Klausen – Die Werkstatt liegt im ersten Stock eines mehrstöckigen Hauses in der Handwerker- und Gewerbezone Klausen, über einem Café und unter einer Backstube. Ein Firmenschild gibt es nicht. Wer hierherkommt, weiß, wonach er sucht.
Drinnen hängen Auspuffanlagen von der Decke, Motoren stehen in Reihen, Pokale säumen die Fensterbänke. Dazwischen Vespas in jeder nur erdenklichen Farbe, alte Ape, ein Kickertisch und eine Schaufensterpuppe mit Alien-Maske in Vespa-Kluft.
Und dann ist da dieser Geruch. Wolken von Schokoladenduft wabern durch die Vespa-Werkstatt. „Das kommt von oben“, sagt Erich Oberpertinger und lacht kurz. „Das erinnert mich immer an die Füllung von Schokotörtchen.“ Es ist kein Zufall, dass er das sagt. Oberpertinger ist gelernter Koch, hat beim Stafler in Mauls angefangen und später in der Patisserie gearbeitet. Heute misst er in PS statt in Zucker. Seine Firma heißt Egig Performance – abgeleitet von seinem alten Spitznamen aus dem Vespa-Forum, „Egig“, unter dem er sich schon vor der Facebook- und Instagram Ära digital einen Namen gemacht hat.
Der Junge mit dem Rasenmäher
Erich Oberpertingers Begeisterung für Motoren begann früh. Mit elf Jahren baute der heute 36-Jährige einen Motorsägenmotor an sein Fahrrad. „Das lief nicht lange gut, weil die Motorsäge dafür nicht ausgelegt war“, erzählt er schmunzelnd. Der Rasenmäher seines Vaters funktionierte besser – damit fuhr er zur Schule. Mit zwölf tuckerte er mit der Ape des elterlichen Hotelbetriebes ins nächste Dorf. Seine erste eigene Vespa – lila –, die er von einem Freund übernommen hatte, wurde ihm von der Stadtpolizei Klausen sofort wieder abgenommen. „Sie waren auf der Suche nach genau so einer Vespa, die viel zu schnell unterwegs gewesen sein sollte. Und ausgerechnet meine, die mir der Freund gerade gebracht hatte, war noch ganz warm“, sagt Oberpertinger verschmitzt. „Natürlich nur ein Zufall …“
„Den Zylinder kann man einfach direkt auf den originalen Motorblock schrauben, wie Lego spielen.“ Erich Oberpertinger
Die Schule dagegen lag ihm weniger. „Theorie war nicht meins“, sagt er. „Ich habe mich immer durchgemogelt.“ Nach einem Ferienjob im Restaurant Stafler begann er eine Kochlehre dort.
Bis 2021 arbeitete Oberpertinger in der Gastronomie. Die Tage waren lang: 14, 15, manchmal 16 Stunden. „Ich habe immer noch Albträume davon“, sagt er. In seinen Träumen sei er wieder in der Küche, „total in der Scheiße“. Später kochte er im Hotel der Eltern, da ging es besser.
Nebenbei bastelte er schon immer: Auspuffanlagen für sich selbst, irgendwann für Freunde. „Ich war halt nie zufrieden mit dem Zeug, das es zu kaufen gab.“ Über Facebook, später Instagram, wuchs eine kleine Kundschaft heran, aus der irgendwann eine Firma wurde. Nicht geplant, sondern weil es sich eben so ergeben hat.
Das Bauteil, das alles veränderte
Der entscheidende Schritt kam während Corona. Das Hotel schloss, Oberpertinger hatte Zeit, verschwand in seiner Werkstatt und entwickelte ein Bauteil, das die kleine Vespa revolutionierte: einen Zylinder aus Stahlguss, mit dem sich der originale 50-Kubik-Motor auf 170 Kubik aufrüsten ließ – ganz ohne zu schweißen und ohne zu fräsen. „Vorher war bei 120 Kubik Schluss“, sagt der Autodidakt, der sich alles selbst beigebracht hat. Der Trick: Er habe die Anschlüsse direkt in den Zylinder mit eingegossen. Gegossen wurde das Teil in Taiwan, weil sich in Europa keine Gießerei fand, die solche Kleinserien in Stahlguss fertigte. „Den Zylinder kann man einfach direkt auf den originalen Motorblock schrauben, wie Lego spielen“, erklärt Oberpertinger das Prinzip, das seine Umbau-Sätze bis heute prägt.
Dieser Zylinder machte Erich Oberpertinger in der Szene endgültig bekannt. Heute tragen sogar eigene Rennklassen, wie die „EGIG 170 GP“ in Rennserien, wie der ESC (Euro Scooter Challange) oder der APC in Österreich, die Bezeichnung seines Zylinders.
Und nicht nur in der Rennwelt traf er einen Nerv: Die kleinen Vespas, bis dahin reine Stadtflitzer für kurze Strecken, konnten so plötzlich im echten Verkehr und auf Überlandfahrten mithalten. „Das hat sie alltagstauglich gemacht, auch für lange Strecken“, sagt Oberpertinger.
104 PS aus einer Vespa
Und dann ist da noch dieses eine Extremprojekt: Ein Drag-Race-Monster mit 400 Kubik und 104 PS am Rad. Zum Vergleich: Die Original-Vespa von Piaggio, die heuer ihren 80. Geburtstag feiert, kam mit 50 Kubik und 1,5 PS auf die Straße. Eine Steigerung, die Oberpertinger selbst nur grob beziffern kann – „8.000 Prozent oder so“, lacht er. Kunden und Kundinnen fahren mit solchen Motoren Beschleunigungsrennen gegen Motorräder. Oberpertinger selbst konzentriert sich mittlerweile auf Langstreckenrennen, wo er mit seinen eigenen Entwicklungen regelmäßig mit seinem Team gewinnt. Werbung macht er für seine Produkte kaum. Instagram sei „nebenbei“, was zähle, sei Mundpropaganda.
