Bozen – Zwischen Wachstum, Lebensqualität und Nachhaltigkeit steht Bozen vor entscheidenden Weichenstellungen. Wie soll die Stadt in den kommenden Jahrzehnten aussehen? Diese Frage steht im Zentrum des Gemeindeentwicklungsprogramms Raum und Landschaft (GProRL). Der Unternehmerverband Südtirol hat dazu den Stadtplaner Francesco Sbetti beauftragt, eine Analyse zu erstellen – Grundlage für konkrete Vorschläge der Industrieunternehmen. Ziel: eine nachhaltige Stadt, die Lebensqualität, Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit vereint.
„Es wurden 4.600 Wohnungen gebaut, doch die demografische Entwicklung bringt einen zukünftigen geschätzten Bedarf von 3.200 bis 4.000 Wohnungen mit sich. Auch die Unternehmen und ihre Beschäftigten, heute fast 67.000, sind mehr geworden.“ Francesco Sbetti
Seit dem letzten Bauleitplan sind 30 Jahre vergangen, seit dem Masterplan 15. In dieser Zeit ist Bozen stark gewachsen: Die Stadt zählt heute über 106.000 Einwohner und fast 67.000 Beschäftigte. Es wurden 4.600 Wohnungen gebaut, doch der künftige Bedarf liegt bei bis zu 4.000 zusätzlichen Einheiten.
Das Wachstum sei vor allem den industriell organisierten Betrieben zu verdanken, betont Sbetti – sie schaffen Innovation, Mehrwert und qualifizierte Arbeitsplätze. Um diese Dynamik zu sichern, braucht es laut Unternehmerverband neue Flächen und klare Strategien.
Infrastruktur und Mobilität
Bozen plant wichtige Verkehrs- und Infrastrukturprojekte, doch Prioritäten und Zeitpläne müssten klarer definiert werden. Ein koordinierter Ansatz bei den Umfahrungs- und Ringstraßen (SS12, Hörtenberg, Guntschna) soll die Erreichbarkeit verbessern.
Der öffentliche Verkehr soll zur ersten Wahl werden. Dafür braucht es Alternativen zum Auto – etwa ein durchgängiges Radwegenetz zu den Unternehmen oder neue Zughaltestellen wie in St. Jakob. Im Gewerbegebiet könnten innovative Mobilitätsformen – von Straßenbahnen bis urbanen Seilbahnen – erprobt werden.
Bozen im Großraum denken
Mit über 20.000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst ist Bozen das Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum Südtirols. Themen wie Wohnen, Mobilität und Wirtschaftsräume lassen sich aber nicht allein innerhalb der Stadtgrenzen lösen. Gefordert ist eine enge Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden – eine gemeinsame Politik für den gesamten Großraum.
Wohnen neu gedacht
Der Unternehmerverband nennt drei Wege, um dem steigenden Wohnraumbedarf zu begegnen:
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Revitalisierung leerstehender Gebäude
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Umwidmung brachliegender Flächen, etwa von Kasernen
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Neudefinition von Expansionszonen, etwa entlang der Sigmundskronerstraße oder Richtung Leifers
Das Bahnhofsareal sollte in kleinere Baulose gegliedert werden. Mehrgeschossiges Bauen könne helfen, Flächen zu schonen – allerdings ohne Verlust an Lebensqualität. Die angrenzenden Berggebiete wie Kohlern, Guntschna und Virgl sollen erhalten und durch kulturelle Initiativen aufgewertet werden.
Weitere Vorschläge zielen auf ein integriertes Wohnbaukonzept ab:
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kleinere Wohnungen für kleinere Haushalte
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leistbare Mietwohnungen für junge Menschen
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eine kommunale Vermietungsagentur zur Stabilisierung des Mietmarkts
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Trennung von Wohn- und Gewerbenutzung, mit Ausnahmen für Mitarbeiter- und Studentenunterkünfte
Platz für Produktion
Im Industriegebiet Bozen Süd sind die Produktionsflächen knapp und teuer, die Nachfrage steigt. Um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, fordert der Verband:
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Aufwertung ungenutzter Flächen in Bozen Süd und im Bozner Boden
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Klare Trennung zwischen Produktions- und Mischzonen
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Geplante Erweiterung der Industriezone, um nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen
Eine Umwidmung zu Wohnzwecken sei keine Option – mit Ausnahme von temporären Unterkünften für Mitarbeiter oder Studierende.
















