Bozen – Dass mehrere Personen in einem Raum arbeiten, ist nichts Neues oder Ungewöhnliches – auch nicht für Südtirol. Dass aber in einem Raum bzw. einigen zusammenhängenden mehrere Unternehmen neben- und miteinander arbeiten, das schon: Coworking nennt sich der Trend, der sich vom Silicon Valley und den USA insgesamt ausgehend über den gesamten Globus ausbreitet, vor allem in großen Städten, und nun auch in Südtirol Einzug hält. Vor einigen Wochen wurde die Eröffnung der „Vitamin“ genannten Initiative in Steinmannwald bei Leifers gefeiert.
Coworking Spaces entstanden ursprünglich aus dem Wunsch von Freiberuflern, Start-ups und Kreativen, nicht in den eigenen vier Wänden alleine vor sich hinzuarbeiten, so konstatieren die Experten des Zukunftsinstitutes vor drei Jahren in ihrer Studie „work:design – Die Zukunft der Arbeit gestalten“. Durch Gemeinschaftsbüros werde kreativer Austausch in unterschiedlicher Konstellation ermöglicht. Im Vitamin möchte man den kreativen Austausch zum Beispiel mit den Mittings unterstützen (das Wort ist eine Kombination aus Meeting und Eating), zu denen an den Mittwochen nicht nur die Coworker eingeladen sind.
„Derzeit haben wir fünf Start-ups und circa 25 Personen, die im Vitamin arbeiten“, erzählt Hannes Vaia, neben den beiden Startuppern Daniel Kaneider und Robert Larcher (mit ihrem Label Wams vertreiben sie Socken, Unternehmenssitz ist das Vitamin) einer der Mitbegründer des ersten Südtiroler Coworking Spaces.
Hannes Vaia ist seit 2011 Geschäftsführer des im Holzsektor tätigen Familienunternehmens Vaia Group, in dessen Firmengebäude sich auch die Vitamin-Räumlichkeiten befinden. „Durch die Online- und neue Lagerentwicklung in Trient wurde bei Vaia Platz frei. Deshalb konnte nun in unserem Sitz in Steinmannwald auf 800 Quadratmeter Vitamin untergebracht werden“, sagt Vaia. Bis zu 100 Personen können im Vitamin arbeiten. „Und sollte diese Fläche eines Tages nicht mehr ausreichen, dann werden wir weitere Möglichkeiten finden.“
Den Vitamin-Machern ist es wichtig, mit ihrer Initiative eine „unternehmerische Community“ und ein starkes Netzwerk zu schaffen. Sie möchten das Gründen, das Unternehmen und das Entwickeln fördern, ebenso wie neue Ideen und Geschäftsmodelle.
Vitamin ist heute kein eigens gegründetes Unternehmen, sondern ein Geschäftsfeld der Vaia Group. Der Grund dafür? „Um Kosten und Bürokratie so niedrig wie möglich zu halten“, erklärt Vaia. Vitamin arbeite und handle jedoch komplett selbstständig und könne je nach Entwicklung neue Wege anstreben.
Unkompliziert war den Erzählungen Hannes Vaias zufolge auch der Weg von der Idee für den ersten Südtiroler Coworking Space zur Umsetzung: Das Modelabel Re-Bello hat seinen Unternehmensstandort zwar bereits seit etwa zwei Jahren im Gebäude der Vaia Group, doch die Idee zur Einrichtung eines auch sogenannten Coworking Space hatte Vaia erst nach einer Reise ins Silicon Valley im vergangenen Jahr. Die Ausgangsfrage „Gibt es überhaupt einen Markt für ein solches Angebot?“ habe relativ schnell mit ja beantwortet werden können. „Wir wussten, dass es viele potenzielle Coworker gibt“, sagt Vaia. „Auch weil immer mehr junge Leute es mit einer eigenen Idee probieren und ihr eigenes Unternehmen gründen, weil es in der Arbeitswelt einfach nicht mehr so rosig ausschaut.“
Im November 2014 sei dann gemeinsam mit Kaneider und Larcher die Entscheidung zur Realisierung der Idee gefallen, im Dezember wurde an der Umsetzung gearbeitet, und im Februar 2015 sei das Projekt startbereit gewesen. Dann seien nach und nach die jungen Unternehmen eingezogen, und im Mai folgte dann die „offizielle“ Eröffnung.
Sich einen Arbeitsplatz im Vitamin zu sichern, ist für Interessierte einfach – ganz nach dem Motto „Kimm und start“. „Bei uns muss man nicht ganz besonders innovativ sein und sich einem langwierigen Bewerbungsverfahren unterziehen“, so Vaia. „Bei uns kann sich fast jeder einmieten, der möchte.“ Das Einstiegs-Servicepaket im Vitamin für einen sogenannten „Resident“-Platz ist um 150 Euro monatlich zu haben, „Open Space“-Büroflächen gibt es je nach Größe zu Monatspreisen von 250 bis 600 Euro. „Eventuelle Verlängerungen sind einfach und flexibel möglich“, erklärt Vaia.
