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Ein Christbaum auf Reisen

PAPSTBAUM – Als heuer am Christbaum im Vatikan die Lichter angingen, funkelte ein Stück Heimat mit. Wo sonst noch Südtiroler Bäume strahlen – und warum der Ultner Bürgermeister nachts 40 kleine Fichten nach Rom chauffierte. Eine Geschichte über Ehre, Logistik und den Preis des gespendeten Weihnachtszaubers.

Antonia Sell von Antonia Sell
12. Dezember 2025
in Südtirol
Lesezeit: 5 mins read

Jedes Jahr schmückt ein gespendeter Christbaum den Petersplatz vor dem Vatikan in Rom. Dieses Jahr kommt er aus dem Ultental. (Foto: Shutterstock / essevu)

Ulten/Rom – Wenn am Petersplatz in Rom der große Weihnachtsbaum entzündet wird, glänzt darin auch ein Stück Südtirol. Denn heuer kommt der Baum für den Vatikan aus dem Ultental: eine Fichte, 27 Meter hoch, kerzengerade gewachsen, gewogen und dann auf Reisen geschickt. Doch der Weg bis zum Obelisken auf dem Petersplatz führt nicht nur über Berge und Straßen – sondern über Geschichte, Stolz, Logistik, Wetterkapriolen, eine Prise Kritik und natürlich Weihnachtszauber.

„Wir sind ein sehr christliches Land, und da ist es natürlich für mich, für die Gemeinden und fürs ganze Land eine besondere Ehre, dem Heiligen Vater dieses Weihnachtsgeschenk zu machen – vor allem im Heiligen Jahr, das ist noch einmal etwas Besonderes.“ Stefan Schwarz

„Die Tradition, Weihnachten mit einem Christbaum zu feiern, ist bei uns seit Generationen verankert“, sagt Stefan Schwarz, Bürgermeister von Ulten. „Wir sind ein sehr christliches Land, und da ist es natürlich für mich, für die Gemeinden und fürs ganze Land eine besondere Ehre, dem Heiligen Vater dieses Weihnachtsgeschenk zu machen – vor allem im Heiligen Jahr, das ist noch einmal etwas Besonderes.“

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Plan A, Plan B – und dann kam der Schnee

Eigentlich – so wollte es der Himmel – wäre heuer Algund an der Reihe gewesen. Die Gemeinde hatte sich schon vor Jahren beworben, und als sie endlich ausgewählt wurde, gab es ein Problem: Es stand im gesamten Gemeindegebiet kein Baum, der hoch, schön oder würdevoll genug für Rom gewesen wäre.

„Wir hatten dieses Jahr einfach keinen passenden Baum.“ Alexandra Ganner

„Wir hatten dieses Jahr einfach keinen passenden Baum“, sagt Algunds Bürgermeisterin Alexandra Ganner. „Darum hat uns die Gemeinde Ulten ausgeholfen und war dann auch federführend bei dem Projekt. Das war natürlich eine große Freude.“

Ulten wählte drei mögliche Fichten aus – erste, zweite und dritte Wahl, ganz professionell. Doch in der Nacht vor der Fällung schneite es. Die schönste Fichte war plötzlich aus Sicherheitsgründen unerreichbar. Also musste Nummer zwei ran, zufällig näher an der Straße.

Fein gebunden für Rom

Mit einem Kran wird die Ultner Fichte aufgestellt. (Foto: Vatican News)

Die Spezialfirma, die die 27-Meter-Fichte fällte, stand vor einer Geduldsprobe: Der Baum durfte beim Transport an keiner Stelle breiter als 3,50 Meter sein. Also wurde das Prachtexemplar quasi in Winterschlaf versetzt. „Das Aufwendigste war wohl das Binden“, sagt Bürgermeister Schwarz. „Jeder Ast musste einzeln fixiert werden.“ Man glaubt es ihm sofort.

Zum heiligen Adventspaket gehören auch heuer wieder 40 kleinere Bäume, die im Vatikan verteilt aufgestellt werden. Schwarz erzählt mit einem Schmunzeln: „Die habe ich letzte Woche in der Nacht selbst nach Rom gefahren, in einem Transporter.“ 654 Kilometer für den Heiligen Vater.

Die Gesamtkosten? Voraussichtlich rund 20.000 Euro. Ein Teil Gemeinde, ein Teil Region, ein Teil Sponsoren. Ein Weihnachtsmärchen mit Buchhaltung.

Warum Südtirols Bäume so weit reisen

Die Tradition, Bäume durch halb Europa zu chauffieren, ist älter, als man glauben möchte. Der Vatikan empfängt seit 1982 jedes Jahr einen Baum aus einer anderen Region oder Nation. Südtirol lieferte bereits 1986 (Pustertal), 1992 (Passeiertal), 2007 (Gadertal), 2010 (Eisacktal) und nun 2025 (Ultental).

