Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind derzeit weltweit mehr als 73 Millionen junge Menschen unter 25 Jahren offiziell arbeitslos. Besonders schlimm ist die Situation in den südlichen EU-Staaten, wo teilweise jeder zweite Jugendliche keinen Job mehr findet. Die Dunkelziffer ist noch höher, denn manche Schulabgänger beginnen weniger aus Neigung ein Studium, sondern nur, weil sie keine Erwerbsmöglichkeit finden. Sogar in Südtirol muss man sich Sorgen machen, denn inzwischen ist die Arbeitslosenquote der Jugendlichen auf über elf Prozent geklettert – Tendenz steigend.
Wie haben sich doch die Zeiten geändert! In den 1970er und 1980er Jahren wurden junge Leute von der Schule weg angeheuert, und auch schwach qualifizierte Kräfte fanden einen Arbeitsplatz. Ob Handwerker, Handelsvertreter, Hotelier, Architekt oder Wirtschaftsberater: in allen Bereichen stieg die Nachfrage, und wer auf diese mit einem halbwegs passenden Angebot reagierte, machte beruflich sein Glück. Die Wirtschaft wuchs, und die Gesellschaft war getragen von einem beinahe unerschütterlichen Vertrauen in die weitere Entwicklung. Für Beschäftigung sorgte auch die öffentliche Hand, die mehr und mehr Mitarbeiter einstellte – von Sachbearbeitern bis zu Akademikern jeder Gattung. Zukunftsangst war in der Regel ein Fremdwort.
Und heute? Mit jedem Tag wird deutlicher, dass vor allem junge Menschen die großen Verlierer der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise sind. Ihre Chancen auf Arbeit sind deutlich gesunken, und besonders jene, die weniger gut ausgebildet sind oder sich auf eine Tätigkeit in schrumpfenden Branchen vorbereitet haben, riskieren, im Kampf um Arbeitsplätze auf der Strecke zu bleiben. Das Prinzip, dass es die Kinder in der Regel besser haben werden als ihre Eltern, ist längst Vergangenheit. Von einem sicheren Arbeitsplatz können viele der noch vor zehn Jahren als „Generation der Erben“ beneideten Jugendlichen nur träumen, und auf eine gute Zukunft bauen sie nicht mehr oder zumindest nicht uneingeschränkt. Während Umfragen in Afrika zeigen, dass die große Mehrheit der jungen Menschen davon ausgeht, dass sie besseren Zeiten entgegengehen, erschöpfen sich die Hoffnungen in manchen postindustriellen Staaten darauf, dass es nicht abwärts geht oder dass die Probleme zumindest nicht überhand nehmen. In manchen Gegenden haben junge Leute wenig verlockende Perspektiven (um nicht zu sagen: auf sie warten harte Zeiten). Während sich die 68er-Generation gegen Konventionen, die Leistungsgesellschaft und das kapitalistische System stellte, aber ins gemachte Wohlstandsbett legen konnte, haben zu viele junge Menschen heute wenig Aussichten auf eine feste Vollzeitbeschäftigung, und die Zuversicht als Voraussetzung für ein Fort- und Auskommen ist dahingeschmolzen wie der sprichwörtliche Schnee in der Märzsonne. Immer mehr junge Menschen in den Krisenstaaten beginnen den Glauben zu verlieren, den Glauben an die Gesellschaft, an den Staat, an die Politik, an die Führungskräfte, mehr: an die Zukunft. Sie haben die Lage, in die wir uns hineinmanövriert haben, nicht verschuldet, aber sie sind die ersten Opfer der Sünden ihrer Väter (und Mütter). Diese haben in vielerlei Hinsicht wenig nachhaltig gelebt und gewirtschaftet, sie haben die Staatskassen und die Rentenkassen geplündert und hinterlassen jede Menge Schulden. Gesundes Wachstum schaut anders aus! Die entmutigten und frustrierten jungen Leute können vielfach nicht verstehen, warum „systemrelevante“ Banken mit Milliarden am Leben erhalten werden, während sie selbst, das Humankapital von morgen, nicht mehr benötigt werden.
Das alles hat Folgen, denn finanzielle und andere Nöte machen anfällig für extremistisches Gedankengut, für einen strammen Nationalismus, für Ausländerfeindlichkeit, für Radikalismus jeder Art – und weiters auch für Gewalt, Kriminalität, Alkohol- und Drogenkonsum, Terrorismus. Die langfristigen Folgen der Probleme einer verlorenen Generation sind schwerwiegend.
Die Politik hat inzwischen erkannt, dass Europa in Sachen Jugendarbeitslosigkeit den Rubikon überschritten hat und dringender Handlungsbedarf besteht, da Durchhalteparolen längst nicht mehr wirken. Deutschland und Frankreich etwa planen eine gemeinsame Initiative mit dem Titel „New Deal for Europe“, die Ende Mai starten soll. Zentraler Besttandteil des Plans sind zusätzliche Milliardenkredite der Europäischen Investitionsbank an Unternehmen, die Ausbildungs- und Arbeitsplätze speziell für Jugendliche schaffen. Ob der Umschwung mit neuen Krediten erreicht wird, muss sich zeigen. Nichts zu tun angesichts der sich abzeichnenden Szenarien hätte aber katastrophale Folgen. Und Südtirol würde unabhängig davon, ob das Problem hierzulande gelöst wird oder nicht, mit in den Strudel gerissen.