„Immer ein halbes PS dazu. Über Tausende Stunden später war ich dann bei über 100 PS.“ Erich Oberpertinger
Der Prüfstand: Schallisoliert, ein bisschen unheimlich
Das Herzstück der Werkstatt ist ein kleiner Raum, der sogenannte Prüfstand. Schallisoliert, mit einem dicken Absaugrohr, das durch die Decke führt. Fällt die Tür zu, klingen die Stimmen plötzlich flach, die Akustikpunkte an der Wand flimmern beim Hinsehen. „Anfangs war es richtig ungemütlich hier drin, wenn die Tür zu war“, sagt Oberpertinger. „Jetzt merke ich es gar nicht mehr. Ich schaue eh nur auf den Bildschirm.“ Dort laufen Diagramme, keine Straßensimulationen: Drehzahl gegen Leistung, ein Kurvenverlauf für jeden Motor. „Immer ein halbes PS dazu. Über Tausende Stunden später war ich dann bei über 100 PS“, erzählt der Vespa-Profi. Motor verändern, testen, messen, wieder verändern. Ein anderer Zündzeitpunkt, eine kleine Änderung am Zylinder, ein halber Millimeter und wieder auf den Prüfstand.
Über 100 Motoren pro Jahr
Heute verkauft er 100 bis 130 Komplettmotoren im Jahr. Viele Teile werden extern von spezialisierten Freiberuflern gefertigt. „Ich habe die Idee, die anderen setzen sie um.“
Ein Tuning-Zylinder kostet rund 300 Euro, ein kompletter Motor etwa 5.000 Euro. Die Käufer und Käuferinnen sitzen vor allem im deutschsprachigen Raum, dazu kommen England, Costa Rica, Taiwan, Miami – Italien weniger. Der Grund liegt nicht am Interesse, sondern am Gesetz: In vielen Ländern ließen sich veränderte Vespas mit Einzelgutachten legal zulassen, in Italien nicht. „Hier fahren alle illegal rum“, sagt Oberpertinger trocken und rückt einen Motor zurecht, der schon zur Auslieferung bereitsteht. „Ich habe es gerne sauber und ordentlich“, meint er erklärend. Ein Überbleibsel aus seiner Zeit in der Küche.
Der kleine Fisch
Konkurrenzunternehmen, die Vespas tunen, gebe es eigentlich reichlich, auch Firmen mit 100 Mitarbeitenden und 60 Jahren Geschichte. Aber die, sagt Oberpertinger, reagierten zu langsam: „Der Chef, der im Büro sitzt, hat wahrscheinlich seine Finger noch nie schmutzig gemacht.“ Er selbst fahre und schraube, was er verkauft, und könne so schneller auf Trends reagieren. Etwa auf strengere Lärmvorschriften in Deutschland, für die er leise, doppelwandige Auspuffanlagen entwickelt hat.
Trotzdem sieht Erich Oberpertinger sich selbst bescheiden: „Ich bin ja eigentlich nur ein kleiner Fisch, eine One-Man-Show.“ Erst seit Kurzem hat er einen Angestellten in Teilzeit, seine Freundin hilft im Büro.
Verlässlichkeit und Kundenservice seien ihm grundsätzlich wichtiger als Masse. „Ich versuche immer für meine Kunden erreichbar zu sein, per Telefon oder Whatsapp, wenn sie Probleme haben. Das macht mich aus und ist auch ein Hauptgrund, wieso mich meine Kunden weiterempfehlen.“
„Ich versuche immer für meine Kunden erreichbar zu sein, per Telefon oder Whatsapp, wenn sie Probleme haben. Das macht mich aus und ist auch ein Hauptgrund, wieso mich meine Kunden weiterempfehlen.“ Erich Oberpertinger
Was noch kommt
In ein paar Monaten erwartet Oberpertinger seine zweite Tochter, acht Jahre nach der ersten – bewusst mit großem Abstand. „Freunde mit mehreren jüngeren Kindern laufen ziemlich am Limit“, lacht er, „das wollten wir vermeiden.“ Über die Zukunft der Firma macht er sich keine Illusionen: „Wenn ich nicht mehr bin, dann stirbt die Firma wahrscheinlich mit mir.“ Ob getunte Zweitakter in 20 Jahren überhaupt noch erlaubt sein werden, weiß er nicht – nur, dass Oldtimer bislang meist Sonderregelungen genießen.
Stillstand kommt für ihn trotzdem nicht infrage. Sein nächstes großes Projekt ist bereits in Arbeit: ein komplett neues Motorkonzept für große Vespas, die „Large Frame“-Modelle, gebaut für Männer über 1,80 Meter. Anders im Aufbau, mit liegendem statt stehendem Zylinder. Etwas, das es heute noch nicht gebe. Entwicklungskosten: 50.000 bis 70.000 Euro, Zeitrahmen bis zum Verkauf: rund zwei Jahre.
Ob die Szene das Konzept annimmt, weiß er selbst noch nicht. „Entweder finden sie es geil, oder sie sagen, so einen Scheiß können wir nicht brauchen, wir wollen die typischen alten Motoren.“ Oberpertinger selbst interessiert vor allem, ob es funktioniert.
Hinter der schweren Tür des Prüfstands wird deshalb weiter getestet: Motor an, Gas geben, Messwerte ansehen. Etwas verändern. Wieder testen. „Da muss man schon eine Leidenschaft haben. Ohne geht’s nicht.“























