Bozen – Am Montag hat Thomas Schäl seine Arbeit als Generaldirektor des Südtiroler Sanitätsbetriebs aufgenommen. Der 53 Jahre alte Manager stammt aus Schalksmühle in Nordrhein-Westfalen, ist aber seit gut 25 Jahren in Italien tätig. Er gilt als Fachmann in der Konzeption, Führung und Kostenoptimierung auch in öffentlichen Gesundheitsbetrieben. Das italienische Gesundheitsministerium hat ihn auch als Sanierer eingesetzt. Nun: Ein Sanierungsfall ist der Südtiroler Sanitätsbetrieb nicht, aber es stehen doch tief greifende Reformen und Veränderungen an, die nicht einfach sind, weil sich an der Schnittstelle der Entscheidungen betriebswirtschaftlich Vernünftiges und politisch Opportunes vermischt. Eine Fachkommission hat Schäl ausgewählt, und vieles spricht dafür, dass sie eine gute Wahl getroffen hat. Dass Schäl etwas verändern will und sich erwartet, dies tun zu dürfen, verrät sein Hinweis im Rahmen der Amtseinführung, er sei aufgrund seiner Erfahrungen im sogenannten Change Management ausgewählt worden. Veränderungs- und Verbesserungsbedarf erblickt er unter anderem in der Rolle und der (heute zu großen) Autonomie der Bezirke und im Bereich Informatik (in dem arg gesündigt worden ist).
Die allerersten Arbeitstage haben nach Einschätzung von Insidern schon gezeigt, dass Schäl energisch und gezielt vorgeht. Und Landesrätin Martha Stocker gab sich überzeugt, dass Südtirol ein Blick von außen gut, tut. Die Frage ist: Lässt man ihn gewähren? Steht die Politik hinter ihm, wenn heilige Kühe geschlachtet werden müssen? Kennt er die Mentalität der Südtiroler, die nicht begriffen haben, dass das Wunschkonzert von einst ausgedient hat und vom Fach Finanzmathematik überlagert wird? Werden rasch die gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst, so dass der Generaldirektor diesen Namen verdient, weil er Weisungsbefugnis hat? Oder muss er sich der Macht der Südtiroler Verhältnisse beugen? Findet er die Flinte, die Andreas Fabi ungebraucht ins Korn geworfen hat, setzt er sich durch, oder wird er als „Piefke“ mit levantinischen Erfahrungen verschrien?
Nun: Thomas Schäl muss nicht bange sein, denn es gibt eine Reihe von Beispielen, die zeigen, wie erfolgreich ausländische Führungskräfte hierzulande sein können. Dazu zählen Gerhard Dichgans, der Direktor des Verbandes der Obstgenossenschaften, und Johannes Schneebacher, der Generaldirektor der Südtiroler Volksbank.
Gerhard Dichgans (62) wurde in Leverkusen geboren, ist aber früh mit seiner Familie nach Mailand gezogen. Seit nunmehr 30 Jahren ist er bei der VOG, zuerst in leitender Stellung im Verkauf, dann als Direktor unter verschiedenen Obmännern, die alle mit ihm konnten – und mit denen er konnte. Dies dürfte einerseits auf sein angenehmes, unaufdringliches Wesen zurückzuführen sein und die Art und Weise, wie er Südtirol verinnerlicht hat und dabei doch er selbst geblieben ist, anderseits darauf, dass er in der einheimischen Obstwirtschaft Akzente gesetzt und viel bewegt hat. Dichgans gilt heute in der Apfelbranche weit über die Südtiroler Grenzen hinaus als absoluter Experte, der auf Fachveranstaltungen referiert und von Fachzeitungen interviewt und porträtiert wird.
Auf der ganzen Linie durchgesetzt hat sich auch Johannes Schneebacher. Der 54-jährige Österreicher hat Rechtswissenschaften in Graz studiert und ist als junger Mann im Jahr 1988 zur Raiffeisen Landesbank gekommen, wo er in verschiedenen Positionen tätig war, bis er mit 1. März 1999 zum Generaldirektor aufstieg. Schon mit Jänner 2001 wechselte er aber zur Südtiroler Volksbank, die er nunmehr seit 14 Jahren leitet. Schneebacher ist wie Dichgans nicht zum Südtiroler mutiert, aber er kennt Land und Leute sehr gut und weiß, wie letztere gewickelt sind. Dabei hatte er es nicht immer leicht, denn es gab zu Beginn auch Widerstände gegen seine Bemühungen, industrielle Prozesse in der Bank zu implementieren. Schneebacher hat die geografische Ausdehnung nach Süden mit einer Strategie der flächendeckenden Versorgung einzelner Gebiete begleitet, und mit der Eingliederung durch Fusion der Popolare di Marostica hat diese Entwicklung vor wenigen Wochen ihren letzten Höhepunkt erreicht. Schneebacher sitzt bei der Volksbank heute fest im Sattel. Diese hat nämlich zwar in der Wirtschaftskrise auch gelitten, so dass ihre Aktien eine Zeit lang schwer verkäuflich waren, und sie hat die Expansion in andere Provinzen auch mit Kredit- ausfällen bezahlt, aber unterm Strich stand auch in harten Jahren immer ein ansprechendes Geschäftsergebnis.
