Bozen – Wie innovativ darf ein Unternehmen sein? Bei FlyingBasket kennt man die Antwort: so innovativ, wie es das Gesetz erlaubt – und keinen Millimeter weiter. Die Drohnen des Bozner Unternehmens könnten längst den Transport von Waren in Städten erleichtern, vielleicht sogar Verletzte bei Bergunfällen schneller abtransportieren. Doch der Drohnenhersteller hat früh gelernt, dass technologischer Vorsprung allein nicht reicht. Wer in der Luft Geschäfte machen will, muss sich am Boden durch Paragrafen kämpfen.
Elf Jahre Pionierarbeit
Begonnen hat alles vor elf Jahren. Ein paar goldene Luftballons am FlyingBasket-Sitz in der Bozner Industriezone erinnern noch an das Fest zum zehnten Jubiläum im vergangenen Jahr. „Da haben wir ordentlich gefeiert“, sagt CEO Moritz Moroder, als er uns an den Luftballons vorbei in einen Besprechungssaal führt. Ein paar Stühle stehen herum, ein paar blaue Sitzsäcke liegen auf dem Boden. Blau, wie das Logo des Unternehmens. Moritz Moroder und sein Bruder Matthias, der CTO, lassen sich auf zwei Sitzsäcke plumpsen und beginnen zu erzählen.
„Wir dachten, dass der erste Drohnenflug schon nach ein paar Monaten möglich sein sollte. Da waren wir etwas zu optimistisch“, erzählt Matthias.
Die zwei Brüder gründeten das Unternehmen 2015. Ihre Ausgangsidee: Schutzhütten, die bei der Versorgung auf kostspielige Hubschrauberflüge angewiesen sind, mittels Drohnen zu beliefern. Damals, sagt Moritz, habe es zwar schon einige Unternehmen in der Drohnenbranche gegeben, doch die meisten hätten sich auf Kameraflüge spezialisiert. Im Segment Transportdrohnen sahen die Brüder hingegen noch Potenzial. „Wir dachten, dass der erste Drohnenflug schon nach ein paar Monaten möglich sein sollte. Da waren wir etwas zu optimistisch“, erzählt Matthias. Aus ein paar Monaten wurden schlussendlich vier Jahre. So lange dauerte es, bis FlyingBasket sein erstes fertiges Modell präsentieren und in breit angelegten Flügen testen konnte. Dieses Modell – die FB3-Drohne – verkauft das Unternehmen bis heute, mittlerweile in der Pro-Version.
70 Kilo Eigengewicht, 100 Kilo Nutzlast
Einen Stock unter den Büroräumlichkeiten von FlyingBasket, in der Produktionshalle, sind mehrere der Drohnen zu sehen. Mit jenen Fluggeräten, die mittlerweile in vielen Haushalten zu finden sind und oft auf Berggipfeln herumsurren, haben diese allerdings nichts gemein: Jede Drohne besteht aus acht Propellern und misst 2,5 mal 2,5 Meter. Unbeladen wiegen die batteriebetriebenen Geräte 70 Kilogramm, transportieren können sie Lasten von bis zu 100 Kilogramm.
Hier, in der riesigen, teils leeren Halle, werden die Drohnen zusammengeschraubt. Als Unterlage dienen schwarze Gestelle. Manche stehen ohne Fluggerät da. „Die Drohnen haben wir schon verkauft“, sagt Moritz.

Unter wenigen
Das Businessmodell von FlyingBasket besteht in der Entwicklung, dem Bau und dem Verkauf von Drohnen. Auch Trainings bietet das 25-köpfige Team für die Kundschaft an, genauso wie Unterstützung beim Erlangen von Genehmigungen. Der Fokus liegt allerdings im Verkauf. Und in der Herstellung von Drohnen. Viele der Komponenten der Fluggeräte haben die Brüder mit ihrem Team selbst entwickelt. „Wir sind imstande, ohne kritische Komponenten aus China auszukommen“, sagt Moritz.
Produzenten wie FlyingBasket gebe es sehr wenige, und noch weniger, die den Großteil der Hardware unabhängig von China produzieren, sagt Drohnenexperte Mayrgündter.