Dafür bekommen die Unternehmen ein Angebot, das auf die drei Säulen Space, Events und Network setzt. Space steht für die Arbeitsgrundvoraussetzungen wie Bürofläche oder Schreibtisch, Drucker, WLAN, Strom, Müllentsorgung usw. („Computer“, so Vaia, „stellen wird nicht zur Verfügung, einen solchen besitzt heute jeder selbst.“). Events meint, dass es im Vitamin laufend Veranstaltungen geben wird, auch um die dritte Säule – Network – zu fördern. „Ein starkes Network baut man gemeinsam viel einfacher auf! Und das ist wichtig, weil sich Unternehmer bzw. Gründer austauschen, messen, pushen und gemeinsam kämpfen müssen“, formuliert es Vaia.
Und weil es den Vitamin-Machern um das Unternehmertum im Allgemeinen geht, ist auch ihre Zielgruppe sehr weit gefasst. „Wir wollen jungen Unternehmern und Startuppern die Möglichkeit bieten, ihr Unternehmen weiterzuentwickeln. Deshalb sind unsere Zielgruppe junge Unternehmen in jeder Hinsicht und querbeet“, sagt Vaia. „Sicher, je innovativer und interessanter die Unternehmen sind, desto interessanter ist es für uns. Aber uns ist auch klar, dass wir uns hier in Südtirol befinden und nicht in Berlin oder London – und deshalb sind wir froh, dass wir jungen Leuten einfach eine Chance geben können.“
Demnach ist Vitamin auch keine Konkurrenz zum TIS, das das heimische Unternehmertum von öffentlicher Seite fördert und sich besonders auf innovative Start-ups und Technologieunternehmen fokussiert. Eher eine Ergänzung des Angebots denn Rivalität sieht deshalb auch TIS-Direktor Hubert Hofer im Vitamin. „Grundsätzlich ist alles, was zu mehr Unternehmertum im Land führt, zu begrüßen und zu unterstützen“, betont er. Wichtig sei vor allem, dass Südtirol ein attraktiver und kompetitiver Standort sei. „Unser Ziel ist es“, sagt Hofer, „dass die Euregio Tirol, Südtirol und Trentino in den nächsten drei bis fünf Jahren als DAS Gründerland im Alpenbereich wahrgenommen wird.“ Deshalb wollen die drei Länder ihre Kompetenzen, Instrumente und Gelder in diesem Bereich künftig verstärkt bündeln und gemeinsame Initiativen starten und weiterbringen.
„Diese Zusammenarbeit zwischen den Regionen bringt uns unserem Ziel näher, genauso wie das Zusammenspiel öffentlicher und privater Initiativen für das Unternehmertum“, unterstreicht Hofer. „Denn wenn Private Strukturen bieten, dann ist das hervorragend, und wenn weiterer Service gebraucht wird, stehen wir Gewehr bei Fuß.“ Und so arbeiten einige der im Vitamin untergebrachten Unternehmen auch bereits mit dem TIS zusammen, Re-Bello beispielsweise ist seit 2012 ein Gründerunternehmen des TIS.
In nächster Zeit könnten einige weitere, dem Vitamin ähnliche neue Arbeitsmodelle in Südtirol entstehen. In Meran etwa hat Diego Zanella, gescheiterter Bürgermeisterkandidat des PD, im Wahlkampf angeregt, innovative Lösungen für Start-ups und junge Menschen anzubieten, und damit die Stadt zu einer „Werkstatt der Innovation in allen Sektoren“ zu machen. In Bruneck wird an einer „Start-up-Initiative” gearbeitet. Und in Schlanders hat die Gemeinde vom Land das Kasernenareal Drusus übernommen und im Gesamtkonzept zur Nachnutzung ein „Gründungs- und Innovationszentrum“ vorgesehen. Angedacht sei die Zurverfügungstellung von Raum, heißt es dazu auf SWZ-Anfrage bei Schlanders Marketing. Doch noch stehe diesbezüglich nichts Konkretes fest, weder gebe es einen Zeitplan noch einen für die Finanzierung, auch seien bislang keine Zielgruppe oder im Zentrum zugelassene Branchen definiert worden. Voraussichtlich werde man sich bemühen, einen Mix von kleinen bzw. jungen Unternehmen hinzubekommen, die sich gegenseitig unterstützen und voranbringen können.
Im Vitamin ist es ähnlich. „Uns“, unterstreicht Hannes Vaia, „geht es nicht um Branchen, uns geht es um das Unternehmertum – das ist das Wesentliche, und darauf können sich all jene konzentrieren, die sich im Vitamin einmieten.“

















