Seit vielen Jahren verkündet der hds ein Glaubensbekenntnis: Der Einzelhandel muss sich entwickeln können, aber er soll es dort tun, wo die Menschen leben, also in den Ortszentren, nicht jedoch in Gewerbegebieten oder gar auf der grünen Wiese. Vom hds gibt es ein prinzipielles Ja zur Liberalisierung des Einzelhandels in Wohngebieten, wie sie von der Regierung Monti verordnet und mit Landesgesetz übernommen worden ist. In den Ortszentren und Innenstädten herrscht zumindest mit Blick auf den Baubestand Freiheit. Es gibt keine Flächenbeschränkungen, keine Kontingente, keine Nutzungsverbote, kurz: Den Geschäften sind keine Grenzen gesetzt.
Dann kam etwas, mit dem die Probe aufs Exempel gemacht wird, nämlich der Investor René Benko mit seinem Großprojekt für das Gebiet zwischen der Südtiroler Straße, der Garibaldistraße und der Bahnhofstraße in Bozen. Ein Kaufhaus mit etwa 35.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, weiters Büros, ein Hotel und Wohnungen will Benko hier für 200 Millionen Euro hochziehen, und zudem den Busbahnhof unter die Erde verlegen, denn unter dem ganzen Viertel verliefe eine riesige Parkgarage. Ein Schrei der Entrüstung darüber war die Reaktion: zu groß und nutzlos, hieß es! Inzwischen liegt auch der Entwurf eines Alternativprojektes einheimischer Unternehmer vor, das deutlich bescheidener ist, aber immerhin 20.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche vorsieht, dazu unter anderem ein Kongresszentrum, wie es Bozen bräuchte. Die Vorbehalte gegen Benko, der in die Rolle der Heuschrecke gedrängt wird, die alles abgrast und weiterzieht, mögen nachvollziehbar sein. Während er aber das nötige Kapital angesichts seiner internationalen Finanziers in der Hinterhand zu halten scheint, steht die große Geldsammelaktion hierzulande noch aus.
Wie dem auch sei: Sowohl die Initiative von Benko als auch die Reaktion einheimischer Handelstreibender zeigt, dass Platz für Neues besteht. Es ist gut, dass Benko nicht alleine ist, sondern dass es eine Alternative gibt und – wer weiß – bald noch weitere. Ein Wettbewerb der besten Ideen und machbaren Projekte kann nur vorteilhaft sein. Weniger gut ist, dass wir wieder einmal in unser altes Denken verfallen, das uns über mehrere Jahrzehnte eingeimpft worden ist, in denen wir in Südtirol Planwirtschaft im Handelssektor (und in vielen anderen Bereichen) betrieben haben. Dabei schienen wir dieses Denken mit dem Handelsliberalisierungsgesetz des Landes (bezüglich des Einzelhandels in den Zentren) und mit dem neuen Landesraumordnungsgesetz (bezüglich der Gewerbebaulandbewirtschaftung) erst in jüngster Zeit abgelegt zu haben. „Verkraftet die Stadt neue Handelsflächen?“, wird da gefragt. Wenn wir aus der Sicht dessen antworten, der um das Bestehende bangt, kann die Antwort nur heißen: Nein, es verträgt keine neuen Handelsflächen, denn in Quadratmetern gerechnet, haben wir schon mehr als genug, um die Bevölkerung und die Touristen zu bedienen. Aber aus dieser Perspektive müssten wir nein zu den meisten neuen wirtschaftlichen Initiativen sagen, denn wir haben von vielen Dingen schon mehr im Angebot, als wir brauchen (darunter Baufirmen, Tischlereien, Druckereien, Architekten und Bankschalter). Aber vielleicht nehmen wir als Konsumenten ja andere Geschäfte an, attraktivere, preisgünstigere, verbrauchergerechtere. Es geht nicht bloß darum, was es verträgt, sondern insbesondere auch darum, was am Markt bestehen kann. Die Fiat ist heute deshalb so schwach, weil sie zu lange vor Konkurrenz geschützt worden ist, weil die Politik zu lange nach der Feststellung entschieden hat, dass es in Italien keine japanischen Autos verträgt, wo wir doch schon selbst mehr Autos bauen, als am Markt nachgefragt werden.
Verhalten sich Einheimische immer und auf jeden Fall anders und besser als Auswärtige? Nun: Wer durch die Bozner Lauben schlendert, wird merken, dass in diesem Handelszentrum der handelstechnische Ausverkauf der Heimat schon lange stattgefunden hat – ganz ohne Benko.
Der Markt darf nicht das alleinige Kriterium sein, aber ein bisschen mehr Markt tut Südtirol nicht schlecht, wenn wir dieses Land fit halten wollen im Wettbewerb der besten Standorte.