Mit seiner Strategie, Drohnen selbst zu bauen, gehört das Unternehmen zu einer Minderheit in Europa, erklärt Sebastian Mayrgündter. Er verantwortet im Noi Techpark verschiedene EU-Projekte, in denen es unter anderem um Drohnen und deren Einsatz in Bergregionen wie Südtirol geht, ist Drohnenpilot bei der Bergrettung und gilt als Experte im Bereich Drohnen. „In Europa gibt es sehr viele Drohnenunternehmen. Die meisten sind aber Dienstleister oder im Softwarebereich angesiedelt“, so Mayrgündter. Produzenten wie FlyingBasket gebe es sehr wenige, und noch weniger, die den Großteil der Hardware unabhängig von China produzieren.
Stichwort China: Laut Mayrgündter dominieren chinesische Drohnenhersteller den Markt, auch weil sie vom Staat stark gefördert werden. Trotzdem gebe es Platz für Hersteller wie FlyingBasket. Unter anderem, weil diese im europäischen Paragrafen-Dschungel durchblicken. Und weil der Markt nicht nur wächst, wie Mayrgündter sagt, „sondern gerade erst beginnt zu wachsen“.
Starke Wachstumsraten
Der Markt rund um unbemannte Luftfahrtsysteme ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, zahlreiche Start-ups schossen aus dem Boden. Und die Branche dürfte noch weiterwachsen, meinen Fachleute. Die Prognosen variieren je nach Quelle, doch die erwarteten Wachstumsraten des globalen Drohnenmarkts liegen bei 15 bis knapp 40 Prozent pro Jahr.
FlyingBasket ist, verglichen mit anderen Unternehmen, früh in diesen jungen Markt eingestiegen: Moritz und Matthias Moroder gründeten den Betrieb, bevor Italien überhaupt eine Regulierung für Drohnen hatte. Waren sie rückblickend zu früh dran? „Für den Markt auf jeden Fall“, räumt Moritz ein. „Wir hatten dadurch allerdings mehr Zeit, die Technologie zu entwickeln. Jetzt haben wir einen Vorsprung.“ Aber: Mehrere Start-ups, die etwa zeitgleich mit FlyingBasket gründeten, sind mittlerweile insolvent. Dazu sagt Moritz: „Viele haben zwar gute Prototypen entwickelt – teilweise wurden wir sogar nervös –, aber sie haben nie oder erst sehr spät mit den Luftfahrtbehörden gesprochen.“ In einem so jungen, noch weitgehend unregulierten Markt sei das allerdings das A und O: „Eine innovative Technologie ist wichtig, aber eben auch die Regelkonformität.“

Bald ist die 100er-Marke erreicht
2019 erhielt FlyingBasket die erste Genehmigung für Testflüge für größere Drohnen. Ein Meilenstein, sagen die Brüder. 2021 folgte die Erlaubnis für kommerzielle Flüge. Im Hintergrund arbeiteten die Moroders an den Paragrafen im Bereich Drohnen mit. Beispielsweise war FlyingBasket maßgeblich an der Ausarbeitung der seit 2021 geltenden EU-weiten Regelung für den Betrieb unbemannter Fluggeräte beteiligt.
Auch an der Technologie sowie der Hardware tüftelte das Team kontinuierlich weiter, und die Verkaufszahlen nahmen zu. Bald soll die 100. Drohne ausgeliefert werden – ein Meilenstein für das Unternehmen.
Die Kundschaft der Firma stamme aus verschiedensten Branchen, sagt Matthias. Er nennt ein Beispiel: In einem Offshore-Windpark werden die Drohnen für die Wartung der Windräder verwendet. Ein weiterer Kunde nutzt sie beim Spannen von Telefonkabeln.
2024 hat das Unternehmen testweise die Post zwischen Neapel und der Insel Procida per Drohne transportiert.
Dazu war und ist FlyingBasket an verschiedenen Projekten beteiligt, unter anderem mit der italienischen Post. 2024 hat das Unternehmen testweise die Post zwischen Neapel und der Insel Procida per Drohne transportiert. Weitere Routen sollen folgen. Und in Südtirol belieferte die Firma im vergangenen Sommer im Rahmen eines Projekts mit dem Land vier Schutzhütten mit insgesamt mehr als einer Tonne Gütern.
