchs mit seiner jüngeren Schwester in Kastelruth auf. Seine Mutter ist Kindergärtnerin, der Vater arbeitet als Rezeptionist auf einem Campingplatz und auch als Busfahrer. Derzeit besucht er die vierte Klasse der Landesberufsschule für Handel und Grafik Gutenberg in Bozen. Mit Fotografie habe in der Verwandtschaft bis auf ihn selbst niemand etwas am Hut, erklärt Dalpiaz. Seine Leidenschaft entdeckte er im Alter von 13 Jahren – eine „hetzige Gschicht“, wie er sagt. „Irgendwie war ich in keinem Bereich so richtig gut.“ Er probierte verschiedene Sportarten aus, fand aber nicht das Passende. Bis er schließlich ein Zeitraffervideo mit dem Handy drehte und vom Ergebnis angetan war.

Einige Monate und viele YouTube-Tutorials später kaufte er seine erste Spiegelreflexkamera. „Ich habe mir alles selbst beigebracht. Nachdem ich fast alle deutschen Videos zum Thema Fotografie angeschaut hatte, habe ich mir die englischen vorgenommen.“ Gelernt hat er vor allem eines: Die Wahl der Kamera ist zweitrangig. Mittlerweile mache dieser das Handy Konkurrenz, zumindest aus technischer Sicht. „Die Kamera ist nur das Werkzeug, entscheidend ist der Blick des Fotografen.“

Am liebsten lichtet Dalpiaz die Natur ab, vor allem nachts, wenn der Himmel voller Sterne steht. Schon als kleines Kind faszinierte ihn die Astronomie, seine Schultasche zierten Weltraummotive. Auf dem Hof seiner Großmutter fand er die idealen Bedingungen zum Sternebeobachten. Weit weg von öffentlichen Beleuchtungen steht der Hof in tiefe Dunkelheit gehüllt, die dem kleinen Fabian schon mal Angst einjagte.

 Seiser Alm mit Blick auf den Sellastock. Platt- und Langkofel sind zu sehen, links am Himmel der Mond, rechts eine Sternschnuppe
Mit diesem Foto gewann Dalpiaz den Wettbewerb „Astronomy Photographer of the Year“ in der Kategorie „Young Competition“ (Foto: © Fabian Dalpiaz)

5.000 Kilometer mit dem E-Bike zu den schönsten Fotospots

Wo Dalpiaz sein Stativ aufstellt, ist das Ergebnis detaillierter Planung. Mögliche Plätze besichtigt er mindestens einmal im Voraus, ohne Kamera, dafür mit dem Handy. „Fotografien“, sagt er, „sollen Emotionen auslösen und eine Situation noch einmal erlebbar machen.“ Ziel sei es, so zu fotografieren, dass die Nachbearbeitung nur mehr zum Feinschliff benötigt wird. „Wenn die Natur kein gutes Licht macht, kann ich das im Nachhinein auch nicht.“ Deshalb verbringt Dalpiaz im Schnitt vier bis fünf Stunden für die Vorbereitung eines Fotos, für dessen Bearbeitung hingegen nur 30 Minuten.

Früher brachten ihn noch oft seine Eltern mit dem Auto von A nach B – oder er ging zu Fuß.

Heute legt Dalpiaz die Strecken mit dem E-Bike zurück. 5.000 Kilometer ist er in den vergangenen zwei Jahren gefahren. Für dieses Jahr hat Dalpiaz sich vorgenommen, aufs Mountainbike umzusatteln. Nach der Erstbesichtigung heißt es warten. Zum einen muss das Wetter stimmen, zum anderen beinhalten viele Projekte des Kastelruthers bestimmte astronomische Gegebenheiten, wie etwa den Mond auf seinem Siegerfoto.

Nicht immer läuft alles wie geplant. Mal fliegt ein Flugzeug vorbei und hinterlässt Kondensstreifen, die nicht ins Bild passen. Mal ist eine Kirche, die aufs Foto soll, nachts beleuchtet. Aufgeben kommt für Dalpiaz in solchen Fällen aber keineswegs infrage. Eines seiner Projekte hat insgesamt zwei Jahre in Anspruch genommen. „Ich wollte in Gröden die St.- Jakobs-Kirche und die Milchstraße fotografieren, doch das Wetter hat nicht mitgespielt. Bis die Milchstraße wieder in der richtigen Position war, hat es lange gedauert“, erklärt Dalpiaz.

