Eurac-Tagung: Die Welt erklären

Bozen – Die Welt wandelt sich mit einer noch nie dagewesenen Geschwindigkeit. Für Menschen bedeutet das eine permanente Unsicherheit darüber, was in zehn, fünf oder selbst in nur zwei Jahren geschieht. Kompetenzen, die uns früher weit gebracht hätten, sind heute weniger gefragt. An ihre Stelle treten andere Fähigkeiten, zum Beispiel jene, die Zukunft zu verstehen und sie vorwegzunehmen, die sogenannte Futures Literacy, die „Lesefähigkeit der Zukunft“.

„Zukunft muss man benutzen“

Unter anderem über sie sprachen Expert*innen der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur Unesco und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Oecd bei der Tagung „Wer erklärt uns die heutige Welt?“ von Eurac Research in der vergangenen Woche (siehe beistehende Infobox und Artikel „Jetzt handeln„). „Zukunft muss man benutzen“, betonte Riel Miller, Head of Futures Literacy bei der Unesco in Paris. Denn in ihr beginne jede Transformation. Zukunftsbilder müssten generiert werden, an denen man aktuelles Handeln orientiert und bewertet, um diese Zukünfte herbeizuführen, besser mit ihnen umzugehen zu lernen und auch mögliche Krisen vorwegzunehmen bzw. zu trainieren. Zur Beantwortung von Zukunftsfragen führt also strategisches Vorausschauen mit gleichzeitigem Blick auf die Gegenwart.

Entscheidungen und Strategien verbessern

Einen Schritt weiter als Riel ging Edgar Göll vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung IZT in Berlin. Er sprach über die Vorteile guter Zukunftsforschung, deren Möglichkeiten und Praxis. Auf einer theoretisch-konzeptionellen Ebene erlaube Zukunftsforschung Erweiterungen in drei Dimensionen. Gefragt werden müsse nicht nur nach dem, was wir bereits kennen, sondern auch nach dem, was denkbar ist (inhaltliche Ebene: was?). Außerdem müssten neben Fach- auch Alltagsexpert*innen gehört werden (gesellschaftliche Ebene: wer?). Durch eine Ausdehnung des Zeithorizonts könnten neue Akzente gesetzt werden (zeitliche Ebene: wann?). Konkret könne Zukunftsforschung einen Beitrag dazu leisten, Entscheidungen und Strategien zu verbessern. Transparenz und Orientierungswissen für Entscheidungen könnten hergestellt werden, zum Beispiel durch die Visualisierung von Trends.

Bildung in neuen Kontext stellen

Wie diese Erkenntnisse heruntergebrochen und in den Schulen angewandt werden können, versuchte Hanns-Fred Rathenow, ehemaliger Direktor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften und historisch-politische Bildung an der TU Berlin, zu erklären. „Wir brauchen Methoden für Inhalte, die weit über das Fachliche hinausgehen“, mahnte er. Die Fachstrukturen der Universitäten sollten nicht mehr in den Schulen abgebildet werden. Wünschenswert sei vielmehr eine transformative Bildung, die die Schüler*innen in die Lage versetzt, in ihre unmittelbare Lebensumgebung verändernd eingreifen zu können. Um Schüler*innen zukunfts- und somit gestaltungsfähig zu machen, bräuchte es trans-, multi- und interdisziplinären Unterricht, unterstrich Rathenow.

Ebenfalls auf die Schule ging Barbara Ischinger ein, von 2006 bis 2014 Oecd-Direktorin für Bildung und Kompetenzen (PISA) und ehemalige Unesco-Direktorin für Kulturkommunikation. Angesichts der aktuellen globalen Entwicklung müsse Bildung in einen neuen Kontext gestellt werden, sagte Ischinger. Als eine der größten Herausforderungen für Europa nannte sie China. Das Land habe bereits heute mehr Uniabsolvent*innen als Europa Kinder insgesamt. In der jüngsten Pisa-Studie schnitt China herausragend ab. Das Land der Mitte lockt auch Expert*innen aus dem Ausland an. „Wie treten wir dem entgegen?“ Lehrer*innen und Professor*innen müssten dazu angeregt werden, Schüler*innen zu motivieren, und zwar ohne zu großen Druck wie in China.

Edition: 04-20