Wissen gilt in der Wissensgesellschaft als primäre Quelle zur Schaffung von Wohlstand und zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit. Die aktuelle Diskussion rund um die einzelbetrieblichen Landesbeiträge für die Einstellung von Hochqualifizierten erinnert mich an das 3. Global Forum Südtirol 2011 mit dem Titel „Vision Südtirol – Land der klugen Köpfe. Wo stehen wir und was können wir von den Besten lernen?“. Die wirtschaftsliberalen Kernbotschaften hinsichtlich nachhaltiger und zukunftsträchtiger Forschungs- und Innovationspolitik, um im globalen Wettstreit um Talente zu bestehen, waren: die Verstärkung der internationalen Vernetzung, die Definition und Konzentration auf strategische Kompetenz- und Forschungsschwerpunkte mit „Leuchtturmcharakter“ und vorwettbewerbliche und keine einzelbetriebliche Innovationsförderung.
Grundsätzlich sind innovationsfördernde Maßnahmen, insbesondere in Hinblick auf die aktuell schwierige Wirtschaftslage, begrüßenswert. Diese sollten aus meiner Sicht einer wirtschaftsliberalen Logik folgen und bedürfen einer nachhaltigen Ausrichtung hinsichtlich volkswirtschaftlicher Sinnhaftigkeit und Nutzenstiftung. Folgende Aspekte scheinen mir in diesem Zusammenhang relevant:
Innovations- und forschungsintensive Südtiroler Unternehmen konkurrieren erfolgreich auf den Weltmärkten, sowohl hinsichtlich Preisbildung ihrer Produkte und Dienstleistungen, als auch was den Einsatz ihrer Betriebsmittel angeht. Aus welchem Grund soll das Betriebsmittel hochqualifizierter Arbeitskräfte nicht dieser Angebots- und Nachfragelogik folgen? Unternehmen, die Forschung & Innovation in ihr DNA verankert haben, richten ihre langfristigen strategischen Entscheide ohnehin nicht nach kurzfristig ausgerichteten Anreizen aus.
Bekanntlich sind die Folgen der Abwanderung von Humankapital sowohl in finanzieller als auch in soziokultureller Hinsicht beträchtlich. Südtirol sollte sich jedoch nicht darauf versteifen, in der Verhinderung des „Brain Drains“ und in der Rückholung von hochqualifizierten Südtirolern im Ausland aus den Bereichen Forschung und Innovation eine Priorität zu sehen.
Vielmehr bedarf es einer langfristig ausgerichteten wirtschaftspolitischen Zukunftsvision und -strategie auf ausgewählte Stärken- und Kompetenzfelder, in denen Südtirol weltweit einzigartig ist. Diese sollten global vermarktet werden, sodass im Sinne einer „Brain Circulation“ von Hochqualifizierten, egal ob Südtiroler oder Nicht-Südtiroler, Südtirol samt privaten und beruflichen Perspektiven als attraktiver Standort wahrgenommen wird.
Die landschaftliche Schönheit und Entlohnung alleine reichen nicht aus, um die besten Talente anzuziehen, vielmehr spielen andere „Pull-Faktoren“ eine wesentliche Rolle. Der Zuzug hochqualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland ist somit eine notwendige und unausweichliche Entwicklungsstrategie.
Dank des Wohlstandes, steigender Mobilität, individueller Freiheit, interessanterer Ausbildungs- und Arbeitsplätze und der hohen Anziehungskraft von Metropolregionen, suchen immer mehr neugierige junge Südtiroler Akademiker und Forscher den freiwilligen Weg ins Ausland. Dies ist prinzipiell zu begrüßen und unterstützenswert. Von diesem Talentexport kann Südtirol nicht nur bei einer Rückkehr profitieren, sondern auch bei Vorhandensein von Netzwerken, die den Wissens- und Kontaktaustausch zur Wirtschaft und zu Forschungseinrichtungen fördern. Vernetzung ist heutzutage wichtiger als räumliche Nähe. Das Netzwerk Südstern sei in diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert – man denke nur an die Multiplikator- und Botschafterfunktion, die sich aufgrund der meist stark ausgeprägten Bindung zur Heimat, nicht nur auf einen Innovations- und Wissenstransfer auswirkt.
Von strategischer Bedeutung erscheint mir auch eine Bestandsaufnahme, sowohl hinsichtlich des Saldos der Zu- und Abwanderung, als auch des konkreten Bedarfs (je nach Sektoren) von Hochqualifizierten vonseiten der Wirtschaft. Was für die einen Regionen, ob klein oder groß, „Brain Drain“ bedeutet, ist für die anderen nämlich „Brain Gain“. Bei einer zunehmend wissensbasierten wirtschaftlichen Entwicklung dürfte eine langfristig negative Wanderungsbilanz – insbesondere bei hochqualifizierten Fachkräften oder Spitzenwissenschaftlern – nicht ohne Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Regionen bleiben. Ist dieser Saldo für Südtirol positiv oder negativ, und wie sieht dieser in den verschiedenen Sektoren aus?
Am kommenden 3. Oktober wird an der Freien Universität Bozen das 6. Global Forum Südtirol unter dem Titel „Kanton Südtirol – Utopie oder Modell?“ stattfinden, mit dem Anspruch, Impulse für die Zukunft Südtirols zu generieren. Wir werden also einen Blick auf die Schweiz werfen, die aufgrund einer hohen Dichte hochqualifizierter Arbeitskräfte sowie innovationslastiger Unternehmen und Organisationen zu den führenden Innovationsstandorten der Welt gehört. Der Aspekt der liberalen Wirtschaftspolitik spielt dabei, neben anderen zentralen Bausteinen des Schweizer Kantonsmodells, eine wesentliche Rolle. Ein gutes Omen?
Der Autor: Christian Girardi ist Gründer und Organisator des Global Forum Südtirol. Der Neumarkter lebt und arbeitet im Schweizer Kanton Zug.