Genau dies hat Peter Schedl (46) nicht zustande gebracht. Der in Stuttgart geborene deutsche Bankfachmann mit Karriere innerhalb der Deutschen Bank (auch in Mailand) wurde 2009 zum Generaldirektor der Südtiroler Sparkasse ernannt und ersetzte dort den aus den USA stammenden Timothy Brooks, der in jeder Hinsicht nie so richtig in der Bank angekommen ist und insofern glücklos agierte, als die Expansion, die der Sparkasse dann zum Verhängnis wurde, zwar vom Verwaltungsrat beschlossen worden, aber in Geschwindigkeit und Konzeption auch von ihm zu verantworten war. Als Schedl kam, nannte Plattner ihn im Magazin „Radius“ einen „mit deutscher Präzision und Seriosität arbeitenden Manager … mit einer globalen, nicht engstirnigen Sichtweise.“ Präzision und Flexibilität scheinen nichts gefruchtet zu haben, denn Schedl, der nie dementierten Meldungen zufolge 650.000 Euro brutto im Jahr verdient hat, musste im Herbst letzten Jahres gehen, nachdem klar geworden war, dass die Sparkasse einen gewaltigen Verlust einfahren würde, der eine umfassende Kapitalerhöhung notwendig macht. Schedl hat weder die Expansionsstrategie zu verantworten noch die etwas sorglose Kreditvergabe insbesondere in anderen Provinzen. Sein Vertrag wurde jedoch einseitig aufgelöst, weil ein Zeichen gesetzt werden musste und weil er die eingegangenen Risiken lange unterschätzt hat. Daneben scheint Schedl aber auch in die Ausländerfalle getappt zu sein, denn seine Art zu agieren hat intern Anstoß erregt und wurde bald als teutonisch gebrandmarkt. Anderseits musste er feststellen, dass es nicht so einfach ist, im Südtiroler Beziehungsgeflecht geradeauszumarschieren, ohne Anstoß zu erregen. Der Rausschmiss war eine Schmach, für Schedl allerdings ein Karrieresprung, denn er leitet heute die Deutsche Bank Privat- und Geschäftskunden AG und kassiert dafür angeblich ein um ein Drittel höheres Gehalt als in Südtirol. Dabei haben auch angesehene deutsche Zeitungen dieses Engagement vor dem Hintergrund des nicht schmeichelhaften Abgangs in Bozen mit Zurückhaltung aufgenommen.
Kein Glück mit Ausländern hatte aber nicht bloß die Sparkasse. Ein Fall, der Aufsehen erregt hat, war die Ernennung des gebürtigen Wieners Karl Kronsteiner zum Geschäftsführer der Südtirol Marketing Gesellschaft (SMG) ab Herbst 1999 (mit Vertrag bis Oktober 2002) und dessen Entlassung im September 2000. Dem Rausschmiss waren monatelange interne Polemiken im Verwaltungsrat vorausgegangen, und mit dem misstönigen Duo SMG-Kronsteiner befasste sich damals nach einer Anfrage der Freiheitlichen sogar der Landtag. Der SMG-Verwaltungsrat sah Lücken in Kronsteiners Lebenslauf, kreidete ihm schlechte Umgangsformen an und warf ihm eine schlechte Hand beim Verwalten vor, wie das Wochenmagazin „ff“ damals berichtete. In der Folge kam es zu einem Rechtsstreit über die Abfindung und zu einer Klage gegen Kronsteiner wegen Betrugs. Arbeitslos blieb Kronsteiner nicht: Er wurde in der Ausgleichsphase der Libro AG deren Vorstand, und heute ist er selbstständiger Berater in Wien.
Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass ausländische Führungskräfte keine Garanten für Erfolg sind, aber durchaus mit ausgezeichneten Ergebnissen arbeiten können. Dabei ist es aber immer wichtiger, einen „Draht“ zu Südtirol zu erhalten – und vielleicht auch ein wenig Stallgeruch anzunehmen.


















