Bozen – Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung verströmten vergangene Woche Südtirols Schulverantwortliche. Südtirol habe schon eine „gute Schule“, betonten Bildungslandesrat Philipp Achammer und Schulamtsleiter Peter Höllrigl bei einer Pressekonferenz, bei der erklärt wurde, wie Südtirol die staatliche Schulreform „La buona scuola“ umzusetzen gedenkt. Und selbiges unterstrich Achammer einen Tag später bei der Herbsttagung des Verbandes der Autonomen Schulen Südtirols (ASSA) im Chor mit ASSA-Vorsitzender Ingrid Keim. In der Zeitschrift „Info Spezial“ des Deutschen Bildungsressorts zum Schuljahr 2015/16 klingt es ganz ähnlich: Schulamtsleiter Peter Höllrigl freut sich darüber, dass „zahlreiche Bildungsverantwortliche aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, aus Dänemark und Polen, um nur einige Länder zu nennen“, alljährlich Südtirols Kindergärten und Schulen besuchen und „sozusagen unserem Erfolg auf der Spur“ sind. Ist Südtirols Schule wirklich so gut?
Wer mit Unternehmern redet, hat diesen Eindruck nicht. Sie beklagen beim Nachwuchs zunehmende Lücken bei Basiswerkzeugen wie Rechtschreibung und Mathematik. Sie stellen fest, dass die Leistungsbereitschaft zu wünschen übrig lässt, nicht bei den jungen Topleuten, sehr wohl aber beim Durchschnitt – die Frage ist, ob sich Leistungsbereitschaft überhaupt lernen lässt in einem Schulsystem, das das Wiederholen einer Klasse zur Ausnahme macht. Auch in Sachen Mehrsprachigkeit existiert noch genügend Luft nach oben, zumal in einem mehrsprachigen Land wie Südtirol. Wenn sich Lehrervertreter empört dagegen wehren, von Eltern und Kindern bewertet zu werden, so wie dies Renzis Reform vorsieht, kommen ebenfalls Zweifel auf, ob die Schule wirklich so gut ist, wie sie das von sich behauptet. An den heimischen Schulen lehren unzählige fähige Pädagogen, leider aber auch viele überforderte. Es fehlt ihnen nicht an Fachkenntnis, sondern an Geschick und Feingefühl für ihren didaktischen Auftrag, was erstens dem Image der gesamten Berufskategorie schadet und zweitens dazu führt, dass die Kinder gar nicht lernen oder – im besten Fall – sogenanntes „Bulimielernen“ betreiben: auswendig lernen für die Schularbeit und dann raus aus dem Gedächtnis! Es ließe sich also auch an der Qualität des Unterrichts arbeiten.
Antworten auf die (schwierigen) Fragen, wie die Schule das zunehmende kulturelle Mischmasch in den Klassenzimmern bewältigen kann und wie sie wirksam nicht nur die schwachen, sondern auch die begabten Schüler fördert, sind bisher ebenfalls nicht in befriedigendem Maße gefunden. Oder eine andere Frage: Wie kann es gelingen, die Eltern dafür zu sensibilisieren, dass nicht nur die Schule, sondern auch sie selbst Verantwortung tragen für die Ausbildung und somit Zukunft ihrer Kinder?
In Südtirols Schule ist sicher nicht alles schlecht, im Gegenteil. Aber Sätze wie „Wir haben eine gute Schule! Gute Schulen brauchen Ruhe.“ – gefallen bei der ASSA-Herbsttagung – sind fehl am Platz. „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“, hat Philip Rosenthal festgestellt.
Die Schule spielt eine zentrale, wenn auch oft unterschätzte Rolle für die Gesellschaft. Regierungschef Matteo Renzi hat es einmal treffend so ausgedrückt: „In der Bildung entscheidet sich unsere Chance, eine internationale Supermacht zu sein.“ Die Schule schafft die Basis dafür, wie attraktiv und wettbewerbsfähig wir morgen als Gesellschaft und Wirtschaft sein werden. Alleine kann die Schule diese Herausforderung nicht bewältigen, eine bedeutende Rolle spielt sie aber allemal. Das hat vor Kurzem auch Handelskammerpräsident Michl Ebner unterstrichen, als er die Impulse der Handelskammer zum Thema Bildung vorlegte.
Selbstbewusstsein darf Südtirols Schule an den Tag legen, Selbstgefälligkeit aber nicht. Die Bildungsdialoge, die Landesrat Achammer zur „Buona Scuola“ einberufen hat und die am heutigen Freitag in Brixen, am Dienstag in Bozen und am Mittwoch in Meran stattfinden (Bruneck machte am Mittwoch den Anfang), sollten nicht in einer Selbstbeweihräucherung enden. Sie wären eine gute Gelegenheit, in aller Ehrlichkeit auch Unangenehmes anzusprechen. Nur mit Veränderungswillen und mit dem Mut, sich dauernd in Frage zu stellen, sind Verbesserungen möglich. Das wissen die heimischen Unternehmen, vor allem die erfolgreichen.


