Seine Zielstrebigkeit sei eine seiner größten Stärken. „Wenn ich etwas im Kopf habe, ziehe ich es durch. Danach habe ich umso mehr Freude damit.“ Wenn nachts um drei der Wecker klingelt, ist er zu jeder Jahreszeit schnell aus dem Bett. Die passende Kleidung schützt ihn vor Wind und Wetter – zumindest teilweise. „An die Kälte gewöhnen kann ich mich zwar nicht, aber zumindest daran, zu kalt zu haben.“

Not macht erfinderisch

Neben seiner Geduld und Zielstrebigkeit verlangt Dalpiaz‘ Hobby oft auch eine Prise Einfallsreichtum. Schon lange wollte Dalpiaz ein Foto vom Völser Weiher mit der Milchstraße über dem Schlern, doch die Bäume am Ufer verdeckten einen Großteil des Himmels. Bei einer Vorabbesichtigung entdeckte er einen kleinen Steg. „Fürs Shooting bin ich dann mit Brettern und einer Palette zurückgekommen.“ Aus diesen baute er sich eine Plattform, von der aus er das Motiv aus einer neuen Perspektive einfangen konnte. „Das wird mir so schnell niemand nachmachen“, freut sich der 17-Jährige.

Der Völser Weiher, der Schlern und die Milchstraße (Foto: © Fabian Dalpiaz)

Über diese und andere Erlebnisse seiner nächtlichen Touren hält Dalpiaz Vorträge. „Ich erzähle die Geschichten hinter den Fotos.“ Das mache ihm Spaß, im Grunde sogar gleich viel wie das Fotografieren. 2019 war er gemeinsam mit Life-Coach Stefan Braito in ganz Südtirol unterwegs. Braito stellte sein Buch „Dolomitenstille“ vor, Dalpiaz seine Bilder. Derzeit und noch bis 6. Juni sind einige seiner schönsten Aufnahmen im Planetarium Südtirol in Gummer zu sehen.

Dass ihm das Präsentieren liegt, wundert Dalpiaz selbst ein wenig, denn eigentlich sei er eher ein Einzelgänger. Gruppenarbeiten in der Schule, verrät er, sind nicht sein Ding. Und bei seinen Touren ist er am liebsten ganz alleine unterwegs. „Ich suche die Stille“, sagt er.

Viele Projekte geplant

Immer öfter kommen auch Hotelzimmer, Wellnessbereiche und Co. vor seine Linse. Speziell auf Kunden zugeschnittene Bilder seien wichtig für die Kommunikation nach außen, erklärt der Kastelruther. Sie müssen harmonisch sein und die Philosophie des Unternehmens widerspiegeln. „Zu einem Hotel, das für Ruhe und Entspannung steht, passt weiches Licht. Unruhige Elemente gehören hingegen nicht ins Bild.“

Noch sind die Aufträge ein Nebenerwerb. Endgültig als Berufsfotograf durchstarten möchte Dalpiaz nach der Matura. Erst mal freut er sich aber auf den Sommer. Dann nämlich kann er den Führerschein machen und den Radius für seine Touren deutlich erweitern. „Ich habe schon ganz viele Projekte auf meiner Liste“, verrät er. Über die Südtiroler Landesgrenzen hinaus möchte er vorerst nicht. Er sei „nicht der Typ“ fürs Reisen. Denn: „Es gibt so viele schöne Orte bei uns. Ich hätte in Südtirol ein Leben lang genug zu tun.“

Mehrere Fotos vom sogenannten Blutmond fügte Dalpiaz zu dieser Aufnahme zusammen (Foto: © Fabian Dalpiaz)

Die Serie In der Serie „Jung und hungrig“ stellt die SWZ junge Menschen in und aus Südtirol mit den verschiedensten Lebensläufen vor. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie sind jung und hungrig nach Erfolg. Alle Artikel können auf SWZonline oder über die SWZapp nachgelesen werden.

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