Städte bleiben Sperrzone
Es gäbe noch viele weitere Möglichkeiten, wo Drohnen zum Einsatz kommen könnten, sagt Moritz, „aber das Gesetz lässt es bisher nicht zu“. So dürfen die Drohnen bislang nur in dünn besiedelten Gebieten fliegen, in Städten hingegen noch nicht. „Gerade auf der letzten Meile wären Drohnenflüge oft interessant“, findet Drohnenexperte Sebastian Mayrgündter. Als Beispiel nennt er Baustellen, wo Drohnen anstelle von Baukränen das Material in Zukunft auf den letzten Metern bewegen könnten. „Die Behörden arbeiten sich Schritt für Schritt voran.“
Auch im Personentransport könnten Drohnen in der Theorie zum Einsatz kommen, etwa um Verletzte am Berg schneller abzutransportieren. Projekte dazu gibt es bereits. Allerdings fehlt der gesetzliche Rahmen noch gänzlich. „Anfangs haben wir kurz mit dem Gedanken gespielt, uns auf den Personentransport zu fokussieren. Aber es war uns klar, dass Lastentransport früher möglich sein wird“, sagt Moritz. Zwei Unternehmen, Volocopter und Lilium, die sich in dem Segment angesiedelt hatten, meldeten 2024 Insolvenz an. Dabei war Volocopter noch ein paar Jahre zuvor mit 1,5 Milliarden Euro bewertet worden.

Der nächste Schritt: Skalierung
Die nächsten Jahre dürften für das Unternehmen spannend bleiben, vielleicht sogar entscheidend sein: Das einstige Start-up will nun die Produktion hochfahren, um von Skaleneffekten zu profitieren. Eine Drohne kostet derzeit 75.000 Euro. „Wir möchten dahin kommen, dass eine Drohne in etwa so viel kostet wie ein kleines Auto“, sagt Moritz. Die Nachfrage sei vorhanden: „Momentan können wir nicht so viel produzieren, wie es Nachfrage gibt. Wir müssen die Kunden auf später vertrösten.“
Schwarze Zahlen schreibt FlyingBasket nach wie vor nicht, das werde auch in den kommenden zwei Jahren nicht der Fall sein, sagt Moritz.
Schwarze Zahlen schreibt FlyingBasket aber nach wie vor nicht, das werde auch in den kommenden zwei Jahren nicht der Fall sein, sagt Moritz. Einerseits, weil die Skalierung kostenintensiv sei, andererseits, weil ständig Forschung und Entwicklung betrieben werde – ebenfalls kapitalintensive Posten. Der Plan der Brüder lautet: immer mehr des Kapitalbedarfs aus Eigenmitteln zu decken.
Leonardo als Investor
Bis heute finanziert sich das Unternehmen durch Privatkapital. In mehreren Finanzierungsrunden sammelten die Gründer Gelder ein, eine weitere soll bald abgeschlossen sein. Unter den Investoren befindet sich mit dem italienischen Rüstungskonzern Leonardo ein prominenter Name – und ein kontroverser. Der Einstieg des Unternehmens brachte FlyingBasket Kritik ein. Vor dem Firmensitz fand sogar eine, wenn auch kleine, Demonstration statt. Für die Gründer nicht nachvollziehbar: „Wir entwickeln unsere Drohnen für zivile Einsatzbereiche und arbeiten mit Leonardo nicht im militärischen Bereich zusammen“, unterstreicht Moritz. Im zivilen Bereich arbeite man durchaus zusammen.
Neben Leonardo, dem zehn Prozent der Anteile gehören, hält der Risikokapitalfonds Cysero 25 Prozent. Weitere Investoren halten ebenfalls Anteile. Den beiden Moroder-Brüdern gehören mittlerweile weniger als 50 Prozent, aber die Mehrheit der Stimmrechte. Und ein Teil der Anteile gehört den Mitarbeitenden: „Sie bekommen relativ früh Anteile, damit sie etwas davon haben, sollte das Unternehmen verkauft werden oder an die Börse gehen“, sagt Moritz.
Einen Börsengang halten sich Moritz und Matthias Moroder als Option offen, sollte das Unternehmen irgendwann Kapital benötigen. Aber das sei noch Zukunftsmusik. Vorerst gehe es darum, die Produktion hochzufahren und eine neue Drohne, die zurzeit getestet wird und die höhere Lasten tragen soll, weiterzuentwickeln. Dann wollen die Moroder-Brüder weiterdenken. Schritt für Schritt – so schnell, wie es das Gesetz erlaubt.
Dieser Artikel ist in der gedruckten SWZ mit folgendem Titel erschienen: Höhenflug mit Hindernissen


















