Bozen – Der 29. November 2014 war ein wichtiger Tag im Leben Erwin Lanzingers. Damals war er schon längere Zeit an Krebs erkrankt, war aber trotz schwerer Operationen und einer entnervender Chemotherapie noch guter Dinge und voller Hoffnung, denn er war es gewohnt, keinen Kampf aufzugeben. Hätte er die Flinte ins Korn geworfen, hätte er an diesem Spätherbsttag nichts zu feiern gehabt. Weil er aber seine Pläne so hartnäckig verfolgt hatte, konnte er jetzt auf die Eröffnung der Lift- und Pistenverbindung zwischen den Anlagen am Helm und jenen an der Rotwand anstoßen. Die Umsetzung dieses Vorhabens hatte er immer als grundlegend für die weitere Entwicklung angesehen – und die Ergebnisse der Wintersaison 2014/2015 scheinen ihm recht zu geben.
Der Wunsch, etwas zu unternehmen, war immer schon ein Charaktermerkmal Erwin Lanzingers, und immer hat er genau überlegt, was zu tun sei, ist dann aber ohne Zweifel und mit Elan vorangegangen, ohne zurückzuschauen. Sigrid Flenger hat erst vor wenigen Monaten ein ebenso ausführliches wie bemerkenswertes Gespräch mit Erwin Lanzinger für ihre Sendung „Radio Wohnzimmer“ (RAI Südtirol) geführt und dafür den treffenden Titel „Mein Leben war ein Galopp“ gewählt: Die Pferde mit ihrer Kraft, Ausdauer und Eleganz stehen in vielerlei Hinsicht für den Menschen Erwin Lanzinger, und dieser hat Pferde geliebt und gehalten, in natura gewissermaßen, aber auch unter der Haube seines Ferrari, denn diesen Luxus hat er sich vergönnt.
Geboren wurde Erwin Lanzinger 1943 in München, denn seine Eltern waren vor dem Krieg im Zuge der Option ausgewandert und hatten sich im Stubaital niedergelassen, wo die Mutter einen Gasthof pachtete und führte. Weil der Vater zum Kriegsdienst eingezogen worden war und die Mutter ihr erstes Kind 1939 infolge von Komplikationen bei der Geburt verloren hatte, ging sie auf Nummer sicher und wählte für die Niederkunft eine Klinik in der bayerischen Landeshauptstadt.
1952 kehrte die Familie, die Zuwachs durch einen weiteren Sohn erhalten hatte, nach Südtirol zurück, und zwar ins Ahrntal, die Heimat von Lanzingers Mutter. In den Jahren darauf betrieb die Mutter eine Bäckerei, der Vater schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch; später pachtete die Mutter in den Sommermonaten ein Hotel in Rimini, und die ganze Familie zog in der heißen Jahreszeit dorthin. Die lebenstüchtige und unternehmungslustige Mutter war eine prägende Figur im Leben Lanzingers, und die frühen Arbeitserfahrungen sowie die Not, unter der die Familie oft litt, haben einen entscheidenden Einfluss auf ihn gehabt: So will ich mein Leben nicht führen.
Lanzinger besuchte die Oberschule in Brixen und Bruneck. 1962 zog die Familie nach Sexten, wo die Mutter das alte Hotel Bad Moos pachtete. Er selbst studierte dann Jus in Innsbruck und Padua, denn die Mutter steckte alles verfügbare Geld in die Ausbildung der Kinder. Einige Zeit trug sich der junge Mann dann auch mit dem Gedanken, Rechtsanwalt zu werden, aber nachdem in Sexten 1965 die erste Bahn auf die Rotwandwiese gebaut worden war, reifte immer stärker der Wunsch, hier ein Hotel zu bauen.
Der gelernte Jurist ist dann ein sehr erfolgreicher Hotelier geworden. Das Hotel, das er auf der grünen Wiese unweit des alten Hotels Bad Moos baute, war mit 80 Betten für die damalige Zeit gewaltig groß; Lanzinger hat sein Haus in der Folge öfters aus- und umgebaut, und heute gehört das Sport- und Kurhotel Bad Moos zu den besten und bekanntesten im Pustertal. Lanzinger hat seine Investitionsentscheidungen immer gründlich überlegt, aber kaum einmal von der jeweils herrschenden Lage abhängig gemacht, sondern immer mit Blick in die Zukunft und im Bemühen, den Kundenwünschen zu entsprechen und Neues zu bieten. Zu den bekanntesten Gästen, die im Haus gewohnt haben, zählen der ehemalige Staatspräsident Giorgio Napolitano (er war als Staatsoberhaupt zuletzt Ende Juli bis Anfang August dort) und der Schauspieler Terence Hill alias Mario Girotti, der nicht zuletzt durch die Serie „Un passo dal Cielo“ bekannt ist, die am Pragser Wildsee spielt. Und erst Ende März ist es Lanzinger gelungen, im Rahmen der karitativen Aktion „Star Team for Children“ Fürst Albert II. von Monaco nach Sexten zu holen.
So sicher sich Lanzinger in der Welt des Jetset bewegte: Er blieb immer das, was man einen Mann des Volkes nennt, einer, der sich für seine Heimat engagiert. Ein besonderes Anliegen waren ihm dabei die Tourismusorganisationen. Er war unter anderem bis zuletzt Präsident des Tourismusverbandes Hochpustertal und Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Tourismusorganisationen (LTS), den er 1995 bis 2010 als Präsident geführt hat. „Man muss an Entscheidungen mitwirken – oder akzeptieren, was andere entscheiden“, sagte er Sigrid Flenger. Dabei hat er nie mit seiner Meinung hinterm Berg gehalten, denn er war ein geradliniger Mensch.
Ich habe Erwin Lanzinger vor vielen Jahren kennengelernt, als er den LTS übernahm, und ich habe ihn dann oft wieder bei Veranstaltungen getroffen und in unregelmäßigen Abständen im Zuge von Recherchen angerufen. Lanzinger war ein kommunikativer, gewinnender, aufgeschlossener und offener Mensch, der mit beiden Beinen auf dem Boden stand, aber die Gedanken oft und hoch schweifen ließ. Er hatte Visionen und Strategien und war nicht unterzukriegen, auch nach Niederlagen nicht. Sein Credo lautete „Nix los ohne Wintersport“, und demensprechend engagierte er sich immer direkt und indirekt für den Ausbau des diesbezüglichen Angebotes. „Ein bisschen Skigebiet“ geht nicht, hat er einmal gesagt. Er war überzeugt, dass der Raum Sexten und Innichen nur dann eine Zukunft hat, wenn das Skigebiet in jene Liga aufsteigt, in der Alta Badia oder Gröden spielen. Insofern war der Bau der Verbindung Helm – Rotwand für ihn eine große Genugtuung, ja ein Triumph nach 15 Jahren vergeblicher Bemühungen.
Verloren hat Erwin Lanzinger letzten Endes den Kampf gegen den Krebs, obwohl er sich bis zuletzt mit allen Mitteln gegen die Krankheit gestemmt hat. Selbst darin war er eine starke Persönlichkeit, auch wenn er zwischendurch angemerkt hat, dass es schwer ist, all die Therapien über sich ergehen zu lassen.
Jeder Mensch hinterlässt eine Lücke, wenn er nicht mehr ist. Die Lücke, die Erwin Lanzinger hinterlässt, ist groß.















