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Die Trauer um die stille Zeit

Immer, wenn Weihnachten naht, wird eine sehr moderne Klage verbreitet: Der Advent ist leider keine stille Zeit mehr, sondern hektisch und von Konsum geprägt. Was für ein Blödsinn!

Robert Weißensteiner von Robert Weißensteiner
13. Dezember 2013
in Gesellschaft
Lesezeit: 3 mins read

Es gibt Sachverhalte, die im privaten Kreis und öffentlich über die Massenmedien immer auf eine bestimmte Weise dargestellt werden, unabhängig davon, ob die Beschreibungen zutreffend sind oder nicht. Zu ihnen gehört jedes Jahr im Advent das Bedauern darüber, dass in den Wochen vor Weihnachten der Geschenke-Stress umgeht, allenthalben Hektik herrscht und unsere Konsumgesellschaft ein schrilles und kitschig geschminktes Gesicht zeigt. Dabei sollten, so heißt es, die Tage vor dem großen Fest doch eine stille Zeit sein, eine Zeit der Erwartung und Besinnung, der Entschleunigung, des Zur-Ruhe-Kommens. Die Klagen werden gebetsmühlenartig verbreitet, teils aus angeblich religiösen Gründen, teils aus ganz profanen oder ideologischen (die böse Konsumgesellschaft!). Ich gebe zu: Auch mir ist schon öfters eine unbedachte Bemerkung herausgerutscht, die in diese Richtung weist. Oft Gehörtes wird eben gern nachgeplappert, die Macht der Gewohnheit ist groß. Aber dann schien mir wieder, dass die Klagen zumeist nicht echt sind, sondern einfach so hingestreut werden. Und je mehr ich darüber nachdenke, umso ungerechtfertigter, ja dümmer finde ich sie.

Wir kennen sie vielleicht noch, die Erzählungen der Eltern oder Großeltern: Vor 60 und mehr Jahren herrschte Schmalhans Küchenmeister auf vielen Gabentischen. Da brachte das Christkind in vielen Familien den vielen Kindern nur ein paar Nüsse und zwei Orangen, dazu vielleicht noch selbst gestrickte Wollhandschuhe. Auch damals hat es unterm Weihnachtsbaum freudige und enttäuschte Gesichter gegeben. Die Zeit war weniger „konsumistisch“, weil die Einkommen einfach nur zum Nötigsten reichten. Waren die Tage im Advent damals stiller? Ja, das waren sie, denn es gab keine lauten Weihnachtsmärkte, auf denen sich Tausende Menschen drängten, es gab weniger Straßenverkehr, in den Geschäften stapelten sich viel weniger Waren und drängten sie viel weniger, Menschen, weil sich alle anderen das einfach nicht leisten konnten, was da angeboten wurde. Es gab also von allem weniger und deshalb war alles leiser. Aber nicht alles, was leise ist, ist auch gut. „Still schweigt Kummer und Harm“, heißt es im Lied „Leise rieselt der Schnee“. Der Texter dürfte die Dinge stark beschönigt haben: Die existenziellen Sorgen vieler Menschen damals in ihren schlecht geheizten Wohnungen konnte kein Schnee zudecken, und die Feststellung „Sorge des Lebens verhallt“ war wohl eher eine Wunschvorstellung. „Die Sorgen möchte ich haben!“ würde mancher unserer Vorfahren mit Blick auf unsere Klagen über die laute Verbraucherwelt sagen.

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Darüber hinaus haben die meisten von uns heute eine Wahl: Wir können uns, falls nicht direkt im Weihnachtsgeschäft tätig, unseren Advent selbst gestalten, wir können entscheiden, ob wir konsumieren und reichlich schenken oder ob wir gegenseitig ganz oder weitgehend auf Geschenke verzichten und damit dem Einkaufszwang entgehen wollen. Dabei muss ich anmerken, dass es für mich noch nie ein Stress war, für liebe Menschen etwas auszusuchen und zu kaufen. Wer am Goldenen Sonntag durch die Geschäfte zieht, tut das meist insgeheim nicht ungern, denn wenn es anders wäre, würde er oder sie mit Schneeschuhen über einsame Almwiesen wandern. Noch nie hatten Menschen so viele Möglichkeiten, sich selbst ein Weihnachten nach ihren Vorstellungen zu gestalten, ein ganz stilles Fest, ein besinnliches und erholsames, oder eines mit Prunkbeleuchtung, einem Berg von Geschenken und Liedern aus der Stereoanlage. Wer eine stille Nacht will, kann sie haben, kann in sich hineinhorchen, sich darüber freuen, dass es keine Geschenke gibt, und um neun ins Bett gehen – oder leise und bedacht mit seiner Familie feiern und glücklich darüber sein, für einen guten Zweck gespendet statt unnütze Dinge gekauft zu haben.

Aber nein, wir tun nicht einfach, was uns zusagt, wir halten uns nicht an die Erkenntnis, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden muss, sondern wir klagen, weil das dem Zeitgeist entspricht, weil wir meinen, uns auf diese Weise abheben zu müssen vom Massenverhalten. Zuweilen drängt sich mir ja der Verdacht auf, dass die, die am lautesten ein ganz anderes Weihnachten einfordern, am meisten dazu beitragen, dass es nicht kommt. Wenn alle, die über den Konsum und den Adventstress klagen, sich diesen entziehen würden, wären unsere Geschäfte in diesen Wochen gefährlich leer. Die Tatsache, dass die Läden recht voll sind, zeigt, wie gewaltig der Unterschied zwischen dem Reden und dem Tun ist.

Übrigens: Ich habe mir vorgenommen, nie wieder in den Chor derer einzustimmen, die sich an Weihnachten à la Wohlstandsgesellschaft stoßen. Und ich hoffe, dass mir das Christkind die Einsicht bringt, doch wieder umdenken zu können, falls ich mit meiner Einschätzung daneben liegen sollte.

Schlagwörter: 48-13freenomedia

Ausgabe 48-13, Seite 7

Robert Weißensteiner

Robert Weißensteiner

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