Aber Rom ist längst nicht der einzige Ort, an dem es südtirolerisch weihnachtet:

In Wien steht alle neun Jahre ein Südtiroler Baum vor dem Rathaus; 2023 war es wieder so weit – und verantwortlich für die Auswahl und Abwicklung war damals Andreas Agreiter, Bereichsleiter des Forstbetriebs der Landesdomäne. „Das ist schon eine schöne Sache“, sagt Agreiter. „Eine Zeremonie der jeweiligen Gemeinde und des Landes.“

„Es ist schon beeindruckend, wenn man einen Baum fällt, der vor dem Ersten Weltkrieg gewachsen ist.“ Andreas Agreiter

Er erinnert sich gut an die aufwendige Logistik: „Der Transport hat damals drei Tage gedauert. Wien gibt nur bestimmte Zeitfenster frei, um so einen Baum in die Stadt zu bringen.“ Und weiter: „Da waren viele vorherige Treffen und Absprachen nötig, jedes Detail muss stimmen.“

Der Baum von 2023 war rund 100 Jahre alt, gewachsen, als Südtirol noch zu Österreich gehörte. „Es ist schon beeindruckend, wenn man einen Baum fällt, der vor dem Ersten Weltkrieg gewachsen ist“, sagt Agreiter. „Man spürt da richtig Geschichte.“

Auch in Mantua zeigt sich der Südtiroler Weihnachtszauber: Seit 2010 wird jedes Jahr ein Baum aus Brixen gespendet – eine botanisch-adventliche Städtefreundschaft. Und selbst die ORF-Zentrale in Wien schmückte 2024 ein Südtiroler Baum.

Was das alles kostet

Für Wien lagen die Gesamtkosten 2023 bei rund 35.000 Euro, etwa 25.000 davon für den Transport. Je nach Notwendigkeit von Kran, Schwertransport, Aufwand, Fahrtzeit oder sogar Helikopter steigt die Summe auf bis zu 65.000 Euro.

Ein solcher Höchstbetrag wurde etwa 2023 erreicht, als der Weihnachtsbaum für den Vatikan aus dem piemontesischen Maira-Tal stammte und wegen seiner unzugänglichen Lage per Helikopter ins Tal geflogen werden musste.

Dagegen wirkt der Ultner Baum mit seinen rund 20.000 Euro fast wie ein Weihnachts-Schnäppchen.

Festliche Fichten, leise Zweifel

Natürlich gibt es Kritiker:innen, die den langen, teuren Spezialtransport monieren oder die Fällung bedauern. Ein Baum, der Generationen überlebt hat, endet als Dekoration? Das klingt zunächst paradox. Die Gemeinden betonen jedoch, dass sie nicht blindlings fällen, sondern aus forstwirtschaftlichen Gründen – und nicht ohne Stolz.

„Ich wünsche mir, dass das Erstaunen vor der Schöpfung auch durch unseren Weihnachtsbaum hervorgerufen wird und zur Reflexion anregt.“ Bischof Ivo Muser

Bischof Ivo Muser erinnert zudem in einer Aussendung des Vatikans daran, dass ein Weihnachtsbaum weit mehr sein kann als bloßer Schmuck: „Ich wünsche mir, dass das Erstaunen vor der Schöpfung auch durch unseren Weihnachtsbaum hervorgerufen wird und zur Reflexion anregt.“ Und er hofft auf den Mut, „nachhaltige und schlichte Lebensstile anzunehmen“.

Sein Auftrag ende jedenfalls nicht mit der Leuchtzeit auf dem Petersplatz: Im Sinne dieser grünen Perspektive sollen nach dem Ende der Weihnachtszeit ätherische Öle aus den Zweigen des Baumes gewonnen werden, lässt der Vatikan mitteilen. Das verbleibende Holz werde einer karitativen Organisation übergeben.

„Wenn man zu viele alte Bäume hat, nehmen sie den jungen das Licht. Passiert etwas mit dem alten Bestand und es ist kein junger Baum nachgewachsen, steht man plötzlich vor einem leeren Wald.“ Andreas Agreiter

Forstexperte Agreiter begegnet der Kritik nüchterner: „Es ist wichtig, den Baumbestand zu kontrollieren. Alte Bäume sind anfälliger für Krankheiten, Stürme und den Borkenkäfer.“ Und er ergänzt: „Wenn man zu viele alte Bäume hat, nehmen sie den jungen das Licht. Passiert etwas mit dem alten Bestand und es ist kein junger Baum nachgewachsen, steht man plötzlich vor einem leeren Wald.“

Ein gefällter Baum sei daher nicht Opfer, sondern ein notwendiger Teil der Waldpflege.

O Tannenbaum

So steht er nun auf dem Petersplatz: gerückt, gehoben, gebunden, gesegnet. Ein Stück Südtirol in Rom. Was offenbart sich im Glanz der Lichter?

Ein Baum aus dem Ultental, der die Welt kurz ein wenig heller macht.

Ein Bürgermeister, der nachts 40 kleine Brüder nach Rom fährt.

Eine Gemeinde, Algund, die froh ist, Teil des Projekts zu sein – auch ohne eigenen Baum.

Ein bisschen Kritik, ein bisschen Glanz, ein bisschen Augenzwinkern.

Weihnachten eben. In Südtirol und in der ganzen Welt.

Antonia Sell

antonia@swz.it

Schlagwörter: 48-25free

Ausgabe 48-25, Seite 4

Antonia Sell

Antonia Sell

Aufgewachsen im Norden, studiert in Göttingen und Wien, gearbeitet in Zürich, Berlin und Hamburg. Nach elf Jahren bei der BILD ihrem Herzen und ihrem Mann in seine Südtiroler Heimat gefolgt. Liebt weite Horizonte, herzhaftes Essen, mineralischen Wein und authentische Geschichten.